»Ohne Risiko«
Nach der Vorlesung an der Universität Heidelberg sprach die Studentin den Professor an. Sie komme aus Kroatien, und dort werde genau das gebraucht, worüber er gesprochen habe: ein einfaches und modernes Steuersystem. Ob er da nicht helfen wolle?
Manfred Rose wollte. An der Idee eines Steuersystems, das Sparen und Investieren nicht bestraft, hatten der Finanzwissenschaftler und drei andere Hochschullehrer schon Jahre gearbeitet. Die Studentin knüpfte Kontakt zu zwei Hochschullehrern in ihrem Land. Die kamen 1992 nach Heidelberg und waren höchst interessiert. Roses Glück: Der eine wurde wenig später Finanzminister, der andere Präsident der Nationalbank.
Seit 1994 besteuert Kroatien seine Bürger und Unternehmen nach den Vorstellungen der deutschen Ökonomen - das Land hat heute das wohl fortschrittlichste Steuersystem der Welt.
Unternehmen zahlen bei Investitionen, die nur soviel Profit bringen wie eine normale Staatsanleihe, keine Steuer mehr - eine Idee des Würzburger Ökonomen Ekkehard Wenger. Nur das, was darüber hinaus erwirtschaftet wird, muß in Kroatien mit 25 Prozent versteuert werden.
»Kapital muß vor Substanzverzehr geschützt werden«, sagt Manfred Rose, »wie bei den Einkommen der Bürger muß es auch für gespartes und investiertes Geld ein Existenzminimum geben, auf das der Staat keinen Zugriff hat.«
In Kroatien können die Firmen von ihren Gewinnen derzeit einen Schutzzins von drei Prozent, zuzüglich Inflationsrate, auf ihr Eigenkapital abziehen, bevor der Fiskus seinen Anteil bekommt. Für Kleinunternehmer gelten sogar fünf Prozent. Weil die steuerpflichtigen Gewinne somit um die allgemeine Preissteigerung bereinigt sind, kommt es, anders als in Deutschland, nicht zur Besteuerung inflationärer Scheingewinne.
Auf die Wirtschaftsentwicklung in Kroatien wirkt sich diese Besteuerung außerordentlich vorteilhaft aus. »Die kroatische Regierung hat erkannt«, lobt Rose, »daß man die Ernte besteuern muß, aber nicht das Saatgut.« Zusätzliche Investitionen bedeuten mehr Arbeitsplätze und damit mehr Einkommen und entsprechend höhere Steuereinnahmen.
Das neue Steuersystem brachte dem Staat bereits im ersten Jahr um 25 Prozent höhere Einnahmen. Bei Rose melden sich mittlerweile auch viele deutsche Unternehmen, die sich für Investitionen in Kroatien interessieren.
Zufrieden sind auch die kroatischen Bürger. Sie müssen je nach Einkommen zwischen 25 und 35 Prozent Steuern zahlen. Auf Zinseinkünfte zahlen die Kroaten überhaupt keine Steuern mehr.
Rose hält das für fair. Wer Geld spare, verzichte damit auf den sofortigen Konsum zugunsten späterer Ausgaben: »Die Zinsen sind doch nur ein Ausgleich für die Inflation und für das Warten. Ungerecht ist daher, wenn der Staat bereits versteuertes Einkommen ein zweites Mal erfaßt.«
Die Argumentation Bonner Finanzpolitiker, daß Zinsen ein neues Einkommen seien, das abermals mit dem Staat geteilt werden müsse, hält der Ökonom für falsch: »Selbst schlicht denkende Bürger verstehen diesen Sachverhalt besser als die Politiker.«
Zur Zeit helfen die deutschen Professoren den Kroaten, auch ihr Umsatzsteuergesetz zu reformieren. Roses Tübinger Kollege Franz Wagner hat ein Mehrwertsteuergesetz erarbeitet, das keinerlei Vergünstigungen für bestimmte Waren kennt.
Inzwischen interessiert sich auch das Bonner Finanzministerium für die Vorschläge der Ökonomengruppe. Daß man sie auch in Deutschland umsetzen könnte, daran hat Rose keinen Zweifel. »Das geht ohne Risiko.«