Pariser Timing - DER SPIEGEL
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WÄHRUNG Pariser Timing

Bei den Verhandlungen über eine gemeinsame europäische Währungspolitik will Paris keine Konzessionen machen. Pompidou glaubt sich gegenüber der Bundesrepublik in einer starken Position.
• aus DER SPIEGEL 46/1971
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Bundeskanzler Willy Brandt beklagte sich vor Mitarbeitern: »Wir sind doch keine Bittsteller der Franzosen«

Bonns Premier fühlt sich gekränkt. denn in demütigender Form reagierte Georges Pompidou auf einen Brief des Kanzlers, in dem Brandt vor zwei Wochen einen Währungsgipfel mit dem französischen Staatspräsidenten vorgeschlagen hatte.

Ohne in Bonn rückzufragen, unterrichtete Pompidous Presseminister Hamon zunächst die Öffentlichkeit von der Existenz und wenige Tage später zum Teil auch vom Inhalt des Briefes. Gegenüber Journalisten ließen französische Beamte überdies durchblicken, »daß Brandt um ein Gespräch mit Pompidou ersucht hat«, und schließlich hieß es gnädig: »Pompidou überlegt sich die Antwort.«

Als die Antwort auf das Schreiben schließlich am vergangenen Mittwoch in Bonn einging, war noch ein weiteres Kabinettsmitglied verärgert: Karl Schiller.

Denn der Brief, in dem Pompidou Brandts Gipfel-Ersuchen zustimmend beschied, traf just zu dem Zeitpunkt ein, da sich der Wirtschaftsminister auf dem Weg nach Paris befand, um im Schloß zu Versailles mit seinen EWG-Kollegen über die internationale Währungskrise zu konferieren. Ohne Kenntnis des Briefinhaltes saß Schiller am Mittwoch beim festlichen Diner an der Seite des französischen Wirtschaftsministers Giscard d'Estaing. Schiller: »Ein phantastisches Timing.«

Weniger großartig war, was Giscard d'Estaing seinen in der Galerie Basse des Prunkschlosses tagenden EWG-Kollegen vortrug. Vergeblich warteten die Delegationen aus Italien, den Benelux-Ländern und Deutschland darauf, daß Gastgeber Giscard sich endlich zu einem europäischen Währungsakkord bereitfinden und damit einen Ausweg aus der Weltwährungskrise freimachen würde.

Weiterhin besteht Frankreich beharrlich darauf, daß die Amerikaner den ersten Schritt tun: Washington solle zunächst einmal den Dollar abwerten -- erst dann könnten die Europäer über eine Neufestsetzung ihrer Wechselkurse entscheiden; eine Franc-Aufwertung lehnt Pompidou grundsätzlich und ohne Diskussion ab.

Frankreichs EWG-Partner halten dieses Verfahren jedoch für aussichtslos. Schiller: »Wir müssen gegenüber den Amerikanern konkretisieren und quantifizieren, was wir beitragen wollen.«

Außer Frankreich empfehlen daher alle EWG-Mitglieder, zunächst die Austauschverhältnisse der europäischen Währungen neu zu ordnen und die EWG-Währungen, deren Kurse jetzt gegenüber dem Franc frei schwanken, fest aneinanderzukoppeln. Geschlossen

* Links neben Schiller Bundesbankpräsident Klasen.

könnten die Europäer dann Washington gegenüber ihre Forderung nach einer Dollar-Abwertung vortragen.

»Wir müssen die Amerikaner testen«, forderte Karl Schiller seine europäischen Kollegen auf. Und Bundesbank-Vizepräsident Otmar Emminger erläuterte: »Wenn es nicht gelingt, die Lösung mit Frankreich zu konkretisieren, ist es unmöglich, mit den USA in ein Gespräch einzutreten.«

Das nächste Gespräch mit den Amerikanern ist aber schon vereinbart: Am 22. November treffen sich in Rom die Wirtschaftsminister der zehn größten westlichen Industrienationen im sogenannten Zehnerklub, um erneut über die Währungskrise zu beraten. Ohne einheitliche EWG-Haltung ist dieses entscheidende Währungsgremium jedoch blockiert.

»Sollen wir denn überhaupt nach Rom gehen?« fragte deshalb Italiens Schatzminister Ferrari-Aggradi die in Versailles versammelte Ministerrunde. Schließlich einigten sich die sechs darauf, kurz vor Beginn der Zehnerklub-Sitzung noch einmal in Rom zusammenzukommen. Daß dort doch noch eine europäische Offerte an die Amerikaner beschlossen wird, ist aber nahezu ausgeschlossen: Zu sehr ist Paris gegenwärtig am währungspolitischen Status quo interessiert.

Denn die Franzosen brachten sich durch die Währungskrise in eine ausnehmend günstige Konkurrenzsituation. Da der Handels-Franc (mit dem alle Exporte und Importe in Frankreich verrechnet werden) weiterhin fest an den Dollar gekoppelt ist, freischwankende europäische Währungen wie die Mark oder der holländische Gulden jedoch inzwischen de facto aufgewertet wurden, profitiert Frankreichs Wirtschaft wie keine andere von dem aktuellen Währungsdebakel. Denn die Produkte der Handelskonkurrenten wurden dank deren Quasi-Aufwertung teurer, Frankreichs Exportpreise aber blieben stabil.

Die Diskriminierung ausländischer Erzeugnisse auf dem amerikanischen Markt -- durch die von Nixon verfügte zehnprozentige Einfuhrsteuer -- kann Frankreich leicht verkraften: Nur rund fünf Prozent der französischen Exporte gehen in die USA. Um so schwerer wiegen die Vorteile auf den europäischen Märkten, auf denen der Handels-Franc dank der Aufwertung der Nachbar-Valuten inzwischen de facto um fast sechs Prozent abgewertet wurde: Allein ein Fünftel der gesamten französischen Ausfuhren wird in die Bundesrepublik verkauft.

»Die Industrie ist mit der Regierungspolitik zufrieden«, stellte daher »Le Monde« fest. Und die gute Stimmung in der Industrie ist Staatspräsident Pompidou einiges wert: Erst vor kurzem meinte sein Regierungschef Chaban-Delmas, die Parlamentswahlen von 1973 würden »auf dem Gebiet der Beschäftigung« entschieden.

Im Währungspoker mit den Deutschen glaubt Paris daher länger durchhalten zu können. Pompidou spekuliert darauf, daß Bonn -- besorgt um seine rasch sich abschwächende Konjunktur -- nicht mehr die europäische Vorauslösung anstreben werde. Brandts Brief an Pompidou deutete der französische Staatschef offenbar als erstes Schwächezeichen.

Ob Pompidous Währungsrechnung aufgeht, scheint jedoch höchst ungewiß. Denn: Obgleich die Mark inzwischen gegenüber ihren wichtigsten Handelspartnern um rund fünf Prozent aufgewertet ist, geht das deutsche Exportgeschäft immer noch sehr gut. Im September wuchsen die Export-Aufträge gegenüber dem August um 17,5 Prozent; für 1972 sagen Schillers Währungsexperten sogar einen Handelsbilanz-Überschuß von mindestens 17 Milliarden Mark (1971: zwölf Milliarden) voraus.

»Wenn die Franzosen unsere Angebote als Schwäche auslegen«, meint daher ein Kanzler-Berater, »dann irren sie. Wir werden keinen Canossa-Gang machen.«

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