Opel: Die neue Form des Gemeinwohls - DER SPIEGEL
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Opel Die neue Form des Gemeinwohls

Was Verdi kann, was Volkswagen kann – das kann Opel schon lange. Mit einem komplizierten Arbeitszeit- und Lohnkürzungsprogramm wollen die Rüsselsheimer möglichst viele Arbeitsplätze retten und gleichzeitig die Corpsgeist der Belegschaft stärken.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rüsselsheim - Klaus Franz ist der Stolz an diesem Tag deutlich anzumerken. Das neue Arbeitszeitmodell mit Einführung der 30-Stunden-Woche bei Opel beinhalte vor allem eine Kernbotschaft, erklärt der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats: "Niemand wird im Stich gelassen." Hier weniger, dort mehr arbeiten, etwas wenige verdienen: Mit diesem ungewöhnlichen System ist es im Rüsselsheimer Opel-Stammwerk gelungen, 1200 Arbeitsplätze zu sichern.

Im Unterschied zum System der Vier-Tage-Woche bei VW ist das Opel-Modell komplizierter, versucht auszubalancieren, dass die Fertigung nicht ausgelastet ist, während am selben Standort Ingenieure und Techniker bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge ständig Überstunden schieben. "Die Belegschaft hat eine neue Form des Gemeinwohls definiert", betont Franz.

Die Situation in Rüsselsheim hatte sich in den vergangenen Monaten mehr und mehr zugespitzt. Im Opel-Stammwerk werden die Modelle Vectra, Vectra Caravan und Signum produziert. Doch der Absatz läuft nicht so wie von der Geschäftsleitung erhofft. Nach einem hoffnungsvollen Start ins Jahr 2003 ist der Opel-Absatz nach den Worten von Personalvorstand Norbert Küpper im dritten Quartal um 20 Prozent eingebrochen: "Und wir gehen davon aus, dass sich das im vierten Quartal nicht ändern wird."

Insgesamt werden in diesem Jahr nur rund 160.000 bis 180.000 Fahrzeuge das Rüsselsheimer Werk verlassen, im kommenden Jahr bis zu 220.000, wie Küpper erklärt. Doch auch dann ist das Werk noch nicht voll ausgelastet. Ohne eine Arbeitszeitverkürzung in der Produktion wären 1200 Mitarbeiter zu viel an Bord, sagt Betriebsratschef Franz.

Doch eine Entlassungswelle wollten Betriebsrat und Belegschaft unter allen Umständen vermeiden. Franz ist das Kunststück gelungen, die Opel-Führung davon zu überzeugen, dass eine Lösung mit reduzierter Wochenarbeitszeit auch dem Unternehmen nützen kann. Rüsselsheim sei das modernste Autowerk der Welt, erklärt der Betriebsratschef. Da sei man auf hoch qualifizierte Mitarbeiter angewiesen und könne sie in der Krise nicht einfach nach Hause schicken: "Die Zeit von 'hire and fire' ist vorbei."

Vordergründig betrifft das neue Arbeitszeitmodell lediglich die Opel-Arbeiter an den Fließbändern. Und selbst von diesen rund 5500 Beschäftigten zunächst einmal nur jene rund 3500, deren Produktionslinien nicht vollständig ausgelastet sind: Karosseriebau, Teilefertigung, Lackiererei und Endmontage. Zu spüren bekommen die Auswirkungen des so genannten Modells "30 plus" aber alle 21.000 Beschäftigten am Standort Rüsselsheim.

In einem heut zu Tage fast fremd wirkenden Akt der Solidarität haben auch Mitarbeiter aus Forschung, Entwicklung, Marketing und Verwaltung sich bereit erklärt, unentgeltlich zehn Minuten pro Tag länger zu arbeiten. Damit wird innerbetrieblich ausgeglichen, dass die Beschäftigten an den Bändern weniger arbeiten, aber nicht im gleichen Ausmaß weniger verdienen.

Das spart Opel insgesamt einen zweistelligen Millionenbetrag. Im Gegenzug hat sich die Opel-Führung bereit erklärt, bis Ende 2005 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.

Ist "30 Plus" ein System, das auf andere Standorte ausgedehnt wird. "Im Prinzip Nein", sagt Personalvorstand Küpper. In Bochum, Eisenach und Kaiserslautern sind bestehende Überkapazitäten bereits beseitigt worden. Doch wenn die Nachfrage nach Autos im kommenden Jahr weiter sinken sollte, sei Opel vorbereitet: "Dann hätten wir ein Modell."

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