KONZERNE Operation Babyphone
Staatsanwälte geraten selten ins Staunen. Zumal, wenn es sich um Ermittler aus Braunschweig handelt. Die haben bei der Aufarbeitung der VW-Affäre um gekaufte Betriebsräte, heimliche Lustreisen und Sonderzahlungen in Millionenhöhe derart tiefe Einblicke in das Intimleben des Volkswagen-Konzerns erhalten, dass am Ende nur noch wenig Raum für die Illusion rechtschaffener Betriebsführung blieb.
Zwei Strafanzeigen aber, die jetzt bei den Braunschweiger Fahndern eingingen, überraschten selbst sie noch. Eine Anzeige hat VW-Großaktionär Porsche gestellt. Es geht, juristisch formuliert, um die »versuchte Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes«, um Paragraf 201 Absatz 1 und 2 sowie Paragraf 22 und 23 Absatz 1 des Strafgesetzbuches.
Dahinter steckt ein ungeheuerlicher Verdacht: Porsche geht »von einem gezielt auf Herrn Dr. Wiedeking gerichteten Abhörversuch« aus.
Die Fakten, wie sie sich aus der Anzeige ergeben: Porsche-Boss Wendelin Wiedeking war am 15. November vergangenen Jahres, einen Tag vor der Aufsichtsratssitzung des VW-Konzerns, nach Wolfsburg gereist. Er hatte im Luxushotel Ritz-Carlton am Rande von Werkshallen und Autostadt eine Suite reserviert und war offenbar schon im Vorfeld misstrauisch. Deshalb ließ er die Räume von einer eigens beauftragten Sicherheitsfirma untersuchen.
Und die Profis wurden fündig. Sie entdeckten ein Gerät, das besonders harmlos wirkt, aber letztlich den gleichen Zweck erfüllt wie eine Abhörwanze: Hinter einem Sofa war ein Babyphone versteckt.
Die Sicherheitsexperten wollten zunächst klären, ob es sich vielleicht um einen Zufall handelte. Womöglich hatte eine Familie mit Kind, die zuvor die Suite bewohnte, das Gerät vergessen.
Doch eine Nachfrage im Hotel ergab, dass in diesen Zimmern über einen Zeitraum von mehreren Wochen hinweg keine Familie übernachtet hatte. Das Babyphone war zudem eingeschaltet und auf Sendung. Mit einem entsprechenden Empfangsteil hätte man die Gespräche des Porsche-Chefs mithören können.
Die Staatsanwälte in Braunschweig müssen jetzt prüfen, ob es sich bei der Angelegenheit tatsächlich um einen gezielten Abhörversuch gegen den Porsche-Chef und VW-Aufsichtsrat Wiedeking handelte und - vor allem - wer in diesem Fall dahintersteckt.
Es ist eine Geschichte, die man sonst allenfalls aus Kriminalfilmen kennt, in denen es um fiktive Unternehmen geht und die Hauptrollen von Schauspielern besetzt sind. Doch in diesem Fall stehen zwei der renommiertesten Autokonzerne des Landes im Scheinwerferlicht sowie einer der bekanntesten Konzernchefs.
Und es ist Teil eines Monopoly-Spiels, in dem es um die Macht in Wolfsburg geht und darum, wie diese Vorherrschaft errungen werden kann. Bislang wurde die Auseinandersetzung auf offener Bühne ausgetragen. Nun muss geklärt werden, ob im Hintergrund auch mit verbotenen Mitteln gearbeitet wird.
Wiedeking jedenfalls scheut keinen Konflikt, wie er auf der Hauptversammlung des VW-Konzerns am Donnerstag vergangener Woche in Hamburg bewies. Die Proteste der IG Metaller und die Kritik von Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Christian Wulff an seiner Machtübernahme bei VW beeindruckten ihn wenig.
Der Porsche-Boss litt bislang auch nicht auffällig unter Verfolgungswahn. Aber seit er sich anschickt, mit seinem viel kleineren Stuttgarter Konzern den VW-Goliath zu übernehmen, hält er offenbar alles für möglich, sonst hätte er die Wolfsburger Hotel-Suite vor seinem Eintreffen wohl kaum auf Wanzen untersuchen lassen.
Noch ist offen, wie die Geschichte ausgehen wird - ob sie als skurrile Episode im Kriegstagebuch »Porsche versus Volkswagen« endet oder in einen handfesten Skandal mündet. Aber eines verrät die Operation Babyphone schon jetzt: wie weit das Misstrauen in den Top-Etagen der beiden Autokonzerne bereits gediehen ist.
Seit Jahren schon zählt es zu den selbstverständlichen Ritualen, dass der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch vor den Sitzungen des Kontrollgremiums den Raum nach versteckten Wanzen untersuchen lässt. Zudem müssen alle Teilnehmer ihr Handy abgeben.
Grund: Die Geräte könnten ja, wenn sie zuvor manipuliert wurden, von außen angewählt werden und wie ein Mikrofon arbeiten. Sie würden dann, ohne dass es ihr Besitzer bemerkt, die Sitzung live zu einem heimlichen Lauscher übertragen.
Seit langem auch kursieren im VW-Konzern Gerüchte und Geschichten um angeblich abgehörte Telefone und verwanzte Büros. Es gibt Vorstände, die für vertrauliche Gespräche lieber das Prepaid-Handy eines guten Freundes nutzen. Andere lotsen Besucher unter einem Vorwand aus dem eigenen Büro, um die Unterhaltung dann unter freiem Himmel weiterzuführen.
Offene Firmenkommunikation sieht anders aus, auch wenn mitunter schwer zu unterscheiden ist, ob die Betroffenen von irrealen Verfolgungsängsten getrieben sind oder einen handfesten Grund für ihre Befürchtungen haben. Den Vorgang Wiedeking aber nimmt nun auch der Volkswagen-Konzern ernst. Noch bevor Porsche seine Anzeige einreichen konnte, gab VW ebenfalls eine Strafanzeige ab.
Die Wolfsburger wollen offenbar von Beginn an Spekulationen den Boden entziehen, der mögliche Lauschangriff könnte Teil eines schmutzigen Krieges gegen den Großaktionär aus Stuttgart sein. Tatsache ist aber auch: Die Operation Babyphone ist nicht der erste Vorgang, der den Eindruck erweckt, rund um den VW-Konzern und Porsche spielten mitunter Geschichten, die man eher im Geheimdienstmilieu als in - zur Transparenz verpflichteten - deutschen Aktiengesellschaften vermuten würde.
Da gibt es beispielsweise den Fall Hück. Gegen Uwe Hück, den Betriebsratschef von Porsche, wurde Ende vergangenen Jahres bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart eine anonyme Anzeige eingereicht. Er habe einen seiner beiden Brüder, der als IT-Unternehmer arbeitet, Aufträge bei Porsche zugeschanzt.
Die Revision der Sportwagenfirma prüfte den Fall. Sie stellte fest, dass Hücks Bruder schon Aufträge von Porsche erhalten hatte, als Hück noch als Lackierer arbeitete. Auch später, nachdem Hück Betriebsratsboss geworden war, habe er nie Einfluss auf die Auftragsvergabe genommen.
Unbekannte versuchten indes offenbar auch, den Gewerkschafter auszuspionieren. In dem Golfclub, in dem seine Brüder spielen, suchte ein Mann den Kontakt zu ihnen und versuchte, sie über Uwe Hück auszufragen. Unter anderem wollte der Unbekannte herausfinden, ob die Brüder einen Porsche zum Vorzugspreis erhalten.
Der Rechercheur fiel auf. Aber man konnte nicht feststellen, ob er in Diensten einer Detektei stand.
Dann gibt es den Fall Kubicki. Der Kieler Anwalt und FDP-Landtagsabgeordnete Wolfgang Kubicki übernahm im Jahr 2005 die Vertretung des von VW entlassenen Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer. Der Organisator der Lustreisen für VW-Betriebsräte berichtete in der Kanzlei Kubicki ausführlich über seine heimlichen Aktivitäten. Gebauer sprach auf Band, eine Sekretärin tippte ab, Gebauer korrigierte, und so entstand Puzzlestein für Puzzlestein das Bild eines Konzerns, der seine Arbeitnehmervertreter jahrelang gekauft hat.
Öffentlich bekannt waren Gebauers Erzählungen zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht. Kubicki hatte sich lediglich als anwaltlicher Vertreter des VW-Managers ausgewiesen.
Am 18. Juni 2005, einem Samstag, ging bei der Polizei in Kiel und bei einem pri-
vaten Sicherheitsdienst ein Alarmruf ein. Er signalisierte einen Einbruchversuch in Kubickis Kanzlei. Der Sicherheitsdienst war nach wenigen Minuten zur Stelle. Die Einbrecher konnten gerade noch fliehen. Sie hatten versucht, die Eingangstür mit schwerer Gerätschaft aufzubrechen.
Für Kubicki und die Kripo-Beamten blieb der Vorgang rätselhaft. Im Haus Hopfenstraße 2e hatten auch eine Apotheke und ein Arzt ihre Räume. Ein Einbruch bei ihnen könnte Bargeld oder Medikamente einbringen. In einer Anwaltskanzlei liegen gemeinhin nur Akten.
»Die Spekulation, dass es um meinen Mandanten ging, liegt nahe«, sagt Kubicki. Aber er hat keine konkreten Hinweise, und er will auch keinen Verdacht äußern.
Möglicherweise war alles auch nur Zufall. Aber um was handelt es sich dann im dritten Fall, der Causa Bernhard?
Der Automanager Wolfgang Bernhard wechselte im Jahr 2004 von DaimlerChrysler zu VW. Der damals als neuer VW-Markenchef geholte Bernhard galt manchen als Hoffnungsträger, weil er die Kosten schnell senkte. Für andere dagegen war er fast schon eine Hassfigur, weil er zum Beispiel damit drohte, notfalls den VW Golf nicht mehr in Wolfsburg bauen zu lassen, wenn die Produktion sich dort als zu teuer herausstellen sollte.
Bernhard arbeitete zu jener Zeit meist 14 Stunden am Tag und kam erst spät in seine Wohnung im Wolfsburger Stadtteil Hattorf. Auch der VW-Vorstand muss damals wohl einen Verdacht gehabt haben. Bernhard beauftragte eine Detektei, seine Wohnung zu untersuchen. Die Sicherheitsexperten entdeckten prompt ein Abhörgerät.
Die Wanze hatte offenkundig schon eine Weile ihren Dienst verrichtet. Die Batterie war halb leer, wie die Detektei feststellte. Sie fand aber keine Hinweise darauf, wer die Abhöreinrichtung in den Privaträumen des VW-Vorstands installiert haben könnte.
Vier Fälle - ein Schnüffelverdacht. Und der Mann, der solche Vorgänge zumindest im VW-Konzern lange Zeit verhindern sollte, heißt Dieter Langendörfer. Der Kriminalist war einst als Fahnder im Entführungsfall Reemtsma bekannt geworden, bevor er im Jahr 1996 von VW abgeworben wurde. Bis 2006 leitete Langendörfer die Abteilung Konzernsicherheit bei VW.
Das »Handelsblatt« berichtete vor kurzem eher Abträgliches über den Sicherheitsprofi: »Die Angst vor Langendörfers angeblicher Allmacht geht so weit, dass vorsichtige Top-Manager Brisantes nicht im Büro, am Diensttelefon oder Firmen-Handy besprechen.« Und das Blatt zitierte einen ehemaligen Audi-Manager mit den Worten: »Es war ein offenes Geheimnis, dass Räume verwanzt waren.«
Dem SPIEGEL sagte Langendörfer am Donnerstag vergangener Woche, er habe überlegt, ob er gegen die Zeitung eine Gegendarstellung erwirken sollte. Aber damit hätte er die Geschichte ja eher noch aufgewertet.
Natürlich aber sei der unterschwellig geäußerte Verdacht absurd. Er war schließlich »für die Abwehr von Gefahren zuständig, nicht für den Angriff«.
Einbrüche oder Lauschattacken habe er nie veranlasst. Das sei undemokratisch und wäre mit ihm nicht machbar gewesen. Darüber könne er jede eidesstattliche Versicherung abgeben.
Im Fall Bernhard ist es wie bei den Vorgängen rund um Wiedeking, Hück und Kubicki: Es gibt Fakten, die unstrittig sind und die zu manchen Spekulationen über mögliche Hintermänner einladen. In allen Fällen spielt aber auch das Wort »vielleicht« eine große Rolle.
Vielleicht haben die vier Vorgänge nichts miteinander zu tun. Vielleicht stellt sich heraus, dass der Lauschangriff auf den Porsche-Chef nur eine Verkettung absurder Zufälle war. Vielleicht zeigt sich, dass beim Gebauer-Anwalt Kubicki und bei dem ehemaligen VW-Vorstand Bernhard Kriminelle am Werk waren. Und dass Porsche-Betriebsrat Hück von Neidern angezeigt wurde - vielleicht.
Die Braunschweiger Staatsanwälte, die jetzt den Lauschangriff auf den Porsche-Boss untersuchen müssen, stehen vor einer schwierigen Ermittlungsarbeit. Sie haben sich der Unterstützung des niedersächsischen Landeskriminalamts versichert.
Es ist mal ein neues Betätigungsfeld für die Experten. In jüngster Vergangenheit hatten sie, wenn es um VW ging, eher mit Prostituierten zu tun. DIETMAR HAWRANEK
* Auf der VW-Hauptversammlung am Donnerstag vergangener Wochein Hamburg.