WECHSELKURSE Ohne Teppich
Vor gut einem Jahrzehnt warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) noch vor flexiblen Wechselkursen. Dieser »Blödsinn«, so der damalige BDI-Präsident Fritz Berg, führe zur Verarmung der heimischen Industrie.
Der Blödsinn ist längst Realität und die deutsche Industrie nicht verarmt. Mehr noch: Deutschlands Firmenchefs sind zu treuen Anhängern flexibler Wechselkurse geworden.
»Mit Befriedigung« stellte Hans Hartwig, Präsident des Bundesverbands des deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), nach dem jüngsten Weltwirtschaftsgipfel in Williamsburg fest, daß eine Rückkehr zu festen Kursen, wie es insbesondere die Franzosen verlangten, nicht verabredet worden sei. Ein solches System liege, so Hartwig, »nicht im Interesse der deutschen Außenwirtschaft«.
Anders als Politiker, meint Gerd Toepfer, Finanzchef bei Ford in Köln, versuchten Wirtschaftsmanager eben immer, aus allem das Beste zu machen. »Erst glaubten wir«, so Toepfer, »uns würde durch schwankende Wechselkurse der Teppich unter den Füßen weggezogen. Später stellten wir dann fest, daß es auch ohne Teppich geht.«
Beim System fester Wechselkurse, das bis 1973 praktiziert worden war, hatten die Notenbanken der westlichen Industrieländer dafür gesorgt, daß die Wechselkurse, also die Austauschverhältnisse zwischen den Währungen, nur innerhalb sehr schmaler Bandbreiten schwankten. Wich der Preis einer Währung an den freien Devisenmärkten durch eine zu hohe Nachfrage oder ein zu hohes Angebot zu stark vom amtlich festgesetzten Mittelkurs ab, regulierte die Notenbank den Markt-Kurs durch eigene Zukäufe oder Verkäufe von Devisen.
Das System, das den Außenhändlern eine sichere Kalkulation von Einnahmen und Ausgaben zu erlauben schien, hatte eine entscheidende Schwäche: Geriet eine Währung in Abwertungsverdacht, setzte eine Flucht aus dieser Währung ein. Umgekehrt stürzten sich immer wieder die Spekulanten auf eine aufwertungsverdächtige Währung.
Von ständigen Auf- und Abwertungsspekulationen zerrüttet, brach das Festkurs-System schließlich zusammen. Seither greifen die Notenbankiers nur noch gelegentlich an den Devisenmärkten ein,
wenn die Kurse ihrer Meinung nach allzu toll schwanken. Gegen Kurstrends - und seien sie noch so unerklärlich - aber stemmen sich die Zentralbanken nicht mehr; sie überlassen die Kursbildung den freien Märkten.
So verteuerte sich der US-Dollar gegenüber der Mark seit Jahresanfang um gut zehn Prozent auf über 2,62 Mark - den höchsten Stand seit 1975. Mit nüchternen wirtschaftlichen Daten allein ist das nicht zu begründen. Die Preise stiegen in der Bundesrepublik nicht so schnell wie in den USA, die Amerikaner erwarten ein Rekorddefizit, die Deutschen einen Rekordüberschuß in ihrer Handelsbilanz.
Mehr als Inflationsrate und Handelsströme bestimmt heute - zumindest auf kurze bis mittlere Sicht - das Verhalten internationaler Kapitalanleger den Kurs einer Währung. Die Devisenmärkte sind zu einer Börse geworden, an der Banken und multinationale Unternehmen ihre liquiden Mittel von Land zu Land verschieben, um die jeweils höchste Verzinsung zu erzielen.
Das stärkere Auf und Ab der Wechselkurse erschwerte die Kalkulation der Unternehmen und brachte neue Risiken mit sich. Eine Bekleidungsfirma etwa, die Mitte Mai in Ostasien für 100 000 Dollar Stoffe gekauft und in ihre Kostenkalkulation den aktuellen Wechselkurs von 2,47 Mark eingesetzt hatte, mußte bei Lieferung der Ware einen Monat später 10 000 Mark mehr zahlen - die US-Währung war auf 2,57 Mark gestiegen. Verkaufte dasselbe Unternehmen Mitte Juni für 100 000 Dollar Hemden in die USA, konnte es Ende des Monats umgekehrt pro Dollar statt 2,57 nur noch knapp 2,50 Mark eintauschen. Das machte erneut einen Verlust von fast 10 000 Mark aus.
Die Finanzexperten großer Unternehmen, bei denen es oft noch um weit höhere Beträge geht, suchen solche Risiken möglichst klein zu halten. Das sei, meint Edzard Reuter, Finanzchef von Daimler-Benz, heute zum »Kernpunkt der Finanzpolitik« eines multinationalen Unternehmens und zu seiner »heißesten Aufgabe« geworden.
Am liebsten schließen die deutschen Ein- und Verkäufer ihre Verträge in Mark ab. Bundesdeutsche Ausfuhren werden inzwischen schon zu 85 Prozent, die Importe etwa zur Hälfte in Mark fakturiert. Öl und andere Rohstoffe dagegen werden in Dollar eingekauft.
Daß die deutschen Außenhändler überwiegend in ihrer Landeswährung abschließen können, verdanken sie ihrer starken Position im Wettbewerb. Reicht die Marktmacht nicht aus, eine Rechnung in Mark durchzusetzen, so schließen die Unternehmen gegen Verluste im Roulett der Währungen sogenannte Kurssicherungsgeschäfte.
Die gebräuchlichste Form sind Devisenterminkontrakte. Dabei werden beispielsweise Dollar für künftig zu leistende Zahlungen über eine Bank bei Vertragsabschluß per Termin, also für den Zeitpunkt der Fälligkeit, gekauft. Umgekehrt können Dollar, die erst später eingehen, schon heute verkauft werden.
Wechselkurssicherung, so Hans-Jürgen Müller, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Exporthandels in Hamburg, sei heute »Grundsatz eines jeden guten deutschen Außenhändlers«. Die zum Teil beträchtlichen Kosten nehmen die Exporteure in Kauf, weil die Vorteile eines Systems flexibler Kurse überwiegen.
Gerade bei festen Kursen, urteilt BGA-Chef Hartwig, seien kräftige Kurssprünge unvermeidlich. Dadurch würde der Außenhandel »noch riskanter«.
Hartwigs Verbandskollege Jens Petersen, beim BDI in Köln zuständig für Währungspolitik, verweist auf das »abschreckende Beispiel« des Europäischen Währungssystems EWS, das auf festen Kursen innerhalb bestimmter Bandbreiten basiert. Auch im EWS würde zweimal im Jahr auf- oder abgewertet: Allein in den vergangenen zwei Jahren hätte etwa der Franc über 25 Prozent seines Wertes gegenüber der Mark verloren. Und dabei müßte die deutsche Wirtschaft, so Petersen, häufig einen »politischen Preis« zahlen.
So ist etwa bei der letzten Neufestsetzung der Kurse im März die Mark stärker aufgewertet worden als nötig war, nur um den Franzosen eine größere Abwertung zu ersparen. Deutsche Exporte wurden »über Gebühr« (Petersen) belastet.
Längst haben die Finanzmanager der großen Konzerne inzwischen ein weiteres gutes Argument für flexible Kurse: Am Auf und Ab der Währungen läßt sich zusätzliches Geld verdienen.
Nicht alle deutschen Unternehmen betreiben eine so »stockkonservative Finanzpolitik« (Reuter) wie der Stuttgarter Autobauer Daimler-Benz. Devisenbewegungen, die nicht durch Liefergeschäfte begründet sind, haben für Reuter einen »Hauch von Monte Carlo«.
Reuters Kollegen sehen das vielfach anders, für sie geht es um eine einfache Rechnung: »Der Saldo aus Devisengeschäften und Kurssicherungskosten«, sagt Finanzchef Toepfer von Ford, »ist eindeutig positiv.«
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AUF UND AB DES DOLLAR Kursentwicklung des Dollar gegenüber der Mark (monatliche Höchst- und Tiefstwerte) Stand am 28. Juli 1983
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