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INDUSTRIE Ofen aus

Die Elektrizitätswerke verteuern den Strom für die Aluminium-Industrie drastisch. Erstes Opfer ist die Alcan-Hütte in Ludwigshafen. Für sie zahlt nun der Staat.
• aus DER SPIEGEL 6/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Kurt Diem, Geschäftsführer des Ludwigshafener Betriebs der Alcan-Aluminiumhütte, ist das Feindbild klar: »Wir kämpfen praktisch gegen die Monopole von Strom und Kohle.«

Zwischen den Verästelungen dieser Monopole, ihren gegenseitigen Verknüpfungen und gesetzlichen Klammern, droht Diems Hütte, die zum deutschen Ableger des kanadischen Aluminium-Konzerns Alcan gehört, zerschlissen zu werden.

Denn Alcans Stromlieferanten wollen - kaum daß die Abnahme-Verträge über Strom auslaufen - mehr Geld, doppelt soviel wie die Konkurrenz bezahlen muß. Das aber bedeutet für die mit hohem Stromaufwand produzierende Hütte rote Zahlen.

Von 4,5 Pfennig für die Kilowatt-Stunde wollte der Energiekonzern RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG) den Preis des Alcan-Stroms schlank auf 6,5 Pfennig erhöhen. Das Alcan-Management rechnete sich daraufhin für die nächsten fünf Jahre Betriebsverluste von 71,6 Millionen Mark aus.

28,3 Millionen davon hatte die Alcan-Gruppe selbst tragen wollen. Für die restlichen 43,3 Millionen Mark - über acht Millionen im Jahr - aber wollte der Konzern mit Strom-Managern und Behörden verhandeln.

Die Verhandlungen gingen, obgleich der Ludwigshafener Alcan-Betrieb im Wahlkreis des Wende-Kanzlers Helmut Kohl liegt und 330 Arbeitsplätze zur Disposition stehen, zunächst schief.

Sperrig zeigten sich vor allem die Manager von RWE. Bisher, so erzählten sie, sei Alcan aus der freien Leistungsreserve des RWE bedient worden, mit Billig-Strom aus Braunkohle- und Atomkraftwerken. Nun aber sei diese Reserve ausgeschöpft. Folglich müsse die Alcan-Hütte, deren Betriebskosten schon beim 4,5-Pfennig-Tarif zu einem Viertel aus Stromgeld bestehen, künftig die teurere Elektrizität aus Steinkohle abnehmen.

Für Steinkohle-Kraftwerke aber gilt der 1977 abgeschlossene sogenannte Jahrhundertvertrag zwischen den Stromproduzenten und dem deutschen Bergbau, der den zusätzlichen Einsatz teurer deutscher Steinkohle erzwingt. Folglich, so die RWE-Manager, sei es mit dem billigen Strom für die Hütte vorbei.

Nach solchen Verlautbarungen beschloß der Vorstand des Alcan-Konzerns vergangenen Herbst, die Ludwigshafener Hütte bis spätestens Ende März 1983 stillzulegen. Tatsächlich sollte schon Ende Januar Schluß sein. Bis dahin, so spekulierte das Management, würden sich die Politiker etwas einfallen lassen müssen.

Doch die Alcan-Aktion lief überall auf. Als erste verweigerte sich die rheinland-pfälzische Landesregierung: Sie lehnte am 25. Januar die Übernahme des jährlichen Alcan-Verlustes von acht Millionen Mark ab.

Am 24. Januar schon hatte der aus Ludwigshafen stammende Kanzler ein Fernschreiben des Alcan-Aufsichtsrats Ulrich von Freyberg erhalten, das mit dem Satz endete, die Firma sei bereit, jeden seriösen Vorschlag zur Abwendung des Untergangs der Hütte zu erörtern. Kohl spreizte sich zunächst, sagte dann aber einen Gesprächstermin für Donnerstag, 3. Februar, 12.00 Uhr, in Bonn zu.

Am 28. Januar schließlich scheiterte ein SPD-Antrag auf Unterstützung der Hütte im Mainzer Landtag an den Stimmen der CDU/FDP-Mehrheit. Die Alcan-Geschäftsführung gab nun Befehl, an den Aluminium-Öfen den Strom abzuschalten. Doch als ein Abgesandter der Hütten-Geschäftsführung zum Vollzug erschien, verhinderte eine Arbeiter-Riege den Griff zum Hebel. Unternehmen und Betriebsrat einigten sich, die Öfen vorerst noch brennen zu lassen.

Das Katz-und-Maus-Spiel um RWE-Interessen kann sich wiederholen. Denn in ähnlicher Lage wie Alcan ist die gesamte deutsche Aluminium-Industrie.

Während der sechziger Jahre nämlich hatten die Stromkonzerne, um den strammen Ausbau ihrer Kernkraft-Kapazitäten begründen zu können, industriellen und privaten Großabnehmern günstige Sondertarife gewährt. Inzwischen wird nur noch ein Drittel des deutschen Stroms zu - dann überhöhten - Normal-Tarifen verkauft. Die Hamburger Aluminiumwerke etwa zahlten 2,8 Pfennig je Kilowatt-Stunde, Hamburgs Privathaushalte zahlen 24 Pfennig.

Damit, so kritisiert etwa die Karlsruher Fraunhofer-Gesellschaft in einem Gutachten, würden industrielle »Fehlallokationen«, also unnatürliche Standorte, begünstigt.

Die Stromfabriken aber konnten ihre Überkapazitäten dadurch rasch in Grundlastausstattung verwandeln, auf die nach dem noch immer gültigen Energiewirtschaftsgesetz aus der Nazi-Zeit sogleich neue Spitzenkapazitäten aufzusetzen waren. Da diese Spitzen wiederum überschüssigen Strom produzieren, verlegen sich die Elektrizitäts-Konzerne immer wieder auf neue Locktarife - etwa zur Einführung elektrischer Wärmepumpen -, während die alten Locktarife planmäßig abgebaut werden. Alcan-Diem: »Wir sind das Opfer einer Energiepolitik, die keine war.«

Die nächsten Opfer stehen schon bereit. 1984 etwa läuft der Sondertarif für das Alusuisse-Werk im baden-württembergischen Rheinfelden aus, vom Ende des Jahrzehnts an auch für alle anderen Alu-Hütten. Behält die Strombranche ihre gegenwärtige Strategie bei, müßte dies, so der pfälzische SPD-Bezirksvorsitzende Willi Rothley, »den Blackout für die ganze Aluminium-Industrie bedeuten«.

Einen Blackout unter schwarzer Regentschaft? Ganz plötzlich, nach dem Gespräch mit Wahlkreis-Inhaber Helmut S.94 Kohl in Bonn, soll Alcan nun von Land und Bund doch jene acht Millionen Mark zugesteckt bekommen, die nach der Strompreiserhöhung 1983 in der Kasse fehlen werden.

Die Strom-Partei hat gewonnen. Der Bürger zahlt.

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