PETRODOLLAR Öfter nein
Es könnte alles sehr schnell gehen: Die Katastrophe kommt fast über Nacht.
An einem Donnerstag gibt das brasilianische Regime bekannt, daß es Zinsen und Tilgung für seine Auslandsschulden nicht mehr aufbringen kann. In streng geheimen Verhandlungen hatten Bankiers und Politiker zuvor versucht, Geld für neue Brasilien-Kredite zusammenzubringen. Doch der Vertrauensschwund war schon zu stark.
Nun sickert durch, daß zwei internationale Banken besonders hohe Brasilien-Außenstände haben. Schlagartig ziehen Großanleger daraufhin ihre Gelder von diesen Banken ab.
Die beiden Kreditinstitute halten den Run ihrer Kunden nur wenige Tage durch. Dann geht es ihnen wie ihrem Haupt-Schuldner: Sie können nicht mehr zahlen.
Panik erfaßt jetzt auch die Kunden bislang durchaus noch solventer Banken. Durch hektische Milliarden-Transfers versuchen Ölscheichs und Finanzmanager multinationaler Gesellschaften von ihren Einlagen zu retten, was noch zu retten ist, und treiben so das internationale Finanzsystem erst recht ins Chaos. Die kunstvoll aufgetürmte internationale Kredit-Pyramide kracht zusammen und begräbt selbst scheinbar erzsolide Bankhäuser unter sich.
Alpträume wie dieser machen vielen Bankiers zu schaffen. Nach den jüngsten Ölpreisschüben fürchten sie eine Kettenreaktion von Staatsbankrotten und Bankpleiten, wenn erst einmal einer ihrer Großschuldner am Ende ist.
So weit weg von der Wirklichkeit ist dieser Alptraum gar nicht. »Schon der nächste Zahlungsverzug«, warnte vorige Woche der britische Währungs- und Wirtschaftswissenschaftler Thomas Balogh die Milliardenmakler in New York, Frankfurt und London, »könnte einen Domino-Effekt auslösen, der dann zu einer Katastrophe führen müßte.«
Die Kreditmanager der internationalen Banken, die jahrelang einen Überfluß an Petrodollars umverteilen mußten, haben sich in eine Klemme manövriert: Sie haben Milliarden und Abermilliarden zu schlechten Konditionen an zu schwache Kunden ausgeliehen. Viele Länder der Dritten Welt können ihre Schulden nur noch durch neue Schulden tilgen.
Allein die Brasilianer brauchen dieses Jahr etwa 30 Millionen Dollar pro Tag, wenn sie nicht mit Zinsen und fälligen Tilgungsraten für ihre fast 60 S.146 Milliarden Dollar Schulden in Verzug kommen wollen. Die Räder in Brasiliens Industriemetropolen wie Sao Paulo rollen nur noch auf ständig neuem Pump.
»Wir sind doch verrückt«, stöhnt ein Zürcher Banker, »daß wir kurzfristige Einlagen der Araber zu erbärmlichen Spannen mittelfristig an Länder ausleihen, die eigentlich schon nicht mehr kreditwürdig sind.«
Riskante Kredite und miserable Margen nerven auch die deutschen Bankiers. Erst vor wenigen Tagen schlug die Luxemburger Tochter der Bayerischen Vereinsbank Alarm.
Die Manager der deutschen Eurobank (Bilanzsumme: 4,5 Milliarden Mark) zahlten erstmals keine Dividende an die Münchner Mutter mehr. Sie steckten den gegenüber dem Vorjahr auf fast die Hälfte geschrumpften Bilanzgewinn voll in die Reserven, da sie »mit steigenden Länderrisiken rechnen«.
Denn von Ende 1973 bis heute wuchsen die öffentlichen Auslandsschulden der Entwicklungsländer um etwa 200 Milliarden auf 280 Milliarden Dollar. Die durchschnittliche Schuldenlast dieser Länder stieg in diesem Zeitraum von 13,4 auf 19,3 Prozent des Bruttosozialprodukts.
Einigen kleineren Ländern wurde die Schulden-Bürde schon zu schwer. Länder wie Jamaika und Nicaragua, Peru und Zaire mußten ihre Gläubiger bitten, die Rückzahlungsfristen zu verlängern.
Ereignisse wie der Umsturz im Iran, der Krieg am Golf und der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan haben die Banker zusätzlich nervös gemacht. Ihr Risikobewußtsein ist geschärft, und viele Länder bekamen das schon zu spüren.
So borgten die Banken den Entwicklungsländern, die nicht der Opec angehören, im ersten Halbjahr 1980 nur noch insgesamt 27 Milliarden Dollar. Im Halbjahr zuvor hatten sie diesen Ländern mit Krediten in Höhe von 44 Milliarden Dollar noch fast doppelt soviel gepumpt.
Die Zahl der Fälle, berichtete Wilfried Guth, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, bei denen »wir uns verpflichtet fühlten, nein zu sagen, hat sich erhöht«.
Nur durch ständig neue Kreditspritzen aber sind die meisten Schuldner-Staaten der Dritten Welt noch vor dem Finanzinfarkt zu retten. Schon 1978 mußten sie 27 Prozent aller Gelder, die sie bei den Eurobanken in London, Luxemburg und Paris ausliehen, für die Tilgung fällig werdender alter Schulden einsetzen.
In diesem Jahr werden die Entwicklungsländer, ausgelaugt durch hohe Ölrechnungen und interne Mißwirtschaft, sogar jeden zweiten geborgten Dollar dazu verwenden, alte Verbindlichkeiten abzulösen. Und in vier Jahren werden sie voraussichtlich zwei Drittel aller neu aufgenommenen Bankkredite gleich wieder an ihre Gläubiger zurückzahlen müssen.
Für die Luxemburg-Manager der Bayerischen Vereinsbank ist denn auch »kaum noch vorstellbar, daß die Banken die hohen Anforderungen, die das Recycling der Ölgelder an sie stellt, S.147 auch in Zukunft reibungslos bewältigen können«.
Erste Schwäche-Symptome sind in den Bilanzen mancher Banken bereits erkennbar. Bei den 100 größten internationalen Geldinstituten ging die sogenannte Deckungsquote -- eine Kennziffer, die das Verhältnis von Eigenkapital zu Bilanzsumme der Banken angibt -- binnen Jahresfrist von 3,85 auf 3,5 zurück.
Die Banken brauchen daher neues haftendes Kapital, wenn sie ständig weitere Petrodollar-Einlagen hereinnehmen und wieder ausleihen wollen. Überdies sind sie in vielen Fällen auch schon an ihre Länder-Limits gestoßen -- an jene Grenzen, die sie sich für die Kreditvergabe an die einzelnen Schuldner-Staaten gesetzt haben.
Für die fünf bis sechs Dutzend ärmsten Staaten der Dritten Welt zogen die Geschäftsbanken diese Grenze ohnehin stets bei Null. Das heißt, Habenichtse wie Mali, Malawi oder Madagaskar konnten keine privaten Kredite lockermachen, weil den Bank-Managern das Risiko eines Staatsbankrotts immer schon zu hoch war.
Bereits nach der ersten Ölpreis-Explosion von 1973/74 waren diese Elends-Staaten daher allein auf die Entwicklungshilfe der Industriestaaten und der supranationalen Weltbank in Washington angewiesen. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) in Washington half den ärmsten Ölimporteuren mit ein paar Milliarden Dollar aus, mit denen die Löcher in der Zahlungsbilanz meist nur notdürftig gestopft wurden.
Wirtschaftlich stärkere Entwicklungsländer aber glaubten, den Gang zum IWF nicht nötig zu haben. Sie nahmen lieber die höheren Zinsen für private Bank-Kredite in Kauf, als sich den strengen wirtschaftspolitischen Auflagen zu unterwerfen, an die der IWF seine Kreditvergabe knüpft.
So verlangte der IWF von seinen Schuldnern, durch Kürzen der Staatsausgaben und Abwerten der Währung die Zahlungsbilanz-Defizite abzubauen. Die Banken dagegen liehen ihr Geld meist schon im Vertrauen darauf aus, daß es sich bei Schuldnern wie Brasilien, Mexiko und Zaire um potentiell reiche Länder mit großen Rohstoff-Reserven handelt.
Doch Banken und IWF-Mitgliedsländer sind sich nunmehr einig, daß der Währungsfonds künftig mit weit mehr Milliarden für die Dritte Welt einspringen muß als in den vergangenen Jahren. IWF-Experten haben bereits weniger strenge Richtlinien für ihren Geldverleih ausgearbeitet und prüfen jetzt, ob sie sich die notwendigen Mittel für zusätzliche Kredite bei den Geschäftsbanken beschaffen können.
Bislang nämlich finanzierte der Fonds Darlehen an bedürftige Mitgliedsländer nur aus den eigenen Reserven oder durch Anpumpen reicher IWF-Mitglieder. Die Reserven des Währungsfonds aber sind begrenzt, und die Kreditaufnahme bei reichen Mitgliedsländern stockt.
Die Industrieländer fallen als Kreditgeber aus, da sie finanziell gegenwärtig selbst klamm sind. Und die arabischen Petrodollar-Staaten weigern sich aus politischen Gründen, die vom IWF vorgesehenen 25 Milliarden Dollar für Kredite an Entwicklungsländer herauszurücken. Sie sind darüber erbost, daß der Palästinensischen Befreiungsfront bei der IWF-Jahrestagung Ende September kein Beobachter-Status eingeräumt worden war.
Den privaten Banken käme es sehr zupaß, wenn der IWF sich bei ihnen die Mittel für Kredite an die Öl-Habenichtse holen würde. Denn das Risiko, daß der Schuldner zahlungsunfähig werden könnte, ist bei Kreditnehmern wie dem IWF gleich Null.
So würden die Bankiers am Geschäft mit den Petrodollars -- über die zusätzliche Schaltstation IWF -- weiterhin voll beteiligt sein. Ihr Gläubiger-Risiko aber würde erheblich sinken.
Wie gedeihlich sich die Banken eine Kooperation mit dem IWF vorstellen, zeigte sich bereits bei Krediten an die Türkei.
Der IWF war dem zahlungsunfähigen Land im Juni vergangenen Jahres unter der Voraussetzung beigesprungen, daß auch die internationalen Banken ihren Schuldner mit neuen Krediten stützen.
Doch die Bankmanager wußten die Gelegenheit besser zu nutzen: Nach der IWF-Zahlung an Ankara trieben sie die Raten für ihre bisherigen Türkei-Kredite ein.