KONZERNE Offene Türen
Die Uraltdemokratie Schweiz schien in Gefahr: »Spinner« und »Abenteurer« drängten angeblich an die Macht, um »unser Gesellschaftssystem aus den Angeln zu heben«.
Einen Wahlkampf mit so rüden Angriffen auf Andersdenkende wie in den vergangenen Wochen gab es in der Schweiz wohl noch nie zuvor. Dabei ging es gar nicht um Politik und Parlamentarier, es ging um den Genossenschafts-Konzern Migros.
Die Führung dieser viertgrößten Unternehmensgruppe der Schweiz (nach Nestle, Ciba-Geigy und BBC) fühlt sich von vermeintlichen Chaoten bedroht: Erstmals in der Geschichte der Genossenschaft hat sich eine Opposition gegen die Topmanager formiert.
Bislang war es guter Brauch, daß sich die Spitzen-Genossen alle vier Jahre von den Mitgliedern in ihren Ämtern bestätigen ließen. Vakante Posten besetzten sie durch Berufung.
Diesmal haben die Kritiker der Geschäftsführung Gegenkandidaten aufgestellt. Rund 1,13 Millionen Genossenschaftsmitglieder waren aufgerufen, bis zum Montag dieser Woche neue »Verwaltungen« (das Management) und »Genossenschaftsräte« für die regionalen Migros-Genossenschaften sowie die nationale Holding Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) zu wählen.
Die Kritiker, im Verein »M-Frühling« zusammengeschlossen, werfen den Managern nicht etwa Mißwirtschaft vor. Im Gegenteil: Ihnen paßt der geschäftliche Erfolg der Migros nicht ins genossenschaftliche Konzept.
Die Migros dirigiert 69 Betriebe und regionale Handelsorganisationen. Außer Tabak und Alkohol produziert und verkauft die Gruppe fast alles, was sich Schweizer wünschen -- letzter Jahresumsatz: 7,7 Milliarden Franken.
Die Migros-Oppositionellen möchten alles ganz anders haben. Statt Umsatzzuwachs streben sie bessere Arbeitsbedingungen für die 50 000 Mitarbeiter an, statt weiterer Zentralisierung propagieren sie »kleine Netze« von Migros-Betrieben, statt Gigantismus Rückkehr zum menschlichen Maß.
Maßvoll war die Migros noch gewesen, als ihr Gründer Gottlieb Duttweiler 1925 mit fünf Lastwagen den Zürcher Hausfrauen fahrplangenau am Straßenrand sechs Produkte -- Reis, Teigwaren, Zucker, Seife, Kokosfett und Kaffee -- andiente.
Und menschlich blieb sie bis zu Duttweilers Tod im Jahre 1962. Immer S.143 in handfeste Skandale verstrickt, experimentierend und suchend, kämpfte der »größte Schweizer des Jahrhunderts« ("Schweizer Illustrierte") stets für seine »Familie M«, die Kunden.
Denen schenkte er 1941 sogar sein Unternehmen. Jeder Genosse bekam einen Anteilschein im Nominalwert von zehn Franken.
Die Migros -- erinnert sich Hans A. Pestalozzi, sieben Jahre lang persönlicher Sekretär Duttweilers -- verstand sich »als menschlicher und sozialer Ausgleich in einer brutalen, auf Ausbeutung und Zerstörung basierenden Wirtschaftsordnung«. Das »soziale Kapital« sollte daher stark genug werden, um das »Geldkapital zu einem anderen Verhalten zu zwingen«.
Groß und stark wurde die Genossenschaft unter Duttweilers Nachfolgern zwar. Aber statt die Konkurrenten zu läutern, paßte sich die Migros an die Ziele und Methoden der gewinnorientierten Wettbewerber an.
So jedenfalls sieht es Pestalozzi, jetzt Anführer des »M-Frühlings«. Das Genossenestablishment hatte den Kritiker im vergangenen Jahr vom Chefposten des »Gottlieb-Duttweiler-Instituts« abberufen, weil dieser den Expansionskurs der Migros öffentlich als gefährlich bezeichnet hatte.
Gefährlich groß ist die Migros bereits heute. Der Konzern beherrscht nicht nur den Lebensmittelhandel. Er ist auch der wichtigste Einkäufer der heimischen Landwirtschaft und der größte Markenartikelhersteller.
Die Unternehmensgruppe besitzt die größte Restaurantkette, sie ist die Nummer zwei im Reisegeschäft und führt im Blumenhandel. Sie betreibt eine Bank und eine Versicherungsgesellschaft.
Eine Kette von Buch- und Schallplattenläden gehört ebenso dazu wie eine Reederei. Die Migros gibt die größte Wochenzeitung ("Wir Brückenbauer") des Landes heraus und ist der potenteste Anzeigenkunde der Schweizer Presse. Sie hat eigene Tankstellen, das größte Netz von Erwachsenenbildungs-Instituten und dominiert im Handel mit Do-it-yourself-Artikeln.
»Es fehlt nur noch das Beerdigungsinstitut«, spottete Yvette Jaggi, die für einen Sitz in der Geschäftsleitung des MGB kandidiert, »damit wir während unseres ganzen irdischen Daseins von der Migros betreut werden können.«
Mit seiner Nachfragemacht beherrscht der Handelsriese unzählige selbständige Lieferbetriebe: Gemüsegärtner und Fahrradfabrikanten sind dem Preis- und Produktdiktat der Einkäufer ebenso ausgeliefert wie Käser, Schweinezüchter und Geflügelhalter.
Wo Lieferanten den Wünschen nicht gerecht werden, bauen die Genossenschaftsmanager kurzerhand die Fabriken selbst -- so etwa für die Brotproduktion im Großraum Zürich.
Geld für solche Investitionen ist genug vorhanden. Denn als Genossenschaft darf die Migros keinen Gewinn ausschütten. Um diesen trotzdem den Genossen zugute kommen zu lassen, müssen die Manager den ganzen Ertrag -- 1979 mehr als 350 Millionen Franken -- in neue Projekte stecken.
Am liebsten finanzierten sie bisher damit -- nach Abzug von einem Umsatzprozent, das laut Satzung zur Kulturförderung ausgegeben werden muß -- den Bau riesiger Einkaufszentren. In den letzten zehn Jahren errichteten sie 25 solcher MMM-Supermärkte -meist auf einer grünen Wiese an einem Autobahnkreuz. Sieben weitere Zentren sind geplant.
Die Gegner der Migros-Expansion drängen Pierre Arnold, 58, den Vorsitzenden der fünfköpfigen MGB-Geschäftsführung, diese Investitionen nicht nur nach den Herstellungskosten zu kalkulieren. So lasse er beispielsweise außer acht, daß die Supermärkte oft nur mit dem Auto erreichbar seien und beträchtliche soziale Kosten verursachten.
Die »M-Frühling«-Streiter wollen zudem das Migros-Hilfspersonal besserstellen, auf Einweg- und Aluminiumverpackungen verzichten, genossenschaftliche Betriebe in Entwicklungsländern als Lieferanten bevorzugen und fairere Verträge mit einheimischen Bauern abschließen.
Doch zunächst einmal wollen Pestalozzi und Genossen -- darunter bekannte Ökonomen, Publizisten, Entwicklungshelfer und Agrarpolitiker -»überhaupt nichts anderes, als daß endlich einmal das demokratische Bekenntnis der Migros verwirklicht wird«.
Gerade dabei tun sich der autokratische Pierre Arnold und seine Kollegen nämlich schwer. Zu sehr hatten sie sich daran gewöhnt, daß sie die Genossenschaftsräte als bloße Akklamationsorgane mißbrauchen konnten.
So weigerten sich die Migros-Verwalter, ihren Kritikern Einsicht in die Mitgliederlisten zu gewähren. Erst nach einem Richterspruch gaben sie die Register frei. Dann widersetzten sie sich zunächst jeder öffentlichen Auseinandersetzung, weil die Wahl eine »Angelegenheit der Migros-Familie« sei. Schließlich aber traten sie mit einer großangelegten PR-Kampagne gegen die Herausforderer an.
Der »M-Frühling« renne offene Türen ein, behauptete Arnold, denn auch er wolle die Expansion im Inland drosseln.
Wachsen soll die Migros dennoch: Arnold plant, Migros-Läden im Ausland aufzumachen.