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Arbeitgeber Ohne Prunk

Der neue Arbeitgeberpräsident der Metallindustrie möchte eine Wende in der Lohnpolitik erzwingen.
• aus DER SPIEGEL 20/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zum 26. Mal ist Dieter Kirchner, 57, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der deutschen Metall- und Elektroindustrie, in den Tarifverhandlungen dabei - Aufregendes erwartet der Mann nicht mehr. Und doch macht die Sache ihm diesmal besonderen Spaß.

Der neue Mann an der Spitze des Arbeitgeberverbandes, sagt Kirchner, bringe Spontaneität und Gefühl ins Tarifgeschäft: »Der geht offen und ohne Schnörkel auf sein Ziel zu.«

Beinhart wäre auch korrekt. Hans-Joachim Gottschol, 64, Mittelständler aus dem Sauerland und seit Jahresbeginn Präsident von Gesamtmetall, will die Trendwende in der Lohnpolitik durchsetzen. Der komplizierten Wirklichkeit begegnet er dabei mit einfachen Formeln. Die strahlende Offenheit, mit der er die vorträgt, entzückt die Gesamtmetaller. »Der Mann«, schwärmt einer, »hat so blaue Augen.«

»Die Lohnabschlüsse«, kündigte Gottschol bereits bei seiner Wahl an, »müssen deutlich unter denen des Vorjahres bleiben.« Andernfalls rutsche die Wirtschaft in die Krise.

Mit ihrem Angebot von 3,3 Prozent Einkommenszuwachs für die Metaller blieben die Arbeitgeber sogar noch unterhalb der Marke, die im Öffentlichen Dienst den Streik ausgelöst hat. Was im Öffentlichen Dienst geschehe, ließ Gottschol wissen, interessiere ihn wenig: Dort werde ja nicht selbstverdientes Geld verteilt.

Gottschol hält seine regionalen Unterhändler kurz: Trotz massiver Warnstreiks der IG Metall legten sie auch in der vierten Verhandlungsrunde, die in der vergangenen Woche lief, keine Mark zu.

Die IG Metall fühlt sich provoziert wie seit Jahren nicht. Gewerkschaftschef Franz Steinkühler rief für Dienstag seinen Vorstand zusammen. »Einige Rambos im Arbeitgeberlager«, sagt Steinkühler, »wollen den Kampf.«

Bislang hielt der Arbeitgeberchef kräftig gegen. »Die IG Metall muß wissen«, drohte er, »daß die Konfliktbereitschaft der Unternehmer unvergleichlich größer ist als 1991.« Der Sündenfall des vergangenen Jahres dürfe sich nicht wiederholen.

Damals unterschrieben die Arbeitgeber kampflos die Marke von rund sieben Prozent mehr Lohn. Doch damit glaubten allein die Großunternehmen leben zu können, die kleinen und mittleren Betriebe, die mehr als 80 Prozent der Verbandsklientel ausmachen, fühlten sich überrollt. Lange schon paßte den Mittelständlern das Diktat der Manager aus den Konzernen nicht mehr.

In dem stämmigen Mittelständler mit der direkten Sprache und den rosigen Wangen finden die bislang benachteiligten Unternehmer sich wieder; daß Gottschol Lohnabschlüsse durchpeitschen will, »die für die mittelständischen Unternehmen tragbar sind«, nehmen sie begeistert auf. Bei den Arbeitgebern, stöhnt der Hamburger IG-Metall-Fürst Frank Teichmüller genervt, »sind jetzt die wildgewordenen Kleinunternehmer dran«.

Gottschol, sagen seine Mitarbeiter, spreche die Unternehmer emotional an. Sie spüren, daß er einer der Ihren ist. Mit seinem Bruder und 800 Beschäftigten verwertet der promovierte Hütteningenieur Aluminiumschrott. Mit Legierungen reinster Art macht das Familienunternehmen 500 Millionen Mark Umsatz im Jahr.

Statt Prunk und feiner Lebensart pflegt der erfolgreiche Unternehmer Bescheidenheit. Solange die abgewetzte Cordsitzgarnitur im Ennepetaler Vorstandszimmer ihren Zweck erfüllt, ist sie gut genug.

Für die Arbeiter, die den Chef sprechen wollen, stehen im gewienerten Foyer Filzpuschen bereit; im Vorzimmer hilft die Tochter mit und sorgt dafür, daß der Senior sein Mittagspäuschen nimmt. »In äußerster Pflichterfüllung meine Arbeit zu tun«, daraus zieht Gottschol seinen Lustgewinn.

So schlicht wie das Idyll sind die Argumente, mit denen der Gesamtmetall-Präsident den Verband auf Linie trimmt: Die Löhne sind zu hoch, die Arbeitszeiten zu kurz, der Umweltschutz ist teuer, die Steuern drücken.

Gegen die Last der Ansprüche, schimpft Gottschol, komme der fleißigste Mittelständler nicht an. Durch falsche Politik werde die Metallindustrie auf dem Weltmarkt zurückgeworfen, die Diagnose treibt dem Sauerländer jedesmal wieder die Zornesröte ins Gesicht. Der Mann, das gefällt den Gesamtmetallern, glaubt, was er sagt.

Natürlich sind für ihn die Lohnkosten schuld am kollektiven Niedergang. Über 60 000 Arbeitsplätze habe der letzte Lohnabschluß gekostet, Sorgenbereiche wie der Maschinenbau litten unter »dramatischen Auftragsrückgängen«, allen Zuliefererbereichen gehe es schlecht. »Die Bedingungen in der Metallindustrie«, fordert der Präsident, »müssen so werden, daß wir wieder erfolgreich sind.«

Diese Botschaft kommt gut an, auch wenn die wirkliche Lage so düster nicht ist. Noch 1991 hatte der Maschinenbau die Spitzenposition im weltweiten Export. Zwar stagnieren in diesem Jahr die Aufträge, doch schuld sind nicht überbordende Lohnkosten, schuld ist die schlaffe Weltkonjunktur.

Auch an der beklagten Not der Zuliefererbetriebe sind nicht in erster Linie die Gewerkschaften schuld. Seit drei Jahren lassen die großen Abnehmer keine Preiserhöhungen mehr zu, ihre eigenen Kosten wälzen sie so auch auf die Lieferanten ab. Niedrige Lohnabschlüsse können vorübergehend Luft schaffen, die Ursache für die Kostenklemme beseitigen sie aber nicht.

Sorgen machen den Mittelständlern vor allem auch die Japaner. In den vergangenen zehn Jahren haben die Konkurrenten aus Fernost ihre Maschinenexporte nach Deutschland verfünffacht, in Japan dagegen läuft kaum eine Maschine aus deutscher Produktion. Während sich die Deutschen seit Jahren auf den weitgehend gesättigten europäischen Markt konzentrieren, rollen die Japaner die südostasiatischen Zukunftsmärkte auf.

»Der Wettbewerb mit Japan wird immer härter«, sagt Berthold Leibinger, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Der technische Fortschritt beschleunige sich rapide.

In dieser schwierigen Lage sind die Unternehmer der Metallindustrie nur allzu bereit, den starken Parolen ihres Präsidenten zu folgen. Doch ob Gottschol seine Mitkämpfer auch in der heißen Phase des Tarifkonfliktes wird zusammenhalten können, ist zweifelhaft. Wenn die IG Metall zum Streik aufruft, bröckelt die forsche Arbeitgeberfront schnell.

Viele Zulieferer der großen Metallverarbeiter haben Angst, durch den Ausstand ihre wichtigen Kunden zu verprellen; die Firmen, deren Auftragsbücher noch voll sind, wollen durch Streiks nicht in Verzug geraten. Gottschol möchte die Arbeitgeber zu massiven Aussperrungen drängen, doch vor allem die Kleinunternehmer sträuben sich, weil sie um das Betriebsklima fürchten.

Die Belegschaften andererseits sind vielfach gar nicht zimperlich. In vielen Betrieben sind über 80 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder den Aufrufen zum Warnstreik gefolgt. Wie bereitwillig die Arbeitnehmer ihrem Zorn Luft machen, erstaunt sogar die Funktionäre der IG Metall. Steinkühler nach einem Besuch bei der Basis: »Die Stimmung ist phantastisch.«

Die Arbeitgeber jedenfalls haben die Streikbereitschaft unterschätzt. Viele beginnen deshalb, trotz Gottschols Kampfappellen an ihrer eigenen Stärke zu zweifeln.

Gelingt es dem Mann mit den blauen Augen nicht, die zaghaften Firmeneigner zu packen, befürchtet Gesamtmetall-Geschäftsführer Kirchner das Schlimmste: »Dann haben wir kaum noch Chancen, ernst genommen zu werden.«

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