Pakt mit Risiken - DER SPIEGEL
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Konzerne Pakt mit Risiken

Olivetti-Chef De Benedetti wirbt um Partner - Europas Computer- und Büromaschinenhersteller rücken zusammen.
• aus DER SPIEGEL 23/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Rolle war Carlo De Benedetti wie auf den Leib geschrieben. Der italienische Börsenspekulant und Firmenjongleur hatte zugesagt, im Berliner Reichstag den Part des Bösen zu übernehmen.

Auf der Internationalen Kartellkonferenz am 18. Juni hätte der Mann aus Piemont unter den geladenen Mittelständlern und Wettbewerbskontrolleuren sicherlich für viel Unruhe gesorgt. König Carlo, wie ihn Freunde und Bewunderer nennen, ist bekannt dafür, daß er unverblümt für einen ungehemmten Wettbewerb ohne Kontrollen und Auflagen streitet.

Doch die Show findet nicht statt. Die Einladungen waren schon raus, da schickte De Benedetti eine Absage.

Wegen einer »unvorhergesehenen, wichtigen und unaufschiebbaren Sitzung in Italien«, bedauerte De Benedetti in einem Schreiben an den Gastgeber, Kartellamtspräsident Wolfgang Kartte, sei er leider unabkömmlich. Für Gesprächsstoff auch in Berlin wird der Turiner Industrielle dennoch sorgen - eben wegen dieser unaufschiebbaren Sitzung.

De Benedetti, Großaktionär des Computer- und Büromaschinenkonzerns Olivetti, hat einen neuen Coup vor. Bankiers, Mitgesellschaftern und Aufsichtsräten will er am 18. Juni die Pläne für eine gigantische Kooperation offenlegen: Olivetti will Konkurrenten wie Siemens, den französischen Bull-Konzern oder die niederländische Philips als Partner.

Die Gespräche mit den Holländern sind am weitesten gediehen, Olivetti und Philips wollen im Bereich Computer und Kommunikation eng zusammenarbeiten. Die beiden Unternehmen sollen nicht nur in der Entwicklung und im Vertrieb gemeinsam entscheiden. Olivetti strebt auch eine völlige Verschmelzung mit der Philips-Sparte Datenverarbeitung in einem Gemeinschaftsunternehmen an.

Ein solcher Konzernpakt mit einem Umsatz von rund 25 Milliarden Mark würde in der Branche auf dem hartumkämpften Markt der elektronischen Büromaschinen und Personalcomputer (PC) für weitere Unruhe sorgen. Firmen wie Bull aus Paris oder Siemens müßten um Marktanteile fürchten und ebenfalls Ausschau nach neuen Partnern halten. De Benedetti verhandelt deshalb auch mit ihnen.

Die geplante Allianz der beiden Elektronik-Riesen Philips und Olivetti wäre der Beginn einer neuen Konzentrationswelle in einem der weltweit größten Industriezweige. Was sich in der Wachstumsbranche Elektrotechnik und Elektronik in den vergangenen drei Jahren abspielte, hat es nicht einmal in der auf wenige Giganten geschrumpften Stahlindustrie gegeben.

Europas Elektro-Riesen suchen auf fast allen Betätigungsfeldern Anlehnung. Ehe die europäischen Grenzen durch den gemeinsamen Binnenmarkt für alle durchlässig werden, wollen sie ihre Märkte gegen die mächtigen Konkurrenten aus den USA und die Erzrivalen aus Japan abgesteckt haben.

Entwicklungskosten in Milliardenhöhe, beispielsweise bei der Chip-Produktion, der schnelle Generationenwechsel bei Computern und der rasche Preisverfall vor allem in der Unterhaltungselektronik zwingen selbst die Branchengrößen zum Zusammenrücken. Anders, so meinen die Fusionsstrategen, könnten die Europäer mit den japanischen Mammutkonzernen nicht mithalten.

Die drei großen europäischen Chip-Riesen Siemens, das 1987 gegründete italienisch-französische Gemeinschaftsunternehmen SGS-Thomson und Philips produzieren zusammen nicht soviel wie einer ihrer starken japanischen Konkurrenten: Sie hätten gemeinsam einen Weltmarktanteil von gerade acht Prozent.

»Was sich derzeit in der Branche abspielt«, sagt Siemens-Vorstand Hermann Franz, »ist ein regelrechtes Elefantenrennen.«

Siemens steht unter besonderem Verhandlungsdruck. Die Münchner haben eine so breite Produktpalette, daß sie bei kleinster Marktschwankung in den einzelnen Sparten schnell ins Hintertreffen geraten könnten.

Die Münchner haben längst auf europäische Gemeinsamkeit gesetzt. Wie kein anderer Konzern hat Siemens bereits in den letzten Jahren durch Partnerschaften und Aufkäufe in einigen Dutzend Produktionsbereichen und auf wichtigen Märkten seine Stellung gefestigt oder ausgebaut.

Im Telefongeschäft verbündete sich Siemens mit dem britischen GEC-Konzern. Zum Ausbau der Sparte Autoelektronik erwarben die Münchner das US-Unternehmen Bendix. Sie kauften die Mehrheit des angeschlagenen Computer-Konzerns Nixdorf. Mit der schwedisch-schweizerischen ABB Asea Brown Boveri ging Siemens im Reaktorbau eine Kooperation ein. Und selbst mit dem deutschen Erzrivalen AEG entwickelt der Konzern inzwischen komplizierte Halbleiter.

Für die Entwicklung von Chips holte sich Siemens zunächst Nachhilfe bei den Japanern und machte mit Toshiba einen 1-Megabit-Chip serienreif. Zusammen mit Philips entwickelte Siemens einen 4-Megabit-Chip. Mit IBM tüftelt Siemens seit 1989 an der neuen Generation der 64-Megabit-Chips.

Gesucht wird allerdings noch nach einem Produzenten, mit dem sich Siemens die gewaltigen Investitionen teilen kann. Alle drei Jahre ist eine neue Chip-Generation da - sie serienreif zu machen kostet jedesmal mehrere Milliarden Mark.

Wunschpartner des Siemens-Chefs Karlheinz Kaske ist SGS-Thomson. Die französische Beteiligungsgesellschaft Thomson hat als Produzent von Unterhaltungselektronik einen besonders hohen Bedarf an Chips.

Die Manager von Siemens und SGS-Thomson, die sich schon weitgehend einig sind, möchten gern einen dritten Europäer hinzunehmen, den niederländischen Philips-Konzern. Sie wollen verhindern, daß Philips mit dem japanischen Konzern Matsuhita eine gemeinsame Chip-Produktion verabredet.

Philips hat starke Partner bitter nötig. Der Konzern, der ähnlich wie Siemens von Glühbirnen, Videorecordern und Waschmaschinen bis hin zu Fernsehgeräten fast die gesamte Elektropalette anbietet, steckt in einer schweren Krise. Vorstandschef Cornelis van der Klugt mußte ein peinliches Ertragsdebakel eingestehen und wurde gefeuert.

Die Manager aus Eindhoven hatten bei ihren Kooperationen allerdings auch keine so glückliche Hand wie ihre Kollegen in München. So ging die von Philips 1983 hochgejubelte Verbindung mit dem US-Elektronikriesen AT & T in die Brüche. Philips konnte den Amerikanern nicht den versprochenen Zugang zu den europäischen Postverwaltungen verschaffen.

Seit sich bei den Holländern in vielen Sparten die Schwierigkeiten häufen, können sie die Verluste bei den Chips und die schweren Schlappen im Computer-Geschäft nur schwer auffangen. Die Offerte von Olivetti-Chef De Benedetti kam da den Philips-Managern gerade recht. Der Italiener dürfte viel Verständnis für die Probleme der Holländer haben.

Auch Olivetti hat harte Zeiten hinter sich. Wie Philips war der Turiner Konzern mit AT & T eine unglückliche Liaison eingegangen. Im Dezember 1983 noch hatte König Carlo die Viertel-Beteiligung an Olivetti als »globale Allianz« gefeiert.

Der Computer-Verbund, der Olivetti den US-Markt und AT & T das Europa-Geschäft erschließen sollte, brach nach jahrelangem Gezänk Mitte 1989 auseinander. Olivetti gingen PC-Lieferungen an AT & T im Wert von 130 Millionen Mark verloren.

Im PC-Geschäft, in dem Olivetti nach IBM zum Zweiten in Europa aufgerückt war, mußten die Italiener gewaltige Verkaufseinbrüche verkraften. Den neuen Modellen von IBM, Compaq und Apple hatte Olivetti nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.

Auch die aufwendigen, mit Speichern, Displays und Druckern ausgestatteten Büro-Computer von Olivetti sind heute kaum mehr verkäuflich. Manche PC-Modelle aus Japan oder Korea sind leistungsfähiger und viel preiswerter.

De Benedetti hatte sich vor seinem Angebot an Philips zunächst mit den japanischen Konzernen Toshiba, Mita, Sanyo und Mitsui verbündet, um rascher den Anschluß an die modernste Technik zu finden. Schnell mußte er erfahren, daß der Pakt mit diesen Partnern große Risiken birgt: Die Abhängigkeit von den Japanern wächst, weil die Italiener das Know-how für die Produktion immer häufiger aus Fernost beziehen müssen.

Die Erfahrungen des Italieners aber sind offenbar nicht für jeden ein Lehrstück. AEG-Chef Heinz Dürr setzt auf die Zusammenarbeit mit einem Japaner: Mit Mitsubishi will er eine Fabrik für 4-Megabit-Chips in Aachen bauen. f

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