Offener Brief an Schrempp "Sie laufen Amok"
Lieber Herr Jürgen Schrempp,
seit 15 Monaten sind Sie nicht bereit, mit den "Detroit News" ein Gespräch zu führen. Weil aber die letzten Entscheidungen bezüglich der Chrysler-Gruppe auch die Stadt Detroit und die 125.000 Mitarbeiter des Unternehmens betreffen, wollten wir Ihnen schreiben.
Die Entlassung von James P. Holden und der Aufstieg von Ihrem getreuen Leutnant Dieter Zetsche zum Präsidenten von Chrysler hat die Menschen in den Staaten in Wallung gebracht. Amerika ist sauer, dass Sie gelogen haben, als Sie sagten, dass die Fusion ein Zusammenschluss "unter Gleichen" werden sollte. Und, um ganz offen zu sein, die Leute hier vertrauen Ihnen nicht.
Und sie verstehen Sie nicht. Aus dem Tumult um die Chrysler-Gruppe ergeben sich viele Rätsel. Die Angestellten, Politiker und Analysten - um nur drei Instanzen zu nennen - stellen viele berechtigte Frage. Weil die meisten von ihnen Sie nicht selber fragen können, probiere ich es jetzt:
Wo ist all das Chrysler-Geld geblieben?
Bei der Fusion hat Chrysler rund neun Milliarden Dollar als Bar-Reserven eingebracht. Dieses Finanzpolster sollte Chryslers Produktprogramm gegen harte Einschnitte bei einer schlechten Autokonjunktur schützen. Genau diese Einschnitte nimmt Ihr Hilfssheriff Zetsche gerade vor.
Jetzt sagen Ratingagenturen, dass das Finanzpolster für den gesamten DaimlerChrysler-Konzern bei nur zwei Milliarden Dollar liegt.
Wenn Ihre Strategie wirklich "perfekt" ist, wie Sie selber am Wochenende beteuerten, warum teilt niemand diese Meinung mit Ihnen?
Die Investoren tun ihre Meinung mit Aktienverkäufen kund, die Chrysler-Angestellten glauben sowieso nicht an Ihre Strategie. Viele Analysten bezweifeln, dass es sinnvoll sei, die Premium-Marken von Daimler mit Chrysler und besonders mit Mitsubishi zu "verdünnen". Sogar ihre Truppen in Stuttgart glauben, dass Sie mit Ihren Fusionen und Übernahmen gerade Amok laufen.
Was ist aus dem deutschen Topmanager geworden, der einmal als europäischer Meister des "Shareholder Value" galt?
DaimlerChrysler-Aktien haben seit ihrem Höchststand im Januar 1999 mehr als doppelt so viel an Wert verloren, wie General Motors (GM) insgesamt an der Börse wert ist. GM-Chef Rick Wagoner würde eine solche Implosion niemals überleben, geschweige denn irgendjemand sonst.
Warum werden nur Holden und sein Team für die unglaubliche Rentabilitätskrise von Chrysler verantwortlich gemacht?
Sie mögen es primitiv finden, aber Amerikaner glauben daran, dass der Chef eines Unternehmens Verantwortung für den Laden trägt. Wenn etwas schief läuft, ist es seine Schuld. Hat er nicht mitbekommen, dass etwas außer Kontrolle gerät, ist das seine Schuld. Und er bezahlt den Preis dafür.
Das mag primitiv klingen, aber das ist amerikanischer Kapitalismus.
Daniel Howes, Detroit News, Frankfurt