Optimisten
Vom schmalen Nachkriegsstapel
Die Wirtschaftsrats-Nachtwächter kamen aus dem Staunen nicht heraus. Frankfurts Sonderabteilung für Wirtschaftsplanung arbeitete wochenlang mit Ueberstunden an dem westdeutschen »Aktionsprogramm« für ERP-Zwecke.
»Sehr eilig und sehr vertraulich« stand auf den Akten des deutschen Long-Term-(Weit-Sicht)-Plans, der zur Ueberarbeitung an Bipartite-Control weitergeleitet wurde. Der endgültige Entwurf der Bizone geht an die Marshallplan-Organisation in Paris.
»Hoffentlich erkennen wir ihn dann noch wieder«, seufzten die deutschen Verwaltungsmänner beim Zuklappen der letzten Aktendeckel. Nach zwei fast unberücksichtigten Währungsvorschlägen sind sie skeptisch geworden. Der Washingtoner Auftrag, einen detaillierten Wirtschaftsplan für den westdeutschen Wiederaufbau während der vier Marshallplan-Jahre auszuarbeiten, kam so plötzlich, daß keine deutsche Wirtschaftsorganisation und kein Wirtschaftsverband daran intensiv betelligt werden konnte.
Ende Oktober will der ERP-Manager Paul Hoffman persönlich den Aufbau Westdeutschlands inspizieren. Bis dahin sollen die ersten Nummern des Aktionsprogramms zur Uraufführung einstudiert sein.
Hauptpunkte des Bizonen-Vierjahresplans sind der industrielle Wiederaufbau, die Rationalisierung, die Exportsteigerung und die Unterbringung der Flüchtlinge. Gegenüber 1936 ist die Einwohnerzahl des Zweizonengebietes von 34 auf 44 Millionen gestiegen. Die Industrieproduktion rückte nach dem D-Mark-Antrieb bis auf 67 Prozent des Vorkriegsstandes auf. Die Landwirtschaft erzeugt heute etwa 75 Prozent der Friedenserträge. Die Arbeitslosigkeit zeigt in der Trizone nach der Währungsreform stagnierende, teilweise sogar rückläufige Tendenz.
In dem geplanten 1952er Westdeutschland wird noch nicht Milch und Honig fließen. Immerhin ist der angestrebte mittlere europäische Lebensstandard mit verheißungsvollen Planzahlen in die Zukunft projiziert. 1952 soll die Ruhrkohlenförderung auf 450000 Tonnen täglich (jetzt 298000), die Jahresproduktion an Stahl auf 12,5 Millionen Tonnen (1948 etwa 6,86 Millionen Tonnen), an Holz auf 26,4 Millionen Festmeter (davon 11,9 Millionen Festmeter durch Einfuhr) und die Stromerzeugung auf 47000 Millionen Kilowatt (jetzt 26000 Millionen) gebracht sein.
Für die Stahlproduktion sind 1952 zehn Millionen Tonnen Import-Erze aus Schweden vorgemerkt. Der gesamte Kohlenbedarf für die Trizone und Berlin wird für das Jahr 1952 auf 103 Millionen Tonnen veranschlagt. Die westdeutsche Kohlenförderung soll dann (planmäßig) 90 Millionen Tonnen betragen. Das Defizit von 13 Millionen Tonnen muß durch Einfuhren gedeckt werden. Alle Berechnungen gehen von der Annahme aus, daß bis 1952 Deutschlands wirtschaftliche Einheit wiederhergestellt ist.
Auch sonst plant die Frankfurter Wirtschaftsverwaltung optimistisch. Programmgemäß soll auch die deutsche Handelsflotte bis 1952 wieder vom schmalen Nachkriegsstapel gelaufen sein. Außer Neubauten sind Schiffskäufe im Ausland vorgesehen.
Die westdeutsche Lebensmittelversorgung wird für 1952 auf 80 Prozent des Standes von 1936 geschätzt. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Genußmitteln und Konsumgütern soll bei 80 bis 90 Prozent des Friedensstandes liegen. Um diesen Versorgungsstand zu erreichen, müssen jährlich für eine Milliarde Dollar Waren eingeführt werden. Der industrielle Export Westdeutschlands, mit dem die Auslandslieferungen bezahlt werden sollen, liegt heute trotz aller Sporentritte der JEIA erst bei 10 Prozent der Vorkriegsleistungen.
Nur der deutsche Export kann die Westzonen weiter auf den Beinen halten, wenn 1952 die tägliche stärkende Marshallsuppe ausbleibt. Zur Steigerung der westdeutschen Konkurrenzfähigkeit wird deshalb in dem Frankfurter Plan ein großer Feldzug zur Rationalisierung und Kostensenkung vorgeschlagen.
Mit der Kapitalbildung aus kommenden Produktionserlösen kann der westdeutsche Investitionsbedarf nicht befriedigt werden. Auch die Vorschläge des deutschen Long-Term-Programms fordern umfangreiche Kapitaltransfusionen und Kredite aus dem Ausland. Die amerikanische Industrie war durch ihre steigenden Produktionserlöse gezwungen, 28,8 Milliarden Dollar im Ausland anzulegen. (Allein 8,1 Mrd. wurden 1947 investiert.) Für Anlagen in Deutschland besteht wenig Interesse.
Durch ein Moratorium der Militärregierung waren bisher alle Kapitalübertragungen (abgesehen von kleineren privaten Zuwendungen) nach Westdeutschland verboten. Auf seiner Ruhrreise mit General Robertson gab General Clay bekannt, es werde erwogen, das Moratorium jetzt aufzuheben, um einen ausländischen Kapitalzufluß zu ermöglichen. Angesichts des hohen Umtauschkurses von 1 DM = 30 Cents bestehe jedoch nur wenig Neigung zur Investierung größerer Summen in Westdeutschland.
Professor Melchior Palyi (bis 1933 wissenschaftlicher Berater der Deutschen Bank, jetzt amerikanischer Staatsbürger und Professor an der Universität Wisconsin) kommentierte während seines Deutschlandbesuches die Frage nach amerikanischen Krediten mit der Bemerkung: »Würden Sie, wenn Sie in Amerika lebten, Ihr Geld an Deutschland ausleihen?« Die unsicheren Besitzverhältnisse der deutschen Industrie und die Möglichkeit eines neuen europäischen Krieges sind für amerikanische Geldgeber wenig verlockend.
Viele alte Deutschland-Finanziers sind noch über die 10:1-Abwertung ihrer in Deutschland angelegten Ersparnisse böse.
Die Amerikaner stecken ihr Geld lieber zu Hause in sichere Unternehmen als in den deutschen Trümmerhaufen. Ein gutes Papier bringt in den USA ohne Risiko 7 Prozent. Es kann jederzeit wieder verkauft werden. Darüber hinaus gibt es in den Auslandsfinanzierungen lohnendere Verdienstmöglichkeiten als das Deutschlandgeschäft.
Professor Karl Brandt, Ordinarius an der Stanfort-Universität, Kalifornien, erklärte in einer Gastvorlesung in Heidelberg, bei seinen Besprechungen mit amerikanischen Bankiers seien ganz neue Kreditvorschläge für Deutschland aufgetaucht. Danach beabsichtigte die Chikagoer Hochfinanz, ein großes deutsch-amerikanisches Montan-Unternehmen »als Insel innerhalb der Besatzungswirtschaft« zu errichten.
Die Amerikaner wollten das Kapital einschießen. Westdeutsche Unternehmer sollten ihre, wenn auch veralteten Betriebe zur Verfügung stellen. Wegen der politischen Widerstände, die von der SPD und den deutschen Gewerkschaften erwartet wurden, ging das Projekt vorzeitig wieder in die Brüche.
Frankfurts Long-Term-Planer kamen zu dem Schluß, daß selbst bei einem westdeutschen Lebensstandard, der beträchtlich unter dem Vorkriegsniveau liegt, noch immer eine halbe Milliarde Dollar Defizit im Außenhandel übrig bleibe. Die Frankfurter haben sich deshalb hingesetzt und arbeiten einen neuen Plan aus.
Er soll Existenzplan heißen und die Zeit nach dem letzten Marshallplanjahr 1952-53 behandeln.
[Grafiktext]
1 Figur rd. 6000
Arbeitslose.
Hauptunter:
stützungsempf.
| 31.5.48. | 30.9.48. | |
| Schlesw.-Holst. | 18591 | 89446 |
| Hamburg | 12112 | 27475 |
| Niedersachsen | 75658 | 138004 |
| Nordrhein-Westfalen | 125286 | 138659 |
Kurve zeigt den Grad des Arbeitslosenanstiegs
seit Mai 48
[GrafiktextEnde]