Opec Ölhahn soll weiter aufgedreht werden
London/Dubai - Bei informellen Beratungen der Opec-Staaten zeichne sich eine Entscheidung ab, schon in den nächsten Tagen 500.000 Barrel Rohöl zusätzlich auf den Markt zu werfen, hieß es in Kreisen der Ölwirtschaft im Golfemirat Dubai. Der Chefvolkswirt am Zentrum für Weltenergiestudien in London, Leo Drollas, führte den derzeitigen Preisanstieg auf knapper werdende Lagerbestände in den USA zurück.
Der Rohölpreis sank am Dienstag nach Veröffentlichung eines Berichts über höhere US-Öllagerbestände wieder leicht unter die Marke von 32 Dollar je Barrel. Analysten sagten, der Anstieg der US-Öllagerbestände sei zwar für den Markt günstig, die Rohölvorräte seien aber nach wie vor sehr niedrig. Sorgen wegen der zu niedrigen Ölvorräte ließen Händlern zufolge den Ölpreis bereits seit dem 1. August steigen.
Der Preisanstieg verstärkte sich dann in den vergangenen Tagen nach Forderungen von Venezuelas Präsident Hugo Chávez, die derzeit hohen Preise für Rohöl beizubehalten. Der vor kurzem wiedergewählte Chávez hatte erklärt, die hohen Preise seien gerechtfertigt, um die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer voranzubringen. Venezuela ist Mitglied der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec). Chávez bereist zurzeit die anderen zehn Mitgliedsländer der Organisation, um den Opec-Gipfel Ende September in der Hauptstadt Venezuelas, Caracas, vorzubereiten.
Chávez und sein Gastgeber, Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika, fanden am Dienstag klare Worte zu dem von ihnen registrierten Druck der Industrieländer auf niedrigere Ölpreise. "Den einzigen Druck, den wir akzeptieren können, ist der unserer Völker, die ihre Misere beenden müssen", sagte der venezolanische Staatschef, und Bouteflika fügte hinzu: "Wir müssen unsere Interessen verteidigen". Die Opec-Länder seien sich einig, dass der Ölpreis zwar nicht auf 40 Dollar je Barrel steigen sollte, sie wollten aber auch keinen Preis von nur sieben Dollar.
Nach Ansicht von John Toalster, Ölexperte von SG Securities, ist die offensichtliche Unnachgiebigkeit der Opec-Länder mit dem "Trauma" von 1997/98 zu erklären, als ein Barrel Öl zeitweise für zehn Dollar zu haben war. Daraufhin hatte die Opec im vergangenen Jahr in einer gemeinsamen Aktion die tägliche Ölfördermenge um insgesamt 4,2 Millionen Barrel pro Tag Gedrosselt, und die Preise waren wieder gestiegen.
Chávez betonte in Algier, die Opec werde an ihrem Preismechanismus festhalten. Im Juni hatte die Opec einen informellen Preiskontroll-Mechanismus etabliert, nachdem die Preise am Weltmarkt im Schnitt auf über 30 Dollar je Barrel gestiegen waren. Demzufolge soll die tägliche Fördermenge um 500.000 Barrel herauf- beziehungsweise heruntergefahren werden, falls der Durchschnittspreis für mehr als 20 Arbeitstage oberhalb der Marke von 28 Dollar, beziehungsweise mehr als zehn Arbeitstage unterhalb der Marke von 22 Dollar notiert.