Palastrevolte bei Disney "Walt hat mich geschickt"
Philadelphia - Wütende Aktionäre machten ihrem Ärger auf dem Aktionärstreffen Luft: Verkleidet als lebensgroße Donald-Duck- und Aschenputtel-Figuren liefen sie durch das Gedränge und verteilten Flugblätter. Einige Anteilseigner trugen Anstecker mit der Aufschrift: "Walt hat mich geschickt".
Auf der turnusgemäßen Hauptversammlung des Unterhaltungsriesen fielen etwa 43 Prozent aller Stimmen gegen eine Wiederwahl Eisners aus. Seine Kritiker werten die Unternehmensentwicklung der vergangenen zehn Jahre als schwach und machen den Disney-Chef dafür verantwortlich.
Wenig Sympathie für "Die Ratte"
Eisner-Kritiker sind der Ansicht, dass sich der als Autokrat geltende Manager am Erbe Walt Disneys versündigt hat. Roy Disney, der Neffe des Firmengründers, hat dem Vorstandschef vorgeworfen, das Traditionsunternehmen werde in der Öffentlichkeit inzwischen als "habgierig, seelenlos und stets auf der Suche nach dem schnellen Dollar" wahrgenommen. Tatsächlich gilt das Unternehmen in der Entertainment-Branche als Arbeitnehmer-Alptraum. Im Showbusiness wird Disney von vielen hinter vorgehaltener Hand als "Die Ratte" bezeichnet.
Ex-Disney-Manager Stanley Gold und Roy Disney nannten das Abstimmungsergebnis "beispiellos in der amerikanischen Unternehmensgeschichte" und forderten Eisners Absetzung. Vertreter des größten Pensionsfonds der USA, Calpers, sprachen von einem erstaunlichen Widerstand gegen Eisner und meinten, dieser solle zum Jahresende zurücktreten. Auch Calpers hatte dem Vorstandschef die Entlastung verweigert.
Seinen CEO-Posten kann Eisner zunächst zwar behalten, den Vorsitz des Aufsichtsrats muss er allerdings an Gremiumsmitglied George Mitchell abgeben. Im Allgemeinen ist das Board of Directors amerikanischer Unternehmen weitaus weniger unabhängig als Aufsichtsräte nach deutschem Muster. Starke Konzernchefs sind in der Regel Vorsitzende des Vorstands und des Aufsichtsrats. Der zurechtgestutzte Eisner hat mit Mitchell jetzt einen Aufpasser erhalten. Das Disney-Board stand in der Vergangenheit des Öfteren selbst in der Kritik. Lange Zeit hatte Eisner das Gremium mit ihm äußerst gewogenen Personen besetzt, so dass eine Kontrolle des Vorstands praktisch nicht statt fand. Die beiden Eisner-Kontrahenten Disney und Gold haben den Aufsichtsrat kürzlich aus Protest verlassen.
Dennoch hält das Board weiter an Eisner fest und verweist auf das Gewinnziel für 2004, wonach eine 30-prozentige Steigerung des Ergebnisses je Aktie erwartet wird. Eisner selbst sagte vor den Aktionären: "Unsere Botschaft für Sie heute ist einfach: Ihr Unternehmen hat das fähige Management und die kreativen Talente, um auf der Basis seiner Stärke und seines legendären Erbes den Wachstumskurs in Zukunft aggressiv fortzusetzen."
Comcast weiter im Rennen
Indirekt ging es bei der turnusmäßigen Hauptversammlung auch um eine feindliche Übernahmeofferte des Kabelfernsehbetreibers Comcast über 48 Milliarden Dollar. Diese war vom Disney-Management abgelehnt worden. Der Comcast-Konzern ist bereits Aktionär des Unterhaltungsriesen, seit er Mitte Januar stillschweigend zwei Millionen Disney-Anteilsscheine gekauft hat. Nach Angaben aus mit der Situation vertrauten Kreisen hat Comcast gegen eine Wiederwahl Eisners gestimmt. Unter den Gegnern einer Fusion mit Comcast gibt es gegensätzliche Auffassungen darüber, ob eine Übernahme besser mit oder ohne Eisner als Konzernchef abzuwehren sei. Comcast forderte die Disney-Spitze auf, das Übernahmeangebot noch einmal zu überdenken.
Thomas Hillenbrand