UNTERNEHMER Ohne Trick
Ganz richtig versteht keiner, warum Bernard Tapie ein so erfolgreicher Geschäftsmann ist. Mit seinen 40 Jahren hat es der Franzose schon auf 44 Unternehmen gebracht. Vor acht Jahren, als Tapie seine Kaufmannskarriere startete, besaß er noch keine einzige Firma.
Für den jungen Mann mit dem Filmstar-Gesicht und der Zehnkämpferfigur ist das kein Hexenwerk. »Ich bin ein Arzt mit dem Privileg, meine Patienten auszusuchen«, erzählt er Besuchern, die ihn nach seinem Erfolgsrezept fragen.
Die Patienten, die Tapie zur Einkommensmehrung nutzt, sind zahlungsunfähige Unternehmen. Sobald Unternehmen in den letzten Zuckungen liegen, wecken sie das Interesse des tatkräftigen Mannes. Der Jungunternehmer verwertet nicht die traurigen Reste, sondern erweckt die maroden Firmen zu neuem Leben. Dabei geht, soweit nach außen erkennbar, alles mit rechten Dingen zu - dank dem französischen Konkursrecht.
Das läuft so: Droht einem an sich interessanten Unternehmen das Geld auszugehen, kauft Tapie sich blitzschnell ein. Meist braucht er als Retter in höchster Not nur bescheidene Beträge für eine Mehrheitsbeteiligung zu bezahlen, zuweilen nur einen einzigen symbolischen Franc.
Dann stellt das Management beim Handelsgericht einen Vergleichsantrag und vereinbart mit den Gläubigern einen Vergleich. Schulden wie Schuldzinsen sind damit laut Gesetz für mindestens zwei Jahre gestundet. Die um ihren Einsatz bangenden Banken wandeln gern kurzfristige in langfristige Kredite um, und die Finanzen sind erst einmal gründlich entlastet.
Gleichzeitig sorgt Tapie durch Kündigungen für niedrigere Personalkosten: Während Massenentlassungen normalerweise in Frankreich schwer durchzusetzen sind, hat Tapie, dank der Unterstützung durch den Vergleichsverwalter, mit seinen Rausschmissen wenig Mühe.
1977 kaufte Tapie seine ersten vier Pleitefirmen. Das war der Beginn eines Aufstiegs »ohne jeden Finanztrick, aber mit einer Strategie«, wie der Meister sein Unternehmerwerk darstellt.
Es war zumindest ein ziemlich steiler Aufstieg. Ehrgeizig war das Arbeiterkind Bernard Tapie aus dem Pariser Vorort La Courneuve wohl schon immer. Der junge Bernard allerdings brachte nicht allzuviel zu Ende.
Mit 19 besang er Schlagerplatten ("Ich glaube den Mädchen nicht mehr«, »Schnell ein Glas"), dann steuerte er
Formel-3-Rennwagen, jobbte bei der (inzwischen liquidierten) Autofirma Panhard, besuchte eine private Ingenieurschule und brachte es schließlich zu einem (im Lande der Eliteschulen ziemlich wertlosen) Diplom.
Eine von ihm begründete Verbraucherzentrale bescherte ihm keinen Erfolg. Zwischendurch baute Tapie eine Pleite, bezahlte später aber seine Schulden bis auf den letzten Franc. Ein paar Jahre hielt er es immerhin in einem Büro für Unternehmensberatung aus. Seine Spezialität dort: Konkursfälle.
In die Schlagzeilen geriet Tapie 1979, als er sich bemühte, die vier französischen Schlösser des aus dem Amt gejagten Ex-Kaisers von Zentralafrika, Jean Bedel Bokassa, zu verkaufen. Der Erlös war für die Unicef bestimmt; doch außer zweifelhafter Publicity für Tapie kam bei der Sache nichts heraus.
Dann folgten größere Firmenaufkäufe, ziemlich wahllos, wie es schien. 1980 übernahm Tapie zunächst die Reformhauskette La Vie Claire (das helle Leben) und ihre 300 Läden, später dann die Waagenhersteller Terraillon und Testut.
In den letzten drei Jahren rundete Frankreichs Pleitenguru die Zufallskäufe zu halbwegs übersichtlichen Gruppierungen ab. Die Hauptbereiche: Waagen aller Art, Sportartikel (Look-Skibindungen, Trak-Ski), Ernährung (von der biodynamischen Kost bis zu provencalischen Kräutern), Bekleidung (Konfektion von Mic-Mac, Mode von Madame Gres, Schuhe von Kickers, Vertrieb von Wrangler-Jeans).
Der jüngste Großeinkauf, im vergangenen Jahr getätigt, war Frankreichs zweitgrößte Batteriefabrik, die Firma Piles Wonder.
Insgesamt macht Tapies Firmen-Imperium inzwischen einen Umsatz von 5,2 Milliarden Franc (1984). Der Konzern hält einen achtbaren Rang unter den 100 größten Unternehmen des Landes.
Das Erstaunlichste an der scheinbar planlosen Raffpolitik: Die Holding Groupe Bernard Tapie machte im letzten Jahr einen Gewinn von rund 140 Millionen Franc (46 Millionen Mark). Der Sanierer mußte bisher erst eine einzige Firma, die Waagen-Fabrik Kuhn et Fleichel, dichtmachen.
Auf die Frage, warum außer ihm noch niemand auf das gleiche Rezept zum Reichwerden gekommen sei, hat Tapie eine Antwort parat: »Die andern suchen schlecht aus. Außerdem stecken sie ihre Hand nicht gern in Scheiße.«
Noch erfolgreicher als beim Heilen kranker Unternehmen ist der französische Unternehmerstar in der Kunst der Selbstdarstellung. Dazu gehören Turbo-Porsche und Corvette-Jet genauso wie starke Sprüche und Gesangseinlagen in Fernsehshows.
Im Stil eines amerikanischen Missionars predigt Tapie vor seinen Mitarbeitern mehr oder weniger originelle Unternehmerweisheiten. »Ich bin ein Menschenführer«, sagt er von sich und redet Gewerkschaftsführer so besoffen, daß sie schließlich Entlassungen zustimmen. Das Magazin »L''Expansion« über seine verbalen Fertigkeiten: »Sie verwandeln Bataillone, die auf dem Rückzug sind, in eine siegreiche Armee.«
Wenn die eigene Aura nicht genügt, dann holt sich Tapie illustre Helfer - wie den vierfachen Sieger der Tour de France, Bernard Hinault. Der radelt seit September 1983 mit seiner Equipe in den Farben von La Vie Claire durch die Lande. Tapie ließ sich den Drei-Jahres-Vertrag für Star und Mannschaft zehn Millionen Franc kosten.
Nur: Das alles kann vielleicht Mitarbeiter oder Kunden motivieren, nicht jedoch die mißtrauischen Bankiers. Die blicken gebannt auf die Schulden des Tapie-Konzerns von immerhin 600 Millionen Franc.
Manch einer unter den Geldmännern mag auch daran denken, wie es in der Bundesrepublik Deutschland dem Unternehmer Horst-Dieter Esch ergangen ist. Der hatte über Jahre hinweg eine konkursreife Baumaschinenfirma nach der anderen übernommen, sehr zur Verwunderung von Banken und Branchenkennern. Esch ging schließlich doch in Konkurs, mit ihm fiel das Bankhaus Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co.
Bis zu sieben Jahren reichen die Zahlungsfristen, die Tapie im Rahmen der Vergleichsverfahren für seine illiquiden Erwerbungen ausgehandelt hat. Doch die Kredite sind kein Thema für ihn: »Seit 1977 ist nie auch nur ein einziges meiner Unternehmen die Rückzahlung schuldig geblieben.« Wer es wagt, Zweifel an der Solidität der Tapieschen Methoden zu äußern, wird von dem Konzernchef als professioneller Miesmacher abgetan. Schließlich sei er ein »Profi, der etwas von seinem Job versteht«.
Eine konsolidierte Bilanz seines Gemischtwarenhandels will er allerdings nicht vorlegen. Das Argument, das ihm dazu einfällt, ist reichlich dünn: Es gebe, sagt der Chef, »keine Kommunikation zwischen den Firmen«.
Im letzten September muß den Strahlemann aber doch der Zweifel geplagt haben. Da ließ er wissen, er wolle es jetzt langsamer angehen lassen, die (wenn auch unvermeidlichen) Entlassungen wären ihm aufs Gemüt geschlagen. Nun wolle er zur Abwechslung einmal selber Firmen gründen und denke dabei so an 5000 neue Arbeitsplätze für die nächsten zwei Jahre.
Allzu genau darf man solche Sprüche nicht nehmen. Schon im Januar schlug Tapie wieder zu und rettete 75 000 Legehennen vor dem vorzeitigen Ende im Kochtopf. Er kaufte eine bankrotte Hühnerfarm in der Bretagne, um künftig 17 Millionen »Tapie-Frischlufteier« in der Bundesrepublik abzusetzen. _(In seiner Pariser Wohnung. )
In seiner Pariser Wohnung.