Online-Broker: Das Eis wird dünner - DER SPIEGEL
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Online-Broker Das Eis wird dünner

Die Talfahrt an den Aktienmärkten hat die Branche der Discountbroker weltweit erschüttert. Wer ohne Rückendeckung großer Bankhäuser überleben will, muss umdenken.
Von Martin Paetsch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Als die Aktienkurse noch in die Höhe schossen, gehörten Online-Broker wie Consors, Direkt Anlage Bank oder Comdirect zu den Lieblingen der Börsenwelt. Je mehr Privatanleger an den Neuen Markt strömten, desto schneller wuchsen die Discountbroker. Doch eben diese enge Verknüpfung mit dem Schicksal der Wachstumsmärkte macht den Online-Brokern nun zu schaffen.

Der Fall einstiger Vorzeigefirmen wie EM.TV oder Intershop hat auch das Vertrauen in die Finanzdienstleister erschüttert. So trieben Ende vergangener Woche Gerüchte um eine Gewinnwarnung bei Consors den Aktienkurs des Nürnberger Online-Brokers in die Tiefe. Consors-Chef Karl Matthäus Schmidt streute umgehend Dementis; das Unternehmen veröffentlichte hastig Zahlen zum vierten Quartal, mit denen die stabile Entwicklung belegt werden sollte.

Ausgedünnte Depots

Tatsächlich konnten die Consors-Ergebnisse Analysten und Anleger vorerst beschwichtigen. Trotz des "miserablen Börsenumfelds" (Schmidt) wuchs die Zahl der Neukunden nach Unternehmensangaben im Schlussquartal immerhin um rund 26.000 auf europaweit 526.000 Kunden. Auch die Orderaktivität übertraf mit über drei Millionen Transaktionen leicht das Ergebnis des vorigen Quartals.

Dennoch ist Consors nicht aus der Gefahrenzone. Das Depot- und Einlagevolumen der Consors-Kundschaft verringerte sich durch sinkende Kurse und Panikverkäufe um rund 20 Prozent auf neun Milliarden Euro. Zwar verdiente der Online-Broker auch an der Verkaufshysterie mit. Doch wenn die von Verlusten gebeutelten Anleger nur noch kleinere Beträge riskieren, sinken auch die Einnahmen von Consors, da die Gebühren vom Transaktionsvolumen abhängen.

Eingefrorene Gehälter

Die Katerstimmung bei den Online-Brokern macht sich nicht nur in Deutschland bemerkbar. Das schwedische Unternehmen Avanza legte fürs Erste seine ehrgeizigen Expansionspläne in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien auf Eis. In den USA, wo der Nasdaq-Index für Hightech-Titel im vergangenen Jahr um mehr als 30 Prozent absackte, kündigte der Online-Broker Ameritrade den Abbau von 350 Teil- und Vollzeitstellen an.

Mit Charles Schwab ist auch einer der Vorreiter der Discountbroker-Branche betroffen. Das Unternehmen musste im vergangenen Monat einen Einstellungsstopp verhängen und die Gehälter der Führungsriege einfrieren. Noch vor zwei Jahren erregte Schwab Aufsehen, als sein Börsenwert den der renommierten Investmentbank Merrill Lynch überholte. Mittlerweile ist der Broker jedoch mit rund 40 Milliarden Dollar wieder um knapp ein Drittel billiger als das Traditionshaus.

Überhaupt ist die Old Economy wie beim E-Commerce auch beim Online-Aktienhandel auf dem Vormarsch. Vom Erfolg der Start-ups aufgeschreckt, richteten viele Bankhäuser in den letzten Jahren eigene Internet-Angebote ein und setzen damit vor allem jene Discountbroker unter Druck, die ohne Rückendeckung einer Großbank auskommen müssen.

Aktienhandel im Supermarkt

Um ihre Chancen auf dem eng gewordenen Markt zu verbessern und mögliche Verluste im Kerngeschäft auszugleichen, suchen nun viele Internet-Broker neue Betätigungsfelder. Consors etwa will in Zukunft seinen Kunden auch Online-Wertpapierberatung anbieten. Zudem will sich das Unternehmen mit dem Einstieg in das Investmentbanking ein weiteres Standbein schaffen.

Am weitesten nach vorne wagen sich jedoch die Online-Broker in den USA: Sie wollen den klassischen Banken auch im Filialgeschäft Konkurrenz machen. Die Firma E-Trade zum Beispiel will 200 Dependancen in Supermärkten der Target-Kette einrichten. Beim Wochenendeinkauf sollen dort auch Anleger für den Internet-Handel begeistert werden, die ihre Orders bislang nur über den persönlichen Berater ihrer Bank abwickelten.