Mikroelektronik Offenes Grab
Nach einem Jubelfest war dem Chef nicht zumute, eine einzige Flasche Sekt spendierte er seinen Mitarbeitern. »Wir haben nicht gesiegt«, sagt Horst Sandfort nüchtern, »wir sind bloß am Ende eines qualvollen Weges angekommen.«
Der Europa-Präsident des kalifornischen Chipherstellers LSI Logic hatte das Geschäft, das er nicht feiern wollte, schon fast aufgegeben. Doch am Freitag vorvergangener Woche unterzeichnete er doch noch den Vertrag über den Einstieg seines Unternehmens beim Halbleiterwerk Erfurt.
Nach monatelangem Hickhack hat die Treuhand wenigstens einen Standort der maroden Mikroelektronik und Technologie-GmbH (MTG) privatisieren können. Für die beiden anderen Fabriken, in Dresden und Frankfurt/Oder, stehen die Chancen auf Rettung weit schlechter.
Auf dem hart umkämpften Chipmarkt machte die MTG im vergangenen Jahr einen Verlust von über 300 Millionen Mark - bei einem Umsatz von weniger als 80 Millionen. »Betriebswirtschaftlich«, weiß Treuhand-Direktor Eckard Gehring, 57, »macht die Sanierung keinen Sinn.«
Die Treuhand denkt ausnahmsweise in anderen Kategorien: Sie will den Kern der ostdeutschen Mikroelektronik erhalten - als Keimzelle eines neuen, technologieorientierten Mittelstandes, der sich um die drei Halbleiterwerke bilden soll.
Die Idee ist gut, ihre Umsetzung jedoch bereitet einige Schwierigkeiten. Die drei High-Tech-Standorte liegen in drei verschiedenen Bundesländern - und jedes Land würde die Ost-Chips am liebsten allein produzieren.
Viel ist von der alten DDR-Chipindustrie ohnehin nicht übriggeblieben. In den rückständigen Fabriken produzieren nur noch 4000 der einstmals über 20 000 Arbeiter sogenannte Asics, anwenderspezifische Schaltungen für die Maschinen-, Fahrzeug- oder Elektroindustrie. Und jeder zweite wird seinen Job noch verlieren.
Die Treuhand könnte den teuren Sanierungsfall längst los sein. Schon Anfang 1991 hatte die Unternehmensberatung Arthur D. Little ein Konzept für die Privatisierung vorgelegt. Danach sollten die drei Standorte unter einem Dach erhalten bleiben. Werner Knetsch, Geschäftsführer von Arthur D. Little: »Der ideale Partner war LSI Logic.«
Die Amerikaner waren durchaus interessiert. Schon kurz nach der Wende hatte Europa-Chef Sandfort mit der DDR-Regierung über eine Zusammenarbeit verhandelt. LSI Logic wollte so den vermeintlichen lukrativen osteuropäischen Markt aufrollen.
Als im Oktober 1991 alles geklärt schien, blockten die beteiligten Landesregierungen ab. Jedes Land wollte seine eigene High-Tech-Schmiede haben. Vor allem die Sachsen fürchteten, mit ihren Fördermitteln Jobs in Erfurt oder Frankfurt/Oder zu bezahlen, aber nicht in Dresden.
»Durch die Dummheit der Landespolitiker«, so Horst Sandfort, »haben wir wenigstens eineinhalb Jahre verloren.« Und Zeit ist im schnellebigen Chipgeschäft besonders teuer. Die Verhandlungen fingen wieder bei Null an. Statt einem brauchte die Treuhand jetzt gleich drei Interessenten, die Knowhow und Aufträge mitbringen sollten.
Tatsächlich handelte die Treuhand mit der LSI Logic einen neuen Vertrag aus, für das Erfurter Halbleiterwerk. Auch für die Standorte Dresden und Frankfurt/Oder meldeten sich zwei Interessenten aus dem sonnigen Kalifornien: die VLSI Technology und - vor wenigen Wochen - ein kleines, weithin unbekanntes Unternehmen namens Synergy.
Die Treuhand teilte die zur Sanierung der MTG veranschlagten 280 Millionen Mark kurzerhand auf. Dresden und Erfurt sollten je 125 Millionen bekommen, Frankfurt den Rest. Diesmal waren auch die Landesregierungen zufrieden.
Nur der oberste Dienstherr der Treuhand, Finanzminister Theo Waigel, spielte nicht mit. Die Sanierung der Chipfabriken sei Strukturpolitik der Länder, beschied das Finanzministerium, entsprechend sollten sie auch einen Teil der Kosten tragen.
»Land zahl oder Unternehmen stirb«, kommentierte Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer das Ultimatum. Doch die Landesregierung in Dresden gab ebenso nach wie die in Erfurt. Waigel und die Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel einigten sich auf einen Kompromiß: Je 40 Millionen Mark schießen die Länder zu, den Rest zahlt die Treuhand.
So trat »in allerletzter Minute« (Sandfort) der Vertrag über den Einstieg von LSI Logic bei der Erfurter Halbleiterfabrik in Kraft. Die Amerikaner beteiligen sich mit zunächst 19,8 Prozent an der künftigen Thesys Betriebs-GmbH.
Wenn Thesys läuft, wird LSI Logic in zwei oder drei Jahren die Mehrheit der Anteile übernehmen. Aber »sollte das Unternehmen ein offenes Grab sein«, sagt Horst Sandfort offen, »dann ziehen wir Konsequenzen.«
Unterschriftsreife Verträge gibt es auch in Dresden. Das Interesse des Investors VLSI Technology hat allerdings merklich nachgelassen; er will sein Engagement noch einmal genau überprüfen.
In Frankfurt/Oder sieht es kaum besser aus. Das Land Brandenburg will zwar auch kräftig zuzahlen, insgesamt rund 80 Millionen Mark an Fördermitteln und Bürgschaften, aber die Verhandlungen stocken. Es wird noch ein potenter Finanzpartner für die Synergy gesucht.
Die Zeit drängt. »Bringen wir die Kuh dieses Jahr nicht vom Eis«, sagt der Berater Knetsch, »dann wird das gar nichts mehr.«