Opel in Gleiwitz "Wir könnten die Nächsten sein"
Gleiwitz - Die beiden Solidarnosc-Funktionäre haben das berühmte weiß-rote Banner ihrer Gewerkschaft an einem kleinen Bambus-Stöckchen in den frisch gemähten Rasen gerammt. Zum Schichtwechsel verteilen sie Flugblätter: "Einheit in Solidarität - Solidarität in Einheit" steht in großen Lettern darin - doch um beides scheint es nicht gut bestellt.
Die meisten Arbeiter des Opel-Werkes in Gliwice hasten vorbei, den Blick auf den Boden gerichtet. Nur wenige strecken die Hand nach dem Flugblatt aus, das den Schulterschluss mit den Kollegen in in Bochum und Rüsselsheim fordert.
Mehr als 2000 Menschen bauen seit 1998 in der niederschlesischen Stadt Gleiwitz vor allem den Opel-Astra. Doch insgesamt hängen rund 6000 Arbeitsplaetze von dem Werk ab. Ganz Industriestadt hat Gliwice auch gleich eine Strasse nach dem Firmengründer Adam Opel benannt. Die polnischen Kollegen arbeiten für etwa ein Viertel des deutschen Lohnes, sie stehen länger an den Bändern, haben deutlich weniger Urlaub - und produzieren qualitativ längst auf West-Niveau. Deshalb ist Opel Gliwice auch nicht von den dramatischen Stellenstreichung betroffen.
Ost-West-Vergleiche hört man dieser Tage nur sehr ungern bei Opel. "Die Unternehmensführung will ein Werk gegen das andere ausspielen. Da machen wir nicht mit", diktiert Solidarnosc-Chef Stanislaw Ciebiera in die Mikrofone. Trotzdem kommt die Gewerkschaft, die immerhin die Kommunisten zum Abdanken gezwungen hat, seltsam zahnlos daher.
"Die Deutschen müssen sich ranhalten"
Warum legen die Kollegen in Gliwice nicht auch die Arbeit nieder wie die Deutschen? "Das geht nicht", eiert Ciebiera: "Da müssen Prozeduren eingehalten werden." Der Mann kann sich keineswegs sicher sein, dass seine Kollegen ihm folgen würden. Warum sollten sie auch? "Wir haben ja schließlich noch unsere Jobs", sagt einer. "Jetzt gucken die Deutschen mal in die Röhre", nickt ein anderer.
"Opel war der Pionier hier, seitdem geht es aufwärts", sagt Marek Jarzebowski - die Stadtverwaltung strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Mit gutem Grund: Nur elf Prozent der Menschen in Gliwice sind arbeitslos, im benachbarten Zabrze sind es schon 25 Prozent. Die 200.000 Einwohner Stadt wirkt ruhiger, weniger heruntergekommen als andere Provinzzentren in Polen.
Es wird viel gebaut. Kaum jemand lässt sich von der Krisenstimmung bei Opel in Deutschland anstecken. "Die Deutschen müssen sich mit ihren Reformen ranhalten." Solche Ratschläge hört man allerorten. Auch die Bürger verstecken ihren Stolz auf das kleine Wirtschaftswunder von Gliwice nicht: "Was die Deutschen jetzt erleben, haben wir schon vor Jahren durchgemacht."
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Von der offiziell erklärten Solidariät mit den Arbeitern in Rüsselsheim und Bochum ist nicht überall etwas zu spüren. Auch Ciebiera kann sich an die dunklen, frühen neunziger Jahre erinnern, als Schlesien in der Krise fast zerbrach.
"Wir wissen sehr gut, was es bedeutet, seinen Job zu verlieren", sagt er. "Schliesslich sind hier nach der Wende ganze Industriezweige abgebaut worden." Und wer weiss", so sagen sich viele polnische Opelaner: "Möglicherweise sind wir auch in ein paar Jahren dran." Vergangenes Jahr hat Polen schon einen grossen Wettbewerb verloren. Der koreanische Kleinwagenhersteller Hyundai zieht lieber in die Slowakei - unter anderem der niedrigeren Lohnkosten wegen.