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ARBEITSMARKT Ohne Palaver

Seit 1. Januar können Arbeitslose Ich-AGs gründen. Nie zuvor schüttete der Staat so unbürokratisch Fördergelder aus. Die Erwartungen sind hoch.
• aus DER SPIEGEL 4/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aktiengesellschaft - schon das Wort atmet Größe. Man stellt sich breite Fensterfronten vor, Vorstandszimmer mit Ledersesseln und immer frische Blumen in der marmorbewehrten Empfangslobby. Man wähnt AGs in Metropolen wie Frankfurt oder Düsseldorf.

Bei Sandra Schulze geht es deutlich beschaulicher zu. Ihre AG ist in Thüringen beheimatet, in Rottenbach, gleich links hinter dem Bahnübergang. Die Orte in der Umgebung heißen Paulinzella oder Fröbitz. Sitzgelegenheiten gibt es in Schulzes AG keine. Nur die frischen Blumen, die hat sie im Überfluss. Seit knapp zwei Wochen betreibt sie das »Blumenlädchen« in Rottenbach. Und das in einer Form, die erst seit Beginn dieses Jahres überhaupt möglich ist: als so genannte Ich-AG.

Die 21-Jährige zählt zu den ersten Unternehmensgründerinnen, die sich nach den Vorstellungen von Peter Hartz selbständig gemacht haben. »Ich als einziger Anteilseigner«, lautet die Devise frei nach Hartz. Hinter der Verkaufstheke hängen noch die Glückwünsche zur Geschäftseröffnung, eine Magnum-Flasche Rotkäppchen-Sekt steht ungeöffnet auf einem Regal, daneben hängen die ersten selbst verdienten 15 Euro, die sie sich hat einrahmen lassen. Sandra Schulze sprüht vor Tatendrang: »Das wird mein Jahr.«

Das hofft auch Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement. Kaum ein anderer Begriff in seinem Ressort prägte das vergangene Jahr mehr als die Ich-AG. Sie ist ein wesentlicher Teil des Hartz-Konzeptes, das vorsieht, Arbeitslose durch üppige staatliche Förderung in die Selbständigkeit zu locken (siehe Grafik).

Damit verwirklicht die Regierung die alte Forderung, nicht Arbeitslosigkeit zu finanzieren, sondern Arbeit. Im Eiltempo paukte Clement die Hartz-Vorschläge durch den Bundestag. Was noch im Dezember Konzept war, ist seit 1. Januar Gesetz. Eine Gründerwelle soll durchs Land schwappen, so hofft der Minister.

Geht es nach seinem Willen, werden aus einer Vielzahl von Arbeitslosen klassische Ein-Personen-Unternehmen wie Kurierfahrer, Reinigungsservices, Schreibbüros oder Ladenbetreiber. Mindestens 320 000 neue Arbeitsplätze verspricht sich der Minister durch Minijobs und Ich-AGs, die Union rechnet sogar noch optimistischer. Sandra Schulze jedenfalls besetzt eine der Stellen. Eine der ersten.

Ende Dezember 2001 war die gelernte Floristin bei einem Autounfall so schwer verunglückt, dass sie fast zehn Monate in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken zubringen musste. Mit der Folge, dass ihre Arbeitgeberin sie kündigte. Im Oktober 2002 war sie zwar wieder gesund, aber auch den Job los. Bis im November eine Anzeige im örtlichen Wochenblatt erschien: »Florist arbeitslos - das muss nicht sein«. Der Vorbesitzer vom »Blumenlädchen« suchte eine Nachfolge. Vier Mitbewerberinnen stach Schulze aus.

Ursprünglich wollte sie die bisher allein geltende Förderung des Arbeitsamtes bei Existenzgründungen in Anspruch nehmen - das Überbrückungsgeld. In diesem Fall zahlt das Amt beim Weg in die Selbständigkeit sechs Monate das Arbeitslosengeld weiter. Für die Thüringerin wäre das keine sehr lukrative Aussicht gewesen. Mit 400 Euro Arbeitslosengeld im Monat hätte sie insgesamt 2400 Euro Starthilfe plus einem pauschalierten Sozialversicherungsbeitrag vom Arbeitsamt erhalten.

Doch kurz bevor sie den Antrag auf Überbrückungsgeld abgeben wollte, hörte sie, dass die oft zitierte Ich-AG schon bald Wirklichkeit werden würde. Mit der Hartz'schen Variante bekommt sie nun allein im ersten Jahr 7200 Euro Fördermittel.

Auch Helga Dellemann hat den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Im Alter von 54 Jahren durchaus ein Wagnis. »Aber hätte ich«, fragt die gelernte Hebamme, »die Arbeitslosigkeit absitzen und warten sollen, dass mir das Amt was anbietet?«

Jahrelang hatte Dellemann auf der Insel Fehmarn in der Haus- und Altenpflege gearbeitet. Über ein Jahr lang war sie arbeitslos. Jetzt hat sie ihre Ich-AG gegründet und verkauft Kompressionsstrümpfe. Auch sie wollte sich eigentlich mit dem Überbrückungsgeld selbständig machen. Auch bei ihr ist die Förderung der Ich-AG deutlich lohnender. »Vor allem«, so Dellemann, »deutlich unbürokratischer«.

Um das Überbrückungsgeld genehmigt zu bekommen, hätte sie der zuständigen Industrie- und Handelskammer (IHK) anhand einer peniblen »Rentabilitätsvorschau« zunächst nachweisen müssen, dass ihre kleine Firma überhaupt tragfähig ist. Nun lassen IHK und Arbeitsamt sie ohne großes Prognose-Palaver erst mal wirtschaften.

Mit dem schnellen und großen Geld rechnet weder Helga Dellemann noch Sandra Schulze, die sich bei ihren Planungen ganz an ihrem Vorgänger orientiert. Bei ihm warf der Blumenladen rund 1600 Euro Gewinn im Monat ab.

Damit wäre Schulze hoch zufrieden: »Es wäre ein Traum, wenn das Geschäft weiter so geht wie bisher.«

Die nächste Generation der Ich-AG'ler könnte noch mit weiteren Hilfen rechnen. Vergangene Woche gab Clement einen weiteren Teil seiner Mittelstandsoffensive bekannt. Setzen Existenzgründer nur bis zu 17 500 Euro jährlich um, dürften sie demnach bis zu 50 Prozent ihrer Einnahmen als Betriebskosten steuerlich geltend machen.

Damit wären die Mini-Unternehmen nicht nur von der Umsatz- und Gewerbesteuerpflicht befreit, sondern auch von der Einkommensteuer. Ab dem 1. Januar 2004 wird die Umsatzgrenze für die Minimalbesteuerung sogar auf 35 000 Euro erhöht, sofern die Europäische Union zustimmt.

Bei allem Optimismus, den sowohl die Regierung als auch die ersten Gründer versprühen, bleibt das neue Gesetz jedoch nicht unumstritten. So fürchten Experten statt eines Abbaus der Arbeitslosigkeit einen verschärften Druck auf Unternehmen ohne staatliche Hilfe - vor allem im Handwerksbereich.

»Es besteht die Gefahr des Drehtüreffekts«, sagt Almuth Draeger, Sprecherin der Berliner Handwerkskammer. »Mit einem neuen Handwerksbetrieb könnte ein bestehender verdrängt werden.« Wenn jetzt noch Ich-AGs den Markt eroberten, würden mehr Handwerker um die gleiche Zahl an Aufträgen konkurrieren. Die Ich-AGs seien auf Grund ihrer staatlichen Unterstützung in der Lage, bessere Konditionen anzubieten. Die bestehenden Betriebe könnten nur mit Personenabbau reagieren.

Das Szenario sei unwahrscheinlich, sagen die Arbeitsämter. Sie gehen eher davon aus, dass sich die Ich-AGs in Einzelhandel und Dienstleistungsgewerbe tummeln werden. Handwerkskammern fordern auch von den staatlich gepäppelten Selbständigen den Eintrag in der Handwerksrolle. In der Regel benötigt man dazu einen Meisterbrief. Die wenigsten Arbeitslosen bringen diese Voraussetzung mit.

Wie viele Erwerbslose den Start in die Ich-AG nutzen, bleibt ohnehin noch offen. Frühestens bei der Bekanntgabe der Arbeitsmarktdaten Anfang Februar wird Behördenchef Florian Gerster eine erste vorsichtige Bilanz ziehen können.

Sandra Schulze schlägt ihm bei dieser Gelegenheit gleich eine Namensänderung vor. Mit der Bezeichnung »Ich-AG« ist sie ganz und gar nicht einverstanden. »Klingt irgendwie zu unabhängig und egoistisch.« JANKO TIETZ

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