Pensionslast Die 100-Milliarden-Euro-Lücke
Unangenehm ist diese Summe auch, weil sie stark schwanken kann. Allein im Vorjahr ist die Höhe der Pensionsverpflichtungen um 40 Milliarden Euro gestiegen, während Unternehmen zunächst von lediglich fünf Milliarden Euro ausgegangen waren. Grund für den Anstieg war der niedrige Kapitalmarktzins: Viele Unternehmen hatten mit einer deutlich höheren Verzinsung ihres Pensionskapitals kalkuliert.
Auch der Trend zur Frühverrentung lässt die Auszahlungssummen steigen. Mehr als zehn Milliarden Euro zahlten die Dax-Unternehmen 2005 an ihre Pensionäre aus - 65 Prozent mehr als noch 2000. Sollten die Rücklagen aus dem Pensionsvermögen für die garantierten Zahlungen nicht ausreichen, muss das Unternehmen Geld nachschießen.
Das sind gewichtige Gründe, mehr Geld für die Pensionen zurückzulegen. Kein Dax-Unternehmen will dem Beispiel des US-Konzerns General Motors folgen, den ungedeckte Pensionszusagen an den Rand des Ruins brachten. Die Dax-Unternehmen haben ihr Pensionsvermögen 2005 um mehr als 30 Prozent auf insgesamt 139 Milliarden Euro aufgestockt, wie aus einer Studie der Unternehmensberatung Rauser Towers Perrin hervorgeht. Zwischen Pensionsverpflichtung und dem dafür reservierten Vermögen klaffte demnach "nur" noch eine Lücke von 108 Milliarden Euro.
"Unternehmen haben viel dafür getan, ihre Risiken zu reduzieren und gleichzeitig die Attraktivität ihrer Pensionssysteme zu steigern", sagt Thomas Jasper, Vorstand bei Rauser Towers Perrin. Der Studienautor sieht verschiedene Hinweise darauf, dass die deutschen Unternehmen auf dem richtigen Weg sind. So setzt sich der Trend zum "Outside Funding" fort: Immer mehr Unternehmen lagern ihre Pensionsverpflichtungen aus ihrer internationalen Bilanz aus und zahlen stattdessen Geld in einen externen Fonds. Die Verpflichtungen werden so zumindest teilweise durch einen Kapitalstock gedeckt.
Nach einer Untersuchung der auf Altersvorsorge spezialisierten Unternehmensberatung Heissmann hatten die Dax-Unternehmen Ende 2004 im Schnitt 51 Prozent ihrer Verpflichtungen durch reserviertes Planvermögen gedeckt, die Spanne reichte von null Prozent bei Adidas bis 101 Prozent bei der Deutschen Bank .
Besonders beliebt sind sogenannte Contractual Trust Arrangements (CTA). Ein Treuhänder verwaltet das zur Deckung der Betriebsrenten reservierte Kapital in einem Fonds und legt es am Kapitalmarkt an. Für die Auszahlung haftet weiterhin das Unternehmen. Mehr als 20 Dax-Unternehmen haben laut Rauser Towers Perrin solch einen CTA aufgelegt. DaimlerChrysler , Siemens , BASF und Henkel haben allein im vergangenen Jahr insgesamt rund acht Milliarden Euro für ihre Pensionsfonds reserviert. Alle Dax-Unternehmen bis auf Adidas haben ihre Pensionsverpflichtungen inzwischen zumindest teilweise kapitalgedeckt, ein Dutzend von ihnen zu mehr als 50 Prozent.
Rating-Agenturen machen Druck
Dieser Ansparwille kommt nicht nur aus eigenem Antrieb. "Mit der Ausgliederung der Pensionsvermögen reagieren börsennotierte Unternehmen auch auf den Druck der Ratingagenturen und des internationalen Finanzmarktes", erklärt Jasper. Bis vor wenigen Jahren war in Deutschland das Modell der "Innenfinanzierung" beliebt: Statt das Kapital für die Pensionsverpflichtungen in einen externen Fonds anzulegen, wurde es zum Beispiel in den Maschinenpark des eigenen Unternehmens investiert und die Pensionszahlungen aus dem laufenden Cashflow bedient.
Das Kalkül ging auf, sobald das intern angelegte Geld eine höhere Rendite brachte als eine externe Vermögensanlage - doch die internationale Finanzwelt konnte sich mit dieser deutschen Variante nicht anfreunden. Wer keine ausgelagerten Pensionsrückstellungen vorweisen konnte, wurde mit einem schlechteren Kreditrating abgestraft: Der Stahlkocher ThyssenKrupp , der 2003 von Standard & Poor's auf Ramschniveau abgestuft wurde, hat inzwischen auch einen CTA gegründet.
Die Vorteile eines Contractual Trust Arrangements aus Unternehmenssicht: Sie verkürzen die Bilanz, da die Vermögenswerte aus dem CTA von den Pensionsverpflichtungen abgezogen werden. Damit sinkt das Fremdkapital, Unternehmen können auf ein günstiges Kreditrating hoffen. In der Gewinn- und Verlustrechnung macht sich eine Ausgliederung ebenfallls häufig positiv bemerkbar, da die Erträge auf das Pensionsvermögen dem operativen Ergebnis zugerechnet werden. Drittens ist ein treuhänderisch verwalteter Pensionsfonds nicht der Finanzaufsicht unterstellt: Die Unternehmen können selbst entscheiden, wie viel Geld sie dem Fonds zuführen wollen und welche Anlagestrategie sie wählen.
Feste Beiträge oder festgelegte Auszahlungen?
Eine Entlastung für Unternehmen sei auch die in vielen Fällen veränderte Struktur der Pensionszusagen. Viele Firmen haben sich davon verabschiedet, ihren Pensionären eine feste Auszahlungssumme zu garantieren (defined benefit). Stattdessen sind sie auf ein beitragsorientiertes System (defined contribution) umgestiegen, garantieren also monatlich oder jährlich bestimmte Einzahlungen auf das Altersvorsorge-Konto des Mitarbeiters.
Auf diese Weise verlagert sich das Risiko der Kapitalmarktentwicklung vom Unternehmen auf den Angestellten: Fällt die erwartete langjährige Rendite schlechter als erwartet aus, muss das Unternehmen kein Geld nachschießen.
Ein solcher Systemwechsel sei dennoch für beide Seiten sinnvoll, meint Jasper: "Der Mitarbeiter übernimmt Risiken, kann aber auch mehr erwarten." Ein beitragsorientiertes System sorge für mehr Transparenz und Kalkulierbarkeit. Der Mitarbeiter bleibe über die Entwicklung seines Pensionsvermögen auf dem Laufenden und könne diese über Beitragshöhe und Anlagemischung häufig auch selbst beeinflussen: In vielen Unternehmen sehen "Lebenszykluskonzepte" vor, die Aktienquote mit steigendem Lebensalter des Angestellten zu senken und damit das Kapitalmarktrisiko zu verringern.
Einen Fall wie General Motors hält Jasper in Deutschland für kaum vorstellbar: Der Autoriese hatte sich während des Börsenbooms "contribution holidays" gegönnt und mit hohen Aktienpositionen darauf spekuliert, dass eine hohe Rendite der Kapitalmärkte fehlende Einzahlungen ausgleichen werde. Als die Börse einbrach und die Überrenditen in hohe Verlustpositionen verwandelte, ging der Konzern in die Knie. "Unternehmen haben aus dem Crash ihre Lehren gezogen", meint Jasper. Dass die Renditeerwartung, welche die einzelnen Unternehmen für ihre Pensionsvermögen jährlich neu ansetzen, seit dem Jahr 2000 deutlich gesunken sei und nun bei durchschnittlich rund 5,4 Prozent liege, hält er für eine "gesunde Entwicklung."
"Eine Frage des Risikomanagements"
Das wieder steigende Zinsniveau kommt den Pensionsverwaltern gelegen. Nachdem die extrem niedrigen Zinsen im Vorjahr für einen deutlichen Anstieg der Pensionsverpflichtungen gesorgt hatten, tritt nun der umgekehrte Effekt ein: Der Rechnungszins dürfte nach aktuellem Stand im laufenden Jahr - so Jasper - auf 4,6 Prozent steigen und damit höher ausfallen als zunächst geschätzt.
Gleichzeitig setzen jedoch viele Konzerne wie Allianz , Volkswagen und DaimlerChrysler ihren Personalabbau fort. Besonders ältere Mitarbeiter werden mit hohen Abfindungssummen in den vorzeitigen Ruhestand gelockt. Kurzfristig müssen dann weniger Mitarbeiter dafür sorgen, dass die Betriebsrenten für eine steigende Zahl von Pensionären ausgezahlt werden können. Gleichzeitig sind immer mehr Arbeitnehmer auf ihre Betriebsrenten angewiesen, um Lücken in der staatlichen Rente auszugleichen..
Was das staatliche Rentensystem ins Wanken bringt, muss für das Rentensystem der Unternehmen jedoch keine ernsthafte Gefahr sein, meint Jasper. "Die Pensionszusagen der Unternehmen sind bilanziell ausfinanziert, sie basieren nicht auf einem reinen Umlagesystem wie die staatliche Rente."