Ölpreis Schummeln wie die Amerikaner
Kann sich noch jemand an den Titelsong der Verfilmung von Stevensons "Schatzinsel" mit Michael Ande erinnern? "Dreizehn Mann auf des Totengräbers Kiste. Oho. Und ´ne Buddel voll Rum." Das war in der Geburtsstunde des Fernsehens und lange bevor sich irgend jemand überhaupt vorstellen konnte, dass es einmal so etwas wie eine Ölkrise geben könnte.
Eine Ölkrise wie in den siebziger Jahren steht natürlich heute nicht an. Und trotzdem könnte man den obigen Liedtext wunderbar umdichten: "Dreißig kleine Werte in des bösen Mannes Ölfass. Oho. Und der September marschiert."
Eigentlich sind Abwertungsbörsen immer Haussebörsen, lautet ein alter Börsianerspruch. Dies gilt, weil die billigere Währung, wie Kanzler Schröder ganz richtig erfasst hat, der Industrie völlig neue Absatzchancen eröffnet. Behindert werden könnte diese "Gesetzmäßigkeit" allenfalls dadurch, dass die schwache Währung die Ausländer, die Währungsverluste verzeichnen, zum Ausstieg aus den Aktien treibt. Doch davon spricht gegenwärtig niemand.
Der Spruch gilt auch nicht mehr, wenn die schwache Währung zur so genannten importierten Inflation führt. Das heißt, wenn die gestiegenen Einfuhrpreise sich im heimischen Preisniveau niederschlagen. Bei den Benzin- und Heizölpreisen ist dies bereits zu beobachten.
Wie könnte man nun dieser Entwicklung begegnen? Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: den europäischen und den amerikanischen Weg. Der europäische Weg wäre derjenige, das Übel bei der Wurzel zu packen und die Zinsen zu erhöhen. Das Verhalten der Europäischen Zentralbank (EZB) scheint auf dieses Muster hinauszulaufen, wobei jedoch zunächst abzuwarten bleibt, wie stark die Energiepreise tatsächlich auf das allgemeine Preisniveau durchschlagen. Sollten sie es signifikant tun, so wird der positive Effekt des schwachen Euros auf die Unternehmenszahlen deutlich konterkariert.
Man könnte natürlich auch den amerikanischen Weg wählen. Und das heißt: Wenn eine Entwicklung nicht schön ist, dann muss man einfach so tun, als wäre sie schön. Bezogen auf die Inflationsrate hieße das: Man konzipiert eine so genannte "Kerninflationsrate", in der alle Komponenten, deren Preise in unangenehmer Weise steigen - wie beispielsweise die Energiepreise - einfach nicht enthalten sind. Und, schwupp, ist die Welt wieder in Ordnung. Die Börse macht es vor: Es ist niemals das wahr, was wirklich der Fall ist, sondern vielmehr das, wovon die Mehrheit der Leute glaubt, dass es der Fall sei.
Eigentlich haben die Amerikaner diesen Trick nur von den Japanern abgekupfert: Japan wies selbst in der Hochphase der Spekulationseuphorie Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre eine fast völlige Preisstabilität auf. Ein ökonomisches Wunder? Nein, denn der japanische Preisindex ist vollkommen auf die Bedürfnisse eines Reisbauers abgestellt. Und wer nur Reis, Holzschuhe und Schwarz-Weiß-Fernseher kauft, wird schwerlich große Preissteigerungen hervorrufen. Es ist also alles immer nur eine Frage des Blickwinkels.