Paradoxer Werbeappell Alkoholverkäufer fordert mehr Enthaltsamkeit
Hamburg - "So seltsam das klingen mag, wenn es von einem der größten Alkoholeinkäufer kommt", schreibt die Einzelhandelskette: "Wir sind sehr besorgt über die Trinkgewohnheiten auf unserem Kontinent." Halb ernst, halb ironisch beschreibt das Unternehmen in der ganzseitigen Werbeanzeige dem Kommissionschef die Probleme der Europäer mit dem Hochprozentigen.
Der Hintergrund des ungewöhnlichen Appells: System Bolaget ist Bier-, Wein- und Schnapsverkäufer qua Gesetz. Geschäftszweck ist nicht Gewinnmaximierung sondern die Volksgesundheit. In Schweden darf Alkohol nach wie vor nur in den rund 400 Läden des Staatsunternehmens verkauft werden. Die Geschäfte sind von Montag bis Freitag zwischen 9 und 18 Uhr geöffnet, einkaufen darf dort lediglich, wer mindestens 21 ist. Und die Preise sind aufgrund der hohen Steuern happig. Ein Liter Bier kostet etwa 2,90 Euro, erklärt ein Sprecher des Unternehmens.
Dieses Jahr wird System Bolaget 50 Jahre alt. Anlässlich des Jubiläums suchte das Unternehmen eine Möglichkeit, den schwedischen Way of Drinking auch europaweit in die Diskussion zu bringen. Natürlich nicht völlig selbstlos. Der freie Handel in der Europäischen Union hat die staatlich verordnete Enthaltsamkeit der Schweden gründlich erschüttert. "In Schweden, wo die Menschen sehr viel weniger tranken als in anderen Ländern", schreibt das Unternehmen an Barroso, "hat der Alkoholkonsum in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent zugenommen." Besonders Schweden, die in Grenzgebieten wohnten, besorgten sich ihre Getränke inzwischen im Ausland.
Schließlich sei der gedrosselte Durst der Schweden auf Hochprozentiges ja nicht kulturell bedingt, schreiben die Monopolisten voller Selbstironie. "Das kann jeder bezeugen, der einmal eine Freitagnacht in unserem Land verbracht hat."
"Wenn man 50 wird, darf man sich etwas wünschen", heißt es weiter. "Sie und andere Europäer sollten sich überlegen, was die EU-Länder gewinnen könnten, wenn sie in Verbindung mit Alkohol stehende Probleme reduzieren würden." Rund 600.000 Menschen stürben jährlich wegen übermäßigen Alkoholkonsums.
Rund 839.000 Euro hat das Unternehmen sich die ungewöhnliche Werbekampagne kosten lassen. Außer in der "Financial Times" erschien die Anzeige auch noch in 70 schwedischen Tageszeitungen. Außerdem wurde Barroso ein vierminütiger Film gewidmet, der ebenso humoristisch wie die Werbeanzeige auf die Gefahren von übermäßigem Alkoholkonsum hinweist.
Konkrete Forderungen wolle man mit der Kampagne nicht durchsetzen, erklärte ein Sprecher des Unternehmens SPIEGEL ONLINE. "Wir hätten natürlich nichts dagegen, wenn das schwedische System in ganz Europa eingeführt würde. Aber realistisch ist das sicher nicht." Man gebe sich schon damit zufrieden, wenn ein wenig Aufmerksamkeit mit der Kampagne erzielt würde.