Opel Arbeiter stimmen über wilden Streik ab
Bochum/Rüsselsheim - Bei einer Belegschaftsversammlung aller drei Bochumer Werke um 11 Uhr solle entschieden werden "wie es weiter gehen soll", sagte Opel-Betriebsrat Klaus Hemmerling gestern Abend. Bis dahin sollen die Arbeitsniederlegungen zunächst andauern.
Der Streik an dem Standort hatte die Produktion im belgischen Antwerpen aber auch im Stammwerk Rüsselsheim zum Erliegen gebracht. Diese Werke sind auf Zulieferung aus Bochum angewiesen. Gestern hatten laut Gesamtbetriebsrat europaweit 50.000 Beschäftigte gegen die Sparpläne des Mutterkonzerns General Motors protestiert, alleine in Rüsselsheim demonstrierten laut Betriebsrat 20.000 Menschen.
Zugleich schlugen Unternehmen und Gesamtbetriebsrat einen gemeinsamen Kurs ein. "Beide Seiten verfolgen das Ziel, die Standorte Rüsselsheim und Bochum soweit wettbewerbsfähig zu machen, dass sie über 2010 hinaus als Automobilwerke erhalten werden können. Dies gilt analog für das Werk Kaiserslautern", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.
Betriebsratschef Dietmar Hahn hatte gestern von einer soliden Basis für die Verhandlungen mit dem Opel-Management berichtet. Die Gespräche würden mit dem Ziel geführt, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden und die deutschen Opel-Standorte langfristig zu sichern.
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement will die Lösung der Krise beim Autohersteller Opel zur Chefsache machen. Das sagte Clement am gestern Abend im "heute journal" des ZDF. "Wir tun alles, um den Standort zu sichern und auch die notwendigen Gespräche zu führen", sagte der SPD-Minister. Einzelheiten wollte Clement dazu nicht nennen, zeigte sich aber optimistisch, dass alle Opel-Standorte in Deutschland erhalten werden können, auch das Werk in Bochum.
IG-Metall-Chef Jürgen Peters begrüßte die Erklärung von Opel-Management und -Betriebsrat. Peters nahm auch die Bochumer Arbeiter in Schutz. Der Ausdruck "wilder Streik" sei fehl am Platz, die Arbeitnehmer setzten sich nur für ihre Sache ein. Nun müsse aber schnell verhandelt werden. Die Opel-Führung appellierte an die IG Metall, wegen der Streiks in Bochum zu intervenieren. Diese "gefährden massiv die Ziele der anstehenden Verhandlungen und die Zukunft des Standorts Bochum", hieß es in einem Schreiben des stellvertretenden Chefs von GM Europe, Carl-Peter Forster, und Opel-Chef Hans Demant an IG-Metall-Chef Peters, aus dem "Financial Times Deutschland" und "Tagesspiegel" zitierten.
Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) forderte im Zusammenhang mit der Krise bei Opel weitergehende Reformmaßnahmen, um den Industriestandort Deutschland zu sichern. Stoiber plädierte in einem Interview der "Bild"-Zeitung für eine Gemeinschaftsanstrengung, wie "etwas mehr Arbeitszeit und etwas weniger Urlaub. Weniger Steuern und Abgaben. Etwas weniger Macht für Konzern- und Gewerkschaftszentralen und mehr Verantwortung für Betriebe vor Ort".
Nach Ansicht des ehemaligen Vize-Präsidenten von GM-Europe, Hans- Wilhelm Gäb, ist die Krise bei Opel durch jahrelange Managementfehler bei der Konzernmutter GM mitverursacht worden. "Die Tatsache, dass die Fabriken jetzt nicht ausgelastet sind, ist nicht allein durch die Konjunktur im Automobilgeschäft begründet." Jahrelang seien Versäumnisse begangen worden, sagte Gäb dem ZDF-Magazin "Frontal 21".
Die drohenden Massenentlassungen bei Opel sowie die Krise beim KarstadtQuelle-Konzern beschäftigen heute auch den Bundestag in Berlin. Auf Antrag der Koalitionsfraktionen von SPD und Grünen debattierten die Parlamentarier am Nachmittag in einer Aktuellen Stunde über die Lage beider Unternehmen und ihre Restrukturierungsanstrengungen.