ÖL-INDUSTRIE Offener Kampf
Die sieben Giganten schienen allmächtig. Jahrzehntelang hatten die größten Ölkonzerne der Welt - die sogenannten sieben Schwestern - das globale Petro-Geschäft beherrscht.
Die großen Sieben _(Dies sind die amerikanischen Ölkonzerne ) _(Exxon, Mobil, Texaco, Standard Oil of ) _(California und Gulf sowie die ) _(europäischen Gesellschaften Royal Dutch/ ) _(Shell und British Petroleum. )
waren kapitalstark und krisenfest. Sie hatten die Macht, mißliebige Regierungen in den Förderländern zu knebeln. Sie hatten die Kraft, in den Verbraucherländern ihre Preise durchzudrücken.
Bald werden es nur noch sechs sein. Anfang vergangener Woche vereinbarten die beiden kleinsten der sieben Schwestern, Standard Oil of California (Socal) und Gulf, ihre Unternehmen zusammenzulegen.
Überleben wird Socal. Der kalifornische Konzern, der mit einem Jahresumsatz von knapp 30 Milliarden Dollar der viertgrößte seiner Branche in den USA ist, will zum Preis von 13,2 Milliarden Dollar alle Aktien des fast ebenso großen Gulf-Konzerns übernehmen.
Die Firmen-Fusion ist die größte aller Zeiten. Sie übertrifft den erst vor wenigen Wochen aufgestellten Rekord beim Aufkauf der kalifornischen Gesellschaft Getty Oil durch den Ölkonzern Texaco noch um über drei Milliarden Dollar.
Einen Superlativ steuerten auch die Banken bei. Binnen weniger Tage stellten sie Socal zur Finanzierung der Mammut-Hochzeit einen Kredit von 14 Milliarden Dollar bereit. Das ist das höchste Einzel-Darlehen, das die Geldhäuser jemals einem Kunden gewährten.
Die Riesen-Summe täuscht darüber hinweg, daß die Macht und die Herrlichkeit von Big Oil arg verblaßt ist. Die Vorgeschichte der Fusion zeigt nämlich, daß Gulf nicht durch die Attacke eines noch stärkeren Ölkonzerns zu Fall kam. Der entschlossene Angriff eines texanischen Selfmademan genügte, um das Ende des über 80 Jahre alten Branchenriesen herbeizuführen.
Der Mann, der Gulf in die Arme von Socal trieb, heißt T. Boone Pickens, 55. Mit 2500 Dollar Eigenkapital war er Mitte der fünfziger Jahre ins Ölgeschäft eingestiegen.
Als Pickens im vergangenen August begann, Gulf-Aktien aufzukaufen, ahnte das Top-Management in der Pittsburgher Gulf-Zentrale zunächst nichts Böses. Der Mann aus Texas hatte es zwar in den knapp drei Jahrzehnten seiner Öl-Karriere zum Multi-Millionär gebracht. Aber Pickens'' Firma Mesa Petroleum war im Vergleich zu Gulf nur ein Winzling. Die Vorstellung, der Texaner könne den Pittsburghern gefährlich werden, schien grotesk.
Mit Hilfe einiger reicher Partner kaufte Pickens in wenigen Monaten 13,2 Prozent der Gulf-Anteilscheine auf. Die Pickens-Gruppe war damit noch vor der Gulf-Gründerfamilie Mellon der größte Aktionär des Ölkonzerns.
Pickens hatte sich mit Bedacht gerade Gulf als Angriffsziel herausgepickt: Die Gesellschaft war unter den scheinbar unbesiegbaren sieben Schwestern die weitaus schwächste. Ihr Management galt als besonders einfallslos, risikoscheu und unbeweglich.
Mit dem Vorschlag, etwa die Hälfte der Öl- und Gasquellen von Gulf auf einen sogenannten Royalty Trust zu übertragen, sagte Pickens dem Management der Ölfirma den offenen Kampf an. Die Einnahmen des Trusts wären nämlich an der Gulf-Kasse vorbei direkt an die Aktionäre geflossen.
Für die fast 300 000 Gulf-Aktionäre schien der Pickens-Plan verlockend: Durch den Trick mit dem Trust kann in den USA die Körperschaftsteuer gespart werden.
Gulf-Chef James Lee schlug den Aktionären daraufhin vor, den juristischen Firmensitz nach Delaware zu verlegen. In diesem US-Bundesstaat dürfen die Rechte der Aktionäre gegenüber dem Management stärker als in der Gulf-Heimat Pennsylvania beschnitten werden. Lee bat die Aktionäre also, ihre eigene Stellung zu schwächen, damit Pickens gestoppt wird.
Zur allgemeinen Überraschung entschied sich eine knappe Mehrheit der Gulf-Aktionäre Anfang Dezember für den formalen Umzug nach Delaware. Pickens schien geschlagen.
Doch der Texaner gab nicht auf. Für zusätzliche 8,2 Prozent der Aktien, so lockte er in der zweiten Februarhälfte offen die übrigen Anteilseigner, werde er 65 Dollar je Aktie zahlen.
Bei einem Börsenkurs von etwa 53 Dollar war das bis zum 21. März befristete Angebot so attraktiv, daß Gulf-Chef Lee mit einem Erfolg der Pickens-Offerte rechnen mußte. Der zudringliche Großaktionär hätte dann wohl die Gulf-Führung entlassen und den Konzern zerschlagen können.
Die Gulf-Manager wußten schließlich nur einen Ausweg, ihr Unternehmen vor dem verhaßten Texaner zu retten: Sie dienten es anderen finanzkräftigeren Unternehmen zur Übernahme an.
Zunächst sah es so aus, als werde die Ölgesellschaft Atlantic Richfield Company (Arco) das Rennen machen. Arco war zwar ein gutes Stück kleiner als Gulf, aber weit profitabler. Die Banken zögerten deshalb nicht, der Gesellschaft einen Kredit von zwölf Milliarden Dollar für den Kauf von Gulf zuzusagen.
Doch nicht einmal eine Stunde nach Unterzeichnung des Finanzpakts von Arco mit den Kreditinstituten war der Wettlauf um Gulf zugunsten von Socal entschieden. Socal-Chef George M. Keller hatte ein noch größeres Darlehen als Arco aufgenommen und mit 80 Dollar je Gulf-Aktie den höchsten Übernahmepreis geboten.
Neben dem Sieger Socal kann auch der unterlegene T. Boone Pickens sehr zufrieden sein. Beim Verkauf der einst preisgünstig erworbenen Gulf-Aktien an Socal streicht der Petro-Pokerspieler zusammen mit seinen Partnern einen Gewinn von rund 760 Millionen Dollar ein.
Dies sind die amerikanischen Ölkonzerne Exxon, Mobil, Texaco,Standard Oil of California und Gulf sowie die europäischenGesellschaften Royal Dutch/ Shell und British Petroleum.