KURZARBEIT Parallele 67
Fritz Berg, 70, bis Jahresende Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie in Köln, bangt um die Zukunft der Wirtschaft: »Die Art von Inflation, mit der wir es heute zu tun haben, höhlt die Substanz der Unternehmen in besonders heimtückischer Weise aus.«
Wie Berg lassen derzeit auch andere deutsche Industrielle keine Gelegenheit zum Wehklagen aus. Sie sagen bei Verbandstagungen und Hauptversammlungen eine konjunkturelle Talfahrt voraus, die bis zur Massenarbeitslosigkeit und zur Stillegung ganzer Betriebe führen könne. Hugo Rupf, Vizepräsident des Bundesverbandes und Chef der Maschinenfabrik Voith in Heidenheim: »Man trägt wieder Schwarz in der Wirtschaft, das ist leider die Realität.«
In den letzten Wochen wurde die Liste kurzarbeitender Unternehmen beträchtlich länger. Die Meldungen über Entlassungen und Betriebsstillegungen nahmen erheblich zu. Warnte letzte Woche Ludwig Poullain, Chef der Westdeutschen Landesbank in Düsseldorf: »Wir sind auf der Fahrt ins Tal weiter, als die Statistik zeigt.«
Allein bis Ende dieses Jahres sollen in der Bundesrepublik 73 Betriebe mit 14 000 Arbeitsplätzen stillgelegt werden, verkündete letzte Woche die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit. Bei ihr müssen Kurzarbeit und Stillegung angemeldet werden. So registrierte das Amt im Oktober bei 61 weiteren Firmen mit 100 000 Arbeitnehmern die geplante Entlassung von insgesamt 7200 Beschäftigten und in 114 Betrieben 77 000 Kurzarbeiter. Im letzten Jahr arbeiteten im Monatsdurchschnitt im Sommer nur etwa 3000 Arbeiter und Angestellte kurz.
»Man darf die Lage nicht dramatisieren«, schwächte Josef Stingl, Präsident der Nürnberger Anstalt, das Krisengeschrei ab. Denn bei der bisher größten Talfahrt der Industrie 1966/67 arbeiteten rund 300 000 Beschäftigte kurz -- über 200 000 mehr als gegenwärtig. Dennoch sieht Alois Degen, Chef des Landesarbeitsamtes in Nordrhein-Westfalen, bereits »Parallelen zu den Rezessions-Jahren«.
Degen hat ein drastisches Beispiel vor Augen. Die Stahlindustrie an Rhein und Ruhr drosselt schon seit Monaten ihre Walzstahl-Produktion. Rund 10 000 Stahlwerker arbeiten derzeit kurz, und einige Hütten kündigten für den Fall einer sich verschlimmernden Flaute Entlassungen an.
So setzte auch der saarländische Röchling-Konzern 3000 Stahlkocher auf Kurzarbeit, meldeten erst letzte Woche die zur Thyssen-Gruppe gehörenden Deutschen Edelstahlwerke für über 1000 Arbeitnehmer in Krefeld verkürzte Arbeitszeiten an. Und selbst bei Mannesmann, Hoesch, Krupp und Klöckner wird seit Wochen kurzgearbeitet. Werner Paul Schmidt, Arbeitsdirektor der zum Flick-Konzern gehörenden Maximilianshütten im bayrischen Sulzbach-Rosenberg, befürchtet sogar Schlimmeres: »Das vierte Quartal kann noch miserabler werden.«
Auch aus anderen Branchen häufen sich die Krisenmeldungen. So berieten in der vergangenen Woche Aufsichtsrat und Vorstand der Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg über Produktionseinschränkungen und die eventuelle Stillegung einzelner Anlagen. Vorsorglich sollen 300 Arbeitnehmer im Werk Mannheim entlassen werden. Anton Ernstberger, Chef der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank und Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens: »Die Lage auf dem Papiermarkt ist katastrophal.« Selbst die Düsseldorfer Renommierfirma Feldmühle des Flick-Konzerns setzte in einem ihrer Werke 240 Arbeiter auf die Straße.
Über eine schlechte Auftragslage klagt seit Wochen die Elektroindustrie, in der nach Schätzungen von Walter Huppert, Manager ihres Zentralverbandes in Frankfurt, über 30 000 Beschäftigte wöchentlich einige Stunden zu kurz kommen. Neben anderen mußte unlängst die Mannheimer Firma Brown, Boveri & Cie. (BBC) Kurzarbeit beantragen, ebenso die Roland Offsetmaschinenfabrik in Offenbach, die Motoren-Werke Mannheim AG, Pfaff Industriemaschinen in Kaiserslautern und das Magirus-Lastwagenwerk von Klöckner. Die Continental Gummi in Hannover, Siemens in München, Tochterfirmen von Glanzstoff in Wuppertal, AEG in Frankfurt und Bosch in Stuttgart sahen sich genötigt, ihre Produktion zu drosseln.
»Entscheidend ist, daß die Betriebe mit so einer schlechten Ertragslage in die Talfahrt gehen«, sorgte sich letzte Woche Bankier Poullain. In der Tat unterscheidet sich die gegenwärtige Geschäftslage der meisten Firmen wesentlich von der Situation vor der Rezession 1966, als die Unternehmen in ihren Bilanzen zum Teil Rekordgewinne auswiesen. Der Siemens-Konzern etwa erwartet für 1971, bei einem um zwei Milliarden Mark steigenden Umsatz, nur einen Überschuß wie im Jahre zuvor: 213 Millionen Mark.
»Es ist an der Zeit, den Mythos von den zu hohen Unternehmens-Gewinnen abzubauen«, rief Fritz Berg Ende letzter Woche in der Hauptversammlung der Düsseldorfer Industriekreditbank.
Sogar der Chef der florierenden Daimler-Benz AG, Joachim Zahn, ließ bei der BDI-Präsidiumssitzung am 1. Oktober in Köln starke Konjunkturangst erkennen. »Bei den Herren herrscht eine Begräbnisstimmung«, erinnerte sich ein Teilnehmer.
Erste Anzeichen einer heraufziehenden Krise melden sogar die stets nachhinkenden Statistiken über den Arbeitsmarkt. Zwar nahm die Zahl der Arbeitslosen im September nur um 0,6 Prozent auf 147 000 zu, aber sie lag damit bereits um 51 Prozent über dem entsprechenden, freilich sehr niedrigen Vorjahresstand. Auch das Polster an offenen Stellen schrumpfte um 48 000, das ist stärker als saisonüblich. Die Bereitschaft, zusätzliche Gastarbeiter zu beschäftigen, schwand um die Hälfte.
Manchem Arbeitgeber erscheinen die Krisen-Zeichen freilich als ein Wink des Himmels, da derzeit in der Metallindustrie neue Lohnverhandlungen bevorstehen. Um die Forderungen der Gewerkschaften zu drücken, empfahl unlängst Gesamtmetall, möglichst die Situation noch schwärzer zu malen, als sie in Wirklichkeit ist.