Ölkrise Experten geben Entwarnung
Hamburg - Hohe Ölpreise gleich große Frustration. Diese Gleichung gilt zumindest für unsere französischen Nachbarn. Dort blockieren Fernfahrer Rohöllager und verlangen Hilfen von der französischen Regierung, um die gestiegenen Treibstoffpreise zu kompensieren.
Der Forderungskatalog: die sofortige Senkung der Benzinsteuern, Gewerbesteuern und Sozialabgaben. "Die Blockade strategischer Anlagen in Frankreich ist zeitlich unbegrenzt", erklärte der Branchenverband Unostra. Sollte die Blockaden weitergehen und ausgeweitet werden könnte es schon bald zu ersten Versorgungsengpässen in Frankreich kommen.
Weltweit besteht die Gefahr von Engpässen bei der Rohölversorgung jedoch nicht. Dies glauben jedenfalls die deutschen Konjunkturexperten. Die Ängste vor einer globalen Energie- und Wirtschaftskrise seien unbegründet, sagt etwa Klaus-Jürgen Gern, Konjunkturexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft: "Die Weltkonjunktur ist relativ robust gegenüber dem Ölpreisanstieg."
Laut Gern hat dies vor allem zwei Gründe: Das Wachstum in China treibe zwar die Ölpreise, doch zugleich stärke der Boom in China die Nachfrage. Zum zweiten gebe es gegenwärtig sehr niedrige Zinsen, erläuterte Gern. "Das war bei früheren Ölschocks nicht der Fall. Da trafen hohe Zinsen auf einen Ölpreisanstieg."
Für die deutsche Konjunktur ist Gern jedoch ein etwas pessimistischer: Die Kaufkraft schwäche sich durch den Ölpreisanstieg ab - und das in einer Situation, bei der die Binnennachfrage ohnehin "wenig Luft nach unten" habe. Aber auch hier ist die Lage dank der Erfolge beim Export nicht so düster wie befürchtet. "Solange der Außenhandel Impulse gibt, rutscht die deutsche Wirtschaft nicht in eine Rezession", so der Experte.
Auch Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitutes, geht davon aus, dass "die hohen Ölpreise wieder runterkommen werden". Der Ökonom rechnet trotzdem mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums von bis zu einem halben Prozent. Die entscheidende Frage werde sein, ob es zu so genannten Zweitrundeneffekten komme oder nicht. "Und dann kann das in der Tat eine Inflation auslösen. Und das wäre das eigentliche Problem für die mittlere und längere Frist."
Deutschland zapft Ölreserven an
Um den Preisanstieg kurzfristig abzufedern hat Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) seine Bereitschaft noch einmal bekräftigt, die deutschen Ölreserven anzuzapfen. In der international abgestimmten Aktion will Deutschland vom 7. September an für 30 Tage maximal 474.000 Tonnen Rohöl oder Ölprodukte aus der strategischen Reserve frei geben.
Der Beitrag macht damit nur ein Bruchteil der gesamten deutschen Notreserven aus. Sie umfassen rund 25 Millionen Tonnen und müssen per Gesetz für 90 Tage reichen. Welche Mengen und Anteile von Rohöl oder Ölprodukten in den Markt gegeben werden, sei noch offen, hieß es aus dem Wirtschaftsministerium. Dies sei Gegenstand der Gespräche mit dem Erdölbevorratungsverband (EBV) in Hamburg. Der EBV rechnet damit, dass Deutschland entweder 100 Prozent Benzin oder zwei Drittel Benzin und ein Drittel Diesel beziehungsweise Heizöl freigeben werde.
Die Internationale Energie-Agentur (IEA) koordiniert die gemeinsame Aktion nach der Hurrikan-Katastrophe im Süden der USA. Sie stellt täglich rund zwei Millionen Barrel (Ein Barrel entspricht etwa 159 Liter) für einen Zeitraum von 30 Tagen bereit, um die Märkte zu entlasten. Deutschland ist als IEA-Mitglied mit einer Quote von sechs Prozent daran beteiligt. Die deutschen Mengen werden vom EBV ausgeschrieben und im Markt zu aktuellen Preisen an den Meistbietenden verkauft. Das Benzin wird nicht nach Amerika verschifft, sondern entlastet den Ölhafen Rotterdam. Die Auslieferung der Reservemengen wird wahrscheinlich in der nächsten Woche anlaufen.
Allein die Ankündigung sorgt für Entspannung
Auch ohne das Anzapfen der Ölreserven zeigen sich bereits erste Entspannungstendenzen. Der Preis für Rohöl der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) ist wieder leicht gefallen. Am Freitag kostete ein Barrel aus den Fördergebieten des Kartells im Durchschnitt 60,73 US-Dollar. Das waren 64 Cent weniger als am Vortag (61,37 Dollar), teilte das OPEC-Sekretariat heute mit.
Auch der Preis für ein Barrel der Nordsee-Sorte Brent ist leicht gesunken. 159 Liter kosteten am heute Nachmittag 65,65 Dollar 1,41 Dollar weniger als am Freitagabend. Die Ankündigung, die Notreserven anzuzapfen, hatte am Freitag dazu geführt, dass der Preis unter 65 Dollar gerutscht war. Am vergangenen Dienstag hatte er mit 68,89 Dollar ein Rekordhoch erreicht.
Auch die Opec-Länder versuchen den Preis für Öl weiter zu stabilisieren. "Die OPEC-Staaten produzieren derzeit 30,4 Millionen Barrel am Tag. Dies ist mehr als der Markt braucht, um strategische und gewerbliche Bestände zur Preisstabilisierung aufzubauen", sagte Opec-Präsident Scheich Ahmed Fahed al-Sabah. Nach eigenen Angaben produzieren die Länder rund eine Million Barrel mehr als nötig.
Angesichts erster Anzeichen von Entspannung werden die französischen LKW-Fahrer ihre Forderungen nach Steuervergünstigungen wohl schnell durchzuboxen müssen.