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HANDEL Offenes Ohr

Die Metro, eine der größten Handelsgruppen der Welt, floriert nicht mehr wie früher; jetzt wird sie umgebaut. *
• aus DER SPIEGEL 43/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie zufällig näherte sich Eckard van Hooven, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, auf der Hauptversammlung des Kaufhofs dem Aufsichtsratskollegen Erwin Conradi, Chef der Handelsgruppe Metro. Nach einigen Unverbindlichkeiten kam van Hooven ganz schnell zur Sache.

Die Metro, so hatte der Bankier kurz vorher erfahren, wolle ihrer Kundschaft Kreditkarten aushändigen. Da müsse er doch feststellen, so van Hooven, »daß den Banken ein solcher Alleingang nicht paßt«. Die Kreditinstitute in Deutschland würden gerade ein bargeldloses Zahlungssystem entwickeln, in das auch der Handel mit eingebunden werden solle.

Bei vielen anderen deutschen Managern wäre der Hinweis aus Deutschlands mächtigstem Bankhaus als Befehl verstanden worden. Nicht so bei der Metro. Deren Chefs, die mit einem Weltumsatz von 20 Milliarden Mark eines der größten Handelshäuser führen, sind bekannt dafür, daß sie sich von niemand dreinreden lassen.

Der 1964 von Otto Beisheim und zwei Kompagnons gegründete Großhandel ist schließlich damit groß geworden, daß er in fremden Revieren wilderte. Wettbewerbs- und Steuergesetze, Mitbestimmungsrechte und Branchenregeln empfanden die Metro-Manager stets als störend.

Der in der Schweizer Steueroase Zug angesiedelte Handelsmulti arbeitet mit Hochdruck an einem neuen Vertriebskonzept, und das dafür erforderliche Inkasso-System wird er sich auch von der Deutschen Bank nicht vorschreiben lassen. Eckard van Hooven blieb ohne die erwünschte Antwort.

Geld haben die Metro-Manager noch immer genug, von einem Bankhaus sind sie nicht abhängig. Was ihnen im Moment jedoch Sorgen macht, ist die Kundschaft: Die Umsätze in den 40 deutschen Großmärkten gehen seit anderthalb Jahren zurück, einige Filialen mußten sogar zweistellige Minusraten an die Düsseldorfer Deutschland-Zentrale melden.

Die Metro arbeitet in einem schrumpfenden Markt. Besitzer von kleinen Läden und Restaurants fallen als Kunden der Großhandelskette nach und nach aus. Sie schließen sich den bundesweiten Filial- und Fast-Food-Ketten an; die aber haben ihre eigenen Einkaufsorganisationen.

Ungünstig zudem wirkt sich für die Metro eine Vereinbarung aus, in der sie ihre Privilegien als Großhändler selbst

beschränkte. Ganz freiwillig taten dies die Metro-Manager nicht.

Immer lauter waren in den letzten Jahren die Klagen des Einzelhandels geworden, die Metro nutze ihre Stellung als Großhändler rücksichtslos aus. Dem Einzelhandel liefen die Kunden weg, weil die Metro auch Endverbraucher bediene. Eine großzügige Austeilung der Einkaufsausweise und die lasche Kontrolle der Papiere verschaffe jedermann leichten Zugang zu den Metro-Märkten.

Chefmanager Erwin Conradi hatte für diese Klagen erst ein offenes Ohr, als die Metro ihr Geld beim Kaufhof anlegte und 24,9 Prozent des Warenhaus-Konzerns erwarb. Mitte 1984 verpflichtete sich Conradis Firma, ihre 40 000 Artikel wie der Einzelhandel brutto, also einschließlich der Mehrwertsteuer, auszuzeichnen. Die Nettopreise hatten besonders preiswerte Angebote suggeriert.

Vor allem aber war die Metro bereit, ihren Ladenschluß von 22 Uhr auf 19.30 Uhr vorzuverlegen. Als Großhändler ist sie nicht an das Ladenschlußgesetz gebunden; in den Abendstunden, wenn überall sonst die Rolläden runter waren, hatte die Metro ihren Hauptumsatz gemacht. Kaum war das Abkommen in Kraft, da knickte die Erfolgskurve ab. Allein wegen der kürzeren Verkaufszeiten setzte die Firma für eine halbe Milliarde Mark weniger ab.

Das traf die Metro ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als der unter einer allgemeinen Kaufflaute leidende Einzelhandel beim Großhandel weniger orderte. Darüber hinaus machte den Metro-Lenkern der Konkurrenzdruck von der grünen Wiese zu schaffen. Verbrauchermärkte und Discounter wie Aldi und Allkauf, Massa und Huma quetschen ihre Lieferanten ebenso erfolgreich aus wie die Metro, und sie können deshalb die Kunden gleichfalls mit Niedrigpreisen locken.

Die Einzelhändler sahen plötzlich die Chance, den Schwächeanfall des »Störenfrieds« ("Handelsblatt") zu nutzen. Die Warenhäuser Karstadt und Horten, der Versandkonzern Quelle und Fachgeschäftsketten wie Hussel drängten die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels (HDE), gegen die Metro zu klagen.

Damit der Verband die Attacke auch finanziell durchsteht, sammelten die Hintermänner für die Prozeßkosten; rund eine Million Mark wollen sie zusammenbringen. Jörn Kreke, Chef und Mitbesitzer der Hussel AG, spendete allein 80 000 Mark. Nur der von Conradi kontrollierte Kaufhof, zweitgrößter Beitragszahler der HDE, wurde nicht gefragt. Die Kaufhof-Manager erfuhren von dem Angriff erst, als die Einzelhandelslobby an fünf deutschen Gerichten gleichzeitig die Klageschrift eingereicht hatte.

Auf 105 Seiten will die Düsseldorfer Anwaltskanzlei Bruckhaus, Kreifels, Winkhaus & Lieberknecht der Metro Wettbewerbsverstöße nachweisen; auch nach der Selbstbeschränkung habe sie dauernd die Regeln verletzt.

Wie Detektive waren die Kläger vorgegangen. Mehr als 150mal hatten sie Testkäufer in Metro-Märkte geschickt. Sie sollen bezeugen, daß praktisch jeder »unselbständige Normalsterbliche«, so die Anwälte, bei der Metro für seinen privaten Bedarf einkaufen kann.

Josef Fendrich aus Fürstenfeldbruck, zum Beispiel, wird als Zeuge aufgeboten. Er soll bei der Metro in München allein mit der Photokopie einer Gewerbeanmeldung für »Verkaufsförderung«, die nicht einmal auf seinen Namen ausgestellt war, einen Tagesausweis ergattert haben. Drinnen habe er sich dann eine Packung Gabelmöpse gekauft.

Ingrid Vogelmeier aus Dachau sei mit einem alten Umsatzsteuerbescheid an einen Metro-Ausweis gekommen. Damit habe einen Tag später eine andere Dame Wolle gekauft.

Auch bei Angelika Reiss aus Duisburg sei nicht geprüft worden, ob sie zum Einkauf im Großhandel berechtigt war. Sie soll einen Metro-Ausweis vorgezeigt haben, der auf ein Fachgeschäft für exklusives Porzellan ausgestellt war, und einen Vogelkasten, zwei Paar Socken und einen Schlumpf gekauft haben.

Die Metro will allerdings nicht warten, bis die Gerichte in letzter Instanz über ihr Schicksal entscheiden. Der angeknockte Riese wird so schnell wie möglich zum Gegenschlag ausholen.

Den hat Metro-Gründer Otto Beisheim, 61, befohlen. Der menschenscheue, von Entführungsängsten geplagte Mitinhaber der Metro hatte sich eine Zeitlang auf seine Besitzungen zurückgezogen, mal ins Tessin, mal auf die Bahamas oder nach Florida. Seit einigen Wochen meldet sich Beisheim wieder häufiger in der Düsseldorfer Deutschland-Zentrale.

Seit der Konzernherr wieder in den Geschäftsgang eingreift, werden reihenweise Manager, darunter altgediente Chefs von Einkauf und Vertrieb, gefeuert oder versetzt. Auch die Vertriebsstrategie wurde wieder verschärft: Die Bruttopreise in den Märkten läßt Beisheims Conradi kleiner schreiben. Beisheim drängt überdies darauf, die alten Öffnungszeiten wieder einzuführen.

Den Durchbruch zu neuem Wachstum erwarten die Metro-Strategen von einer neuen Vertriebsform. In den USA gibt es Großmärkte, die für Wiederverkäufer und Endverbraucher zugleich da sind. Sie könnten Modell für die Metro sein. Denkbar wäre dabei, daß die Endverbraucher mehr zahlen müßten; ungefähr so viel, wie die sogenannte Großhandelsspanne, die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis der Großhändler, ausmacht.

Solange in der Bundesrepublik die antiquierte Ladenschluß-Regelung gilt, fänden die Endverbraucher nach 18.30 Uhr keinen Einlaß mehr; die anderen könnten bis 22.00 Uhr kaufen.

Unter dem internen Kürzel »M 90« testet die Metro in Recklinghausen bereits diese Mischform aus Großhandelslager, Verbrauchermarkt und Warenhaus. Die übliche Barriere zwischen den Abteilungen Lebensmittel und anderen Artikeln ist beseitigt. Wurst und Käse gibt es am Stand und nicht mehr nur in Großpackungen. Die Kassenfront ist verbreitert, Personal zur Bedienung und

Beratung steht bereit - die Metro, eine Einkaufsstätte für jedermann.

Damit dann auch alles seine Ordnung hat, könnten die Identifikationsdaten der Kunden - ob Wiederverkäufer oder Direktverbraucher - auf kleinen Plastickarten gespeichert werden. Wie etwa der Warenhaus-Konzern Hertie mit seiner »Goldenen Kundenkarte« könnte die Metro dabei auch noch aus einer menschlichen Schwäche Nutzen ziehen: Auf Pump wird mehr gekauft als bei Barzahlung.

In einigen süddeutschen Ablegern startete Conradi bereits den Versuch mit hauseigenen Kreditkarten. Nach und nach, stellen sich die Metro-Männer vor, könnten die Kreditkarten die jetzt noch gültigen Kaufausweise ablösen.

Um die Kunden müht sich das Metro-Management jetzt schon sichtbar mehr als früher: Im Düsseldorfer Metro-Markt bekommen die letzten Käufer des Tages ein Glas Sekt ausgeschenkt.

Um ihr miserables Ansehen in der Öffentlichkeit aufzubessern und um sich ein neues Geschäft zu erschließen, planten die Metro-Manager sogar, sich an neuen Medien zu beteiligen. Geld ist genug da, schließlich macht die Metro immer noch eine halbe Milliarde Mark Gewinn pro Jahr.

Doch die Beteiligung am Münchner Privatfunk »Radio F« des Public-Relations-Zars Josef von Ferenczy scheiterte am Einspruch des öffentlichkeitsscheuen Otto Beisheim. Auch Ferenczy plagten Zweifel, ob er wegen eines Kompagnons Metro nicht andere Anzeigen-Auftraggeber aus dem Handel verlieren würde.

Solche Berührungsängste haben andere nicht. Anders als Eckard van Hooven bei den Kreditkarten-Plänen der Metro stört es Allianz-Chef Wolfgang Schieren nicht, daß Conradi in den Bereich der finanziellen Dienstleistungen eindringt: Seit September bietet der Metro-Chef nämlich seinen Kunden auch Versicherungspolicen an.

Schieren reagierte offensiv: Er holte Erwin Conradi als »Vertreter des Handels« in den Aufsichtsrat der Allianz Versicherungs-AG.

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