Ölpreis Im Bann der östlichen Intuition?
Im Grunde genommen sind freie Märkte eine banale Veranstaltung. Der Preis richtet sich immer nach Angebot und Nachfrage - und bringt diese jeweils zum Ausgleich. Steigt folglich die Nachfrage oder geht das Angebot zurück, dann entwickeln sich die Preise aufwärts. So jedenfalls erklärt uns das die Theorie.
Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Denn hier treten neben die puren Quantitäten plötzlich die Erwartungen - und damit auch die Spekulation. Sind nun die Erwartungen mehrheitlich auf einen Preisanstieg gerichtet, dann erhöht sich ganz plötzlich die Nachfrage und lässt damit im Rahmen einer wunderbaren selbst erfüllenden Prophezeiung genau das eintreten, was erwartet wurde.
Ob die Spekulation dabei einen stabilisierenden Effekt hat, weil die Spekulation die ohnehin notwendigen Preisveränderungen nur noch schneller und heftiger herbeiführt, oder ob vielmehr das Gegenteil der Fall ist - darüber zu streiten ist am Ölmarkt relativ müßig. Denn der Ölmarkt heißt zwar Markt, ist in Wirklichkeit jedoch gar kein richtiger Markt, da er angebotsseitig in zweifacher Weise durch große Fast-Monopole manipuliert wird. Auf der obersten Ebene sind dies die Opec-Staaten und auf der darunter liegenden Ebene die Ölmultis.
Eine Erklärung der gegenwärtigen Preislage muss also dort ansetzen. Doch ist die Lage überhaupt zu verstehen? Schließlich liegen doch nun schon alle politischen Ali Babas der westlichen Welt gemeinsam gen Mekka gerichtet betend auf den Knien und senden immer wieder denselben Ruf an den Großen Ölhahn: Sesam öffne dich! Doch dieser öffnet sich einfach nicht. Wird hier vielleicht die westliche Logik plötzlich von der östlichen dominiert?
Thomas Gebert hat in der letzten Ausgabe von "Der Aktionär" spekuliert, Saudi-Arabien als Schlüsselnation der Ölförderländer halte weitere Exporte bewusst zurück, um den palästinensischen Glaubensbrüdern doch noch ein Gefühl der Vollwertigkeit mit den Israelis zu geben. Legende oder Wahrheit? Nicht einmal der Markt kann dies entscheiden.
Und Peter Scholl-Latour schrieb in der "Welt am Sonntag": "Im Orient geht ohnehin das Gerücht um, die künstlich erzeugte Energiekrise diene vor allem dazu, den Euro zu schwächen und daran zu hindern, sich als zweite Leitwährung neben dem Dollar zu behaupten." Demnach wären also nicht so sehr die Opec-Staaten schuld als vielmehr die weitgehend unter amerikanischem Einfluss stehenden Ölmultis, ganz nach dem alten Motto "What is good for General Motors is good for the United States". Legende oder Wahrheit? Nicht einmal der Markt kann dies entscheiden.
Vereinfacht können wir durchaus sagen: Die Erklärungen der Ölpreisentwicklung scheinen gegenwärtig zwischen westlicher Rationalität und östlicher Intuition gefangen zu sein. Auch hier muss unser Lockruf daher lauten: Sesam, öffne dich!