Nur Streit - DER SPIEGEL
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OSTAFRIKA Nur Streit

Der bislang verheißungsvollste wirtschaftliche Integrationsversuch in Afrika gilt als gescheitert.
• aus DER SPIEGEL 7/1977
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Über 20 Millionen Mark pumpten sich die Ostafrika-Staaten Kenia, Uganda und Tansania im Ausland. Dann machten sie sich gemeinsam an ein Prestige-Projekt: In einem staubigen Vorort in Arusha im Norden Tansanias errichteten sie einen mächtigen Bürokomplex, der in Kürze das Hauptquartier ihrer Ostafrikanischen Gemeinschaft (OAG) beherbergen soll.

Der kostspielige Bau könnte sich schon bald als teure Fehlinvestition erweisen. Noch ehe alle OAG-Funktionäre eingezogen sind, befürchten Experten, ist die Gemeinschaft tot.

Dabei galt der 1967 gegründete Wirtschaftsverbund lange Zeit als Modell für Afrika.

Wichtigstes Ziel des einst erfolgversprechendsten Integrationsversuchs auf dem Schwarzen Kontinent: Die wirtschaftliche Ungleichgewichtigkeit der Partner sollte vermindert, der gegenseitige Handel verstärkt und so alle drei Staaten zu mehr Wohlstand geführt werden.

Ein begrenzter Zollschutz für die Partnerstaaten mit weniger entwickelter Industriestruktur beispielsweise sollte neue Firmenansiedlungen in Uganda und Tansania begünstigen.

Wirtschaftlichen Lastenausgleich versprachen sich die Partner von einem gemeinsamen Fonds, in den sie 20 Prozent der jeweils in ihrem Staatsgebiet eingenommenen Einkommensteuer und drei Prozent der Verbrauchsteuern und Zölle einzuzahlen sich verpflichteten.

Doch die Solidarität des Dreibundes hielt nicht lange. Zehn Jahre nach Gründung der Gemeinschaft herrscht in Ostafrika mehr Streit als Einigkeit. Uganda und Tansania neiden Kenia den relativen Wohlstand, Kenia höhnt über die wirtschaftliche Rückständigkeit Tansanias, Tansania mißtraut Uganda nicht weniger als Kenia.

So ist das höchste Exekutivorgan der Gemeinschaft, die East African Authority, das sich aus den drei mit Vetorechten ausgestatteten Staatspräsidenten -- Kenias Jomo Kenyatta, Ugandas Idi Amin, Tansanias Julius Nyerere -- zusammensetzt, seit Jahren nicht mehr zusammengetreten.

»Das Erstaunlichste an der OAG ist«, spottete unlängst ein Insider in Kenias Hauptstadt Nairobi, »daß sie überhaupt so lange gehalten hat,« Denn Kenia steuert einen westlich ausgerichteten, kapitalistischen Kurs mit größtmöglicher Freiheit für die Privatwirtschaft -- in der die politischen Cliquen kräftig mitmischen. Tansania schwört auf Staatswirtschaft mit engen ideologischen Bindungen an die sozialistischen Länder. Uganda treibt unter Amin ins Chaos.

Statt ihre wirtschaftliche Entwicklung, wie im Gemeinschaftsvertrag vorgesehen, auszubalancieren, setzten die Mitgliedstaaten zu einem Wettlauf an, bei dem schließlich alle verloren,

Industriebetriebe beispielsweise, die nur für den gesamten Ostafrika-Markt rentabel produzieren können, wurden in zwei oder gar drei Ländern angesiedelt -- etwa Reifenfabriken in Kenia und Tansania. Obwohl in Uganda und Tansania schon fast zu viele Textilbetriebe produzieren, forcierte Kenia den Ausbau der gleichen Branche.

Wie bei der Entwicklung der Industrien lief auch im Handel fast alles schief. Der Warenaustausch innerhalb der

Gemeinschaft nimmt -- gemessen am Gesamthandel -- ständig ab. Tansania, das gegen Amin von Anfang an Front machte, boykottierte zeitweilig ugandische Waren.

Selbst bei Briefmarken läßt sieh der Tiefstand der ostafrikanischen Zusammenarbeit ablesen. Die jahrzehntelange Regel, daß die Wertzeichen der Mitgliedsländer in der gesamten Gemeinschaft gelten. wurde außer Kraft gesetzt -- symptomatisch auch für den Zerfall der Währungsgemeinschaft.

Ursprünglich konnten die drei Landeswährungen im Verhältnis eins zu eins getauscht werden. Die unterschiedliche Einschätzung der Wirtschaftskraft der Länder und vor allein das Vertrauen in die stabile Währung des in der OAG stärksten Partners Kenia führten zu einem Devisenschwarzmarkt mit kräftigen Kurssehwankungen. Uganda und Tansania flüchteten in scharfe Devisenkontrollen.

Längst sind auch wichtige Gemeinschaftseinrichtungen praktisch liquidiert. In den vier privatwirtschaftlich organisierten, formal aber öffentlichrechtlichen Gesellschaften der Gemeinschaft -- Fluglinie East African Airways, Eisenbahn East African Railways, Häfen und Post- und Fernmeldewesen -- sind die Partner hoffnungslos zerstritten.

Die East African Airways (EAA) sind derzeit größter Zankapfel der Gemeinschaft. Die Gesellschaft muß auf Wunsch Daressalams in Tansania rund zweieinhalbmal so viele Flughäfen (elf) bedienen wie in Kenia -- und fliegt so fast nur Verluste ein.

Die rentabelste ostafrikanische Strecke, Nairobi-Mombasa, bringt nur deshalb nichts ein, weil sie aus politischen Gründen über den ebenso prachtvollen wie überflüssigen Kilimandscharo-Flughafen einst als Zentralflughafen der geplanten ostafrikanischen Staatengemeinschaft gedacht -- geführt wird.

Zum offenen Eklat kam es vorletzte Woche. Verärgert darüber, daß Tansania und Uganda längst überfällige Gelder nicht überweisen, ließen die Manager der Hauptverwaltung in Nairobi keine Maschinen mehr zu den Nachbarn starten. Im Laufe eines Tages legten sie in Nairobi alle vier Super VC 10, zwei von drei DC 9, eine Fracht-Boeing 707 und vier von sechs Fokker-Turboprop-Flugzeugen still.

Tags darauf richte sich Daressalam: Es hielt eine DC 9 und zwei Fokker fest.

Inzwischen weigern sich fast alle internationalen Fluggesellschaften, Tickets der afrikanischen Airline zu akzeptieren. Shell, Mobil Oil und British Petroleum lassen die LAA nur noch gegen Barzahlung tanken.

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