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KONJUNKTUR Orakeln in Zeiten des Krieges

US-Notenbankchef Alan Greenspan, »zweitmächtigster Mann der Welt«, verkündet das Ende der Rezession und verspricht einen langsamen Aufschwung. Von Carlos Widmann
Von Carlos Widmann
• aus DER SPIEGEL 10/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um dem Onkel Jacob eine Münze zu entlocken, brauchte der kleine Junge nur den Song der Arbeitslosen anzustimmen. »Brother, can you spare a dime?«, tremolierte der achtjährige Alan Greenspan ausdrucksvoll, die Stirn in traurige Falten gelegt.

Spätestens nach der sechsten Strophe griff Jacob Halpert immer gerührt in die Tasche, um die Darbietung seines musisch begabten Neffen zu belohnen: mit einer Zehn-Cent-Münze, dem »dime«, natürlich. Alan wuchs, da die Greenspans früh geschieden waren, praktisch ohne Vater auf.

Das war in Washington Heights, der billigen Wohngegend in Manhattans Nordwesten, die bald »Frankfurt am Hudson« hieß, weil sich seit 1933 so viele deutsche Emigranten dort ansiedelten. Auch Heinz Alfred (später: Henry) Kissinger aus Fürth gehörte dazu. Er und der drei Jahre jüngere Alan Greenspan waren beinahe Nachbarn, sie gingen sogar in dieselbe High School in der Bronx. Näher kennen gelernt aber haben die beiden sich erst 30 Jahre später, im Machtzirkus von Washington, D. C.

»Brother, can you spare a dime?« war der Schlager der mageren Jahre - die inoffizielle Nationalhymne der USA in den Zeiten der wirtschaftlichen Depression, die Amerika vom New Yorker Börsenkrach von 1929 fast bis zum Zweiten Weltkrieg am Boden hielt. Das sentimentale Lied blieb für den Knaben Greenspan auch nach dem Stimmbruch aktuell: Geboren 1926 und ganz in der Rezession aufgewachsen, kannte er in der Jugend fast nur Armut und Enge. In seiner Freizeit suchte Alan die Strände von Queens nach Münzen oder Wertsachen ab. »Beachcomber« hießen solche Leute, Strandgutsammler - ein wenig schmeichelhafter Titel.

Heute steht Alan Greenspan auf der sozialen Rangliste Washingtons gleich hinter dem US-Präsidenten. Gastgeberinnen im noblen Georgetown, die ihn zum Dinner gewinnen können, zehren jahrelang von solchem Triumph.

Lange Zeit ließ der alte Herr sich von wechselnden weiblichen Fernsehstars begleiten (zeitweilige Favoritin: Barbara Walters) - bis er sich endgültig für die NBC-Reporterin Andrea Mitchell entschied, die er 1997 auch geheiratet hat. Die beiden lieben Baseball und Brahms. Dass sie ein Paar geworden waren, entdeckten als Erste die Opern- und Konzertbesucher im Washingtoner Kennedy Center - als Greenspan und Mitchell begannen, die Loge des Weißen Hauses gemeinsam zu benutzen.

»Zweitmächtigster Mann der Welt«, raunen Diplomaten, wenn der Vorsitzende der US-Notenbank ein Land dadurch auszeichnet, dass er am Nationalfeiertag zum Botschaftsempfang kommt. Dann teilt die Menge sich ehrfurchtsvoll, als ob Moses durchs Rote Meer schreiten würde, und Greenspan betritt die Szene: ein grinsender, etwas gebeugter, etwas zerknautscht wirkender Kauz, angezogen wie ein Bestattungsunternehmer und energisch an der Hand geführt von seiner Fernsehprinzessin im weißen Pelzjäckchen.

Eine »lebende Legende« heißt das in Amerika, doch Greenspan ist mehr: eine Generationen überbrückende Institution. Präsident George Bush der Jüngere, 55, ist der vierte Herrscher des Weißen Hauses, der sich mit dem Chairman Greenspan, 76, zu arrangieren hat.

Der erste war der republikanische Sonnenkönig Ronald Reagan, der den eher scheuen Ökonomen 1987 an die Spitze der US-Notenbank Federal Reserve, kurz »Fed« genannt, gesetzt hatte. Dann diente Greenspan unter George Bush dem Älteren, der Amerikas oberstem Geldwächter noch heute seine eigene Wahlniederlage vom November 1992 zum Vorwurf macht. Es folgten die zwei Amtszeiten des Demokraten Bill Clinton, die den Amerikanern den längsten Wirtschaftsboom ihrer jüngeren Geschichte bescherten - wobei Greenspan sich scheinbar endgültig die Aura des Zinsenzauberers und Wachstumsvirtuosen zulegen konnte.

Wie lange mag diese Gloriole noch schimmern? Am Mittwoch vergangener Woche konnte der Notenbankchef abermals einen jener Auftritte auf dem Kapitolshügel von Washington bieten, bei denen die amerikanische Nation und der Rest der Welt gebannt an seinen Lippen hängen. Würde es nach dem Terrorangriff vom 11. September, der die USA im Innersten verwundet hat, wieder so etwas wie wohlbegründete Zuversicht geben - oder nur noch zweckoptimistische Gesundbeterei unter flatterndem Sternenbanner, wie bei US-Präsident George W. Bush üblich?

Das Orakel sprach, und es sprach sogar klarer als sonst, bei aller Gewundenheit. Zumindest »nahe am Wendepunkt« sei die US-Wirtschaft angelangt, verkündete der Währungshüter ein halbes Jahr nach der tödlichen Fanaltat. Doch Greenspan verhieß Aufschwung nur mit Handbremse: »Eine einmalig anmutende Zusammensetzung von Faktoren scheint das Tempo der erwarteten Erholung zu mäßigen.«

In der Theorie müsste Alan Greenspan es mit seinem neuesten Boss schwerer haben als mit dessen drei Vorgängern. Was George »Dubya« Bush seinem Währungshüter zumutet, ist in den Augen der Kritiker stabilitätspolitisch verwerflich: Das Bush-Budget sieht die größte Steigerung der Verteidigungsausgaben seit Ronald Reagans erster Amtszeit vor - um 48 Milliarden Dollar. Allein zum Kampf gegen Bio-Terrorismus - Stichwort: Anthrax - sind 5,9 Milliarden Dollar eingeplant. Das Budget für innere Sicherheit, das Flughäfen und Grenzübergänge anpeilt, wird auf 38 Milliarden Dollar nahezu verdoppelt.

Andererseits lässt der US-Präsident keine Abstriche an der Politik der Steuerkürzungen zu, die er schon im vergangenen Jahr dem widerstrebenden Kongress abgerungen hatte. Die Folge ist ein eingeplantes Haushaltsloch von 80 Milliarden Dollar. Das Rezept wirkte auf den sozialpolitischen Kommentator Bob Herbert »wie das gedankenlose Hineinrasen in einen langen dunklen Tunnel der Haushaltsdefizite«. Und die »New York Times« fand es »verstörend, wie Bush die langfristige Gefahr ignoriert, Amerika wieder in eine endlose Ära der roten Zahlen zu führen«.

Sollte die Gefahr tatsächlich bestehen, scheint sie nicht einmal Alan Greenspan zu beunruhigen: Der orakelte bereits 2001, dass etwas Staatsverschuldung durchaus wieder wünschenswert werden könnte. Das wirkte paradox, nachdem der Notenbankchef dem Demokraten Bill Clinton dabei geholfen hatte, Washington völlig defizitfrei zu machen: Vier Überschusshaushalte hintereinander - das hatte es seit 70 Jahren nicht mehr gegeben.

Freilich, in George W. Bush hat der Fed-Vorsitzende es mit einem Kriegspräsidenten zu tun; da mögen andere Maßstäbe gelten. Seit den Anschlägen ist in Washington der Krieg zur Metapher des Regierens geworden: Ob gegen Terroristen oder Schurkenstaaten, Landesverräter oder Rezession - stets ist es die Rhetorik der Kriegszeit, die den Regierungsstil des Weißen Hauses prägt und den Amtshandlungen des Präsidenten ihren eigentümlichen Schwung gibt.

In der Biografie von Alan Greenspan hat es das schon gegeben. Elf Jahre lang, zwischen dem 7. und dem 18. Lebensjahr, ist der aufgeweckte New Yorker Schüler, Musikstudent, Jazz-Musiker und passionierte Radiohörer Greenspan vom US-Präsidenten der Depressions- und Kriegsjahre, Franklin Delano Roosevelt, beeinflusst worden.

FDR, der viermal hintereinander ins Weiße Haus gewählt wurde (erst danach ist das Höchstlimit von zwei Amtsperioden eingeführt worden), bekämpfte die endlos scheinende Rezession in Amerika mit wirtschaftlichem Staatsinterventionismus und öffentlicher Arbeitsbeschaffung. Rundfunk und Wochenschau dienten Roosevelt als Propagandawaffen seines »New Deal« genannten Reformprogramms, und er selbst war dessen bester Propagandist.

Vater Herbert Greenspan, dessen Familie aus Deutschland kam, hat Alan zwar arg vernachlässigt, doch 1935 schenkte er ihm ein selbst verfasstes Buch. Es hieß »Recovery Ahead« (etwa: Die wirtschaftliche Erholung steht bevor) und handelte vom Aufschwung, den Roosevelt dem Land bald bringen wollte. Greenspan der Ältere erwartete wohl kaum, dass der Neunjährige sein Buch umgehend verschlingen würde - aber er schrieb ihm eine umständliche Widmung hinein, mit der ausdrücklichen Erwartung, der Sohn möge eines Tages seine »logischen Schlussfolgerungen« in einem »eigenen Werk« weiterentwickeln.

Nichts lag dem jungen Greenspan ferner. Er war durch die Scheidung auf der Mutterseite gelandet - im ostjüdischen, lebenslustigen, musikantischen Zweig der Familie. Seine Passion galt der Klarinette. Und er war begabt genug, 1943 trotz seiner Vorliebe für Jazz in die Juillard School aufgenommen zu werden - heute noch das angesehenste Musikkonservatorium der USA. Alan verließ es 1944, kaum 18 Jahre alt, um als Profi zu arbeiten: Mit »Henry Jerome and His Orchestra« zog er durch die Lande, spielte Klarinette, Tenorsaxofon und, wenn nötig, die Querflöte.

Erst nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor und dem US-Eintritt in den Zweiten Weltkrieg ging die Depression wirklich zu Ende. Es gab nun reichlich Arbeit - sogar für Musiker, denn es wurde getanzt: »The Businessman's Bounce«, der Schwung des Geschäftsmanns, hieß der vorherrschende Tanzstil etwas prosaisch - und die Band von Henry Jerome war dafür das Richtige. Sie spielte nicht nur in den Ferienorten nördlich von New York, die wegen ihrer ostjüdischen Kundschaft als »Borschtsch-Gürtel« bekannt waren, sondern in namhaften Großstadt-Hotels, in denen Handlungsreisende verkehrten - bis hinunter nach Memphis und New Orleans.

Nach dem Krieg kam der Businessman's Bounce aus der Mode, es schlug die Stunde des Bebop; da konnte Henry Jerome kaum mithalten, und Alan Greenspan steckte die Klarinette ins Etui, um lieber doch die New York University zu besuchen. War es das vergessene Büchlein des Vaters, das Greenspan zum Wirtschaftsstudium anregte? Er wurde jedenfalls ein Verehrer von John Maynard Keynes - des Engländers, der mit seiner Theorie des »Deficit Spending« die Grundlage für Roosevelts New Deal geliefert hatte.

Starke Persönlichkeiten, die den Lebensweg von Greenspan kreuzten, brachten ihn vom »sozialdemokratischen« Weg bald wieder ab. Ja, er wurde fast zum Sektierer, geriet in den Freundeskreis der Schriftstellerin Ayn Rand, die mit ihren Bestsellern »The Fountainhead« und »Atlas Shrugged« literarisch wertlose, aber gesellschaftlich einflussreiche Schinken hervorgebracht hatte - Romane, in denen der enthemmte Kapitalismus und das freie Individuum glorifiziert, Staat und Gemeinschaft hingegen als Gleichmacher und Unterdrücker geschildert wurden.

Ayn Rand, als Apothekertochter Alissa Sinowjewna Rosenbaum 1905 in Petersburg geboren, erlebte die Oktoberrevolution und entkam mit 20 dem Sowjetreich. Aus Chicago zog sie alsbald nach Hollywood, wo sie in Filmstudios als Kostümschneiderin Arbeit fand und nachts Romane verfasste. Als sich Erfolge einstellten, bildete sich um Ayn Rand ein Zirkel von Verehrern, der Einfluss auf Ronald Reagan und die Führung der Republikaner gewann.

Dazu gehörte jahrelang auch der Volkswirt Alan Greenspan. 1957 - nach einem Verriss von »Atlas Shrugged« - schrieb er einen empörten Leserbrief an die »New York Times«, um den Sozialdarwinismus Ayn Rands zu verteidigen: »Parasiten, die dem Leben weder Sinn noch Zweck abgewinnen, gehen mit Recht zu Grunde.«

Roosevelt und Keynes (und der eigene Vater) auf der einen Seite, Ronald Reagan und Ayn Rand auf der anderen - es ist ein breites ideologisches Spektrum, aus dem der Pragmatiker Alan Greenspan sich bedient. Aber ist er der Mann, der »Recovery Ahead« rufen und den Aufschwung bringen kann für Amerika - und den Rest der entwickelten Welt?

Greenspan hat seit Anfang des vergangenen Jahres elfmal den Leitzins gesenkt - auf 1,75 Prozent, den niedrigsten Stand der letzten 40 Jahre -, um für George W. Bush die Wirtschaft zu beleben. Diesmal aber hat das Orakel eine weitere Senkung unterlassen: das Signal dafür, dass es mit Amerika - im Zeichen des Krieges - wieder aufwärts gehen werde.

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