WÄHRUNG Panische Gelassenheit
Beim Frühjahrstreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington bot US-Finanzminister Lawrence Summers den vom Währungsverfall gedemütigten Europäern überraschend Hilfe an. Die Finanzminister der sieben mächtigsten Industrieländer der Welt, inklusive der USA und Japans, sollten gemeinsam verkünden, wie sehr sie an einem starken Euro interessiert seien. Die Botschaft an die Märkte: Seid euch der Spekulation auf einen weiteren Niedergang nicht zu gewiss, wir sind zum gemeinsamen Handeln entschlossen.
Alle europäischen Finanzminister stimmten zu, wenn auch unterschiedlich begeistert. Nur einer stemmte sich gegen die Mehrheit, Italiens Finanzchef Giuliano Amato, inzwischen zum Regierungschef aufgestiegen.
Sein Motiv war Stolz, gepaart mit Sorge. Er fürchtete, die Hilfsaktion werde mehr schaden als nützen. Bisher habe der Euro-Club doch stets argumentiert, nicht der Euro sei schwach, sondern der Dollar sei stark. Ein unvermitteltes Bekenntnis, die wichtigsten Industrieländer der Welt sehnten sich nach einem stärkeren Euro, sei nichts anderes als ein Eingeständnis tatsächlicher Schwäche.
Der Italiener hatte die Logik auf seiner Seite. Seine Kollegen vermochten ihn nicht von seiner Position abzubringen. Damit war das Vorhaben gescheitert. Sogleich erhielt der Plan einer Euro-Ehrenerklärung die höchste Geheimhaltungsstufe.
Doch auch die demonstrative Gelassenheit nützt derzeit nichts. Die Börsen melden fast täglich neue Tiefststände. Am Freitag der vorigen Woche war der Kurs bei 89,03 Cent gelandet, der Euro hatte seit seiner Geburt fast 25 Prozent seines Wertes gegenüber dem Dollar verloren - trotz unverändert hoher innerer Stabilität.
Mangels ausreichender rationaler Erklärungen wird von Ministern, Beamten und Bankern hinter vorgehaltener Hand immer häufiger dem EZB-Präsidenten Wim Duisenberg eine Teilschuld an der Malaise zugeschoben. Seine ironisch-lässige Art gebe zu viel Spielraum für Deutungen. Seine Autorität sei nicht überzeugend.
Den notorisch aufgeregten Analysten und Devisenhändlern reicht inzwischen jeder Anlass, die Flucht aus dem Euro zu beschleunigen. Und davon gab es in den letzten Tagen reichlich - in jedem Fall »zu viel für eine junge Währung«, sagt ein Euro-Zentralbanker.
Den wahrscheinlich folgenschwersten Schlag führte der Pariser Untersuchungsrichter Jean-Pierre Zanoto. Der eröffnete ein Untersuchungsverfahren gegen Jean-Claude Trichet, 57, den Chef der Banque de France. Ausgerechnet in einer Phase der Euro-Unsicherheit holte den angesehenen Zentralbanker, einflussreicher Mitschöpfer der gemeinsamen Währung, seine Vergangenheit ein.
Trichet wird beschuldigt, als einstiger staatlicher Aufseher über die Skandalbank Crédit Lyonnais 1992/93 die »Verbreitung falscher Informationen an den Märkten und die Vorlage unrichtiger Bilanzen« zugelassen zu haben - ein tödlicher Vorwurf gegen einen Mann, der nach dem Willen der EU-Regierungschefs in zwei Jahren Duisenberg ablösen soll.
Als Direktor des Schatzamtes vertrat Trichet von 1987 bis Mitte 1993 den französischen Staat im Aufsichtsrat von Crédit Lyonnais. Die Geschäfte der Bank leitete damals ein guter Bekannter mit einer nahezu identischen Karriere: Jean-Yves Haberer, heute 67, wie Trichet Absolvent der elitären Verwaltungshochschule ENA, dann Finanzinspekteur und von 1978 bis 1982 selbst Chef des Schatzamts.
Von der sozialistischen Regierung ermutigt, träumte Haberer davon, das staatliche Geldinstitut zur ersten Geschäftsbank der Welt auszubauen. Er investierte wie ein Besessener, verteilte Kredite mit vollen Händen, stürzte sich ins Immobiliengeschäft und erwarb rund um den Globus riskante Beteiligungen. Kaum etwas wurde verschmäht, weder Kaufhäuser, Golfplätze noch die US-Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer.
Zu spät erkannten die wohlwollenden Wirtschaftsprüfer, dass der Kollege Haberer unerhörte Wagnisse eingegangen war. Für 1992 meldete die Bank einen offiziellen Verlust von 1,8 Milliarden Francs (540 Millionen Mark). In Wirklichkeit hatte sie allein in jenem Jahr 45 Milliarden Francs verspielt. Am Ende standen Schulden von mindestens 100 Milliarden Francs, für die der französische Steuerzahler aufkommen muss.
Richter Zanoto vermutet, dass die staatlichen Kontrollorgane von der massiven Bilanzverschleierung wussten und an der Manipulation sogar aktiv mitwirkten, um eine Pleite von Crédit Lyonnais im Wahljahr 1993 abzuwenden. Bei Durchsuchungen im Finanzministerium und in der französischen Zentralbank hat er Dokumente mit Hinweisen auf eine Komplizenschaft gefunden.
Beim drohenden Untergang von Crédit Lyonnais habe so viel auf dem Spiel gestanden, bis hin zur Reputation des Finanzplatzes Paris, dass man »das Problem nur zusammen mit seiner Lösung präsentieren konnte«, sagt Trichet heute.
Die Politiker hielten sich in der vergangenen Woche mit Vertrauensbezeugungen auffällig zurück. »Die Justiz macht ihre Arbeit, ich habe keinen Kommentar dazu«, meinte Finanzminister Laurent Fabius und verwies lediglich auf Trichets »sehr hohes berufliches Ansehen«.
Trichet wurde erst im September für weitere sechs Jahre an der Spitze der Banque de France bestätigt. Abberufen werden kann er nicht; ein Rücktritt wäre allein seine persönliche Entscheidung. Doch dazu scheint der Mann mit dem bisher tadellosen Image nicht bereit - obwohl die französischen Medien sofort an das Beispiel von Ex-Finanzminister Dominique Strauss-Kahn erinnerten, der vor sechs Monaten ohne Zaudern aus der Regierung schied, als ihm ein Ermittlungsverfahren bevorstand.
Ermittlungsverfahren in komplexen Finanzaffären schleppen sich in Frankreich erfahrungsgemäß jahrelang dahin. Zudem wird der sachkundige Richter Zanoto im Herbst versetzt; sein Nachfolger wird eine Menge Zeit brauchen, sich einzuarbeiten.
Im Club der europäischen Zentralbanker gibt man dem Franzosen jetzt nur noch geringe Chancen, die Duisenberg-Nachfolge anzutreten. »Er wird wohl in Zukunft ein sehr zurückgezogenes Leben führen«, glaubt ein Mitglied des EZB-Direktoriums.
Den Schlag aus Paris hatte der Euro noch nicht verkraftet, da traf ihn - der Zufall des politischen Kalenders wollte es - bereits der nächste: Am Mittwoch bescheinigte die EU-Kommission ausgerechnet den Griechen die Euro-Reife.
Sogleich erklang ein vielseitiger Chor von Mahnern. Der hessische Landeszentralbankchef Hans Reckers, Europaabgeordnete und Währungsfachleute jeden Ranges und natürlich auch der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber mahnten, Griechenland erfülle die Maastricht-Kriterien nicht und dürfe deshalb keinesfalls, wie von der Kommission empfohlen, bereits zum 1. Januar 2001 Mitglied im Club werden.
Gewicht erhielt die vielfältige Kritik aber erst durch den Vizepräsidenten der EZB, Christian Noyer. Der präsentierte dem Europäischen Parlament zwar die gleichen Zahlen, die der Kommission zu einem positiven Votum genügt hatten. Doch er klagte, die niedrige Preissteigerungsrate von zwei Prozent sei nur durch Steuertricks erreicht worden, die öffentliche Verschuldung liege weit über der Maastricht-Grenze, die Stabilitätsrisiken in Griechenland seien beachtlich. Prompt sackte der Euro-Kurs am Mittwoch auf ein neues Tief.
Dabei konnte die Kommission gar nicht anders, als den Weg für Athen freizugeben. Alles, was Kritiker jetzt an Schwächen bemängeln, wurde auch den Euro-Beitrittsländern Italien oder Belgien beim Übergang zur neuen Währung angelastet. Die aber sind trotzdem im Club.
Doch die öffentlichen Reaktionen sind verheerend, das registriert auch die EZB. Erstmals wird nun auch über Interventionen an den Devisenmärkten nachgedacht. Bisher hatte Duisenberg öffentlich bezweifelt, ob Euro-Käufe der EZB wirklich eine Kurswende bewirken könnten. Gleichzeitig betonten er und die Bank auch am Donnerstag vergangener Woche wieder, die EZB habe dieses Mittel bisher nicht eingesetzt. Duisenberg beharrt darauf, Hauptziel seiner Geldpolitik sei die Sicherung der Euro-Kaufkraft im Innern.
Das habe, werfen ihm nun die Kritiker in verschiedenen europäischen Finanzministerien vor, die Märkte zu der Auffassung gebracht, die Währungshüter würden auf keinen Fall intervenieren. Dieses Ergebnis aber ist nicht erwünscht. Die Devisenhändler müssen stets im Ungewissen gehalten werden, ob eine Spekulation gegen den Euro durch Eingreifen der Zentralbanken nicht doch im finanziellen Desaster enden könnte.
Obwohl eine solche Entscheidung allein in der Hand der EZB liegt, wird - vorsichtig noch - das Instrument der Intervention in einigen Hauptstädten bereits erörtert. Auch auf der Frühjahrstagung des IWF war das Thema nicht tabu. Wenn alle Fachleute der Meinung seien, der Euro sei nur 20 bis 30 Prozent unterbewertet, so die Argumentation, dann sei genau dies die Lage, in der konzentrierte Euro-Käufe der amerikanischen Fed und der EZB den später ohnehin fälligen Umschwung vorzeitig in Gang bringen könnten. Die USA hätten angedeutet, berichten Beamte, bei massiven Stützungskäufen mitzumachen.
Doch die Bereitschaft der Minister, noch mehr der Notenbankchefs, diesen Einsatz vieler Milliarden wirklich zu wagen, hält sich derzeit in Grenzen. Die Interventionsgegner in der EZB haben ein gutes Argument. Kommt die Aktion nicht zum exakt richtigen Zeitpunkt, verpufft sie, die Spekulanten hätten gesiegt - und die Europa-Währung würde weiter fallen. WINFRIED DIDZOLEIT, ROMAIN LEICK