NOTENBANKEN Persönliche Bindung
Vor zwei Wochen noch hatte der New Yorker Abgeordnete Charles E. Schlumer den US-Zentralbank-Chef Paul A. Volcker mit den Worten angebetet: »Er ist der Thomas Morus meiner Generation.«
Seit vergangenem Dienstag steht fest, daß Amerikas Zentralbank bald nicht mehr von einem Heiligen regiert wird, sondern von einem ganz gewöhnlichen Irdischen, dem New Yorker Geldberater Alan Greenspan.
Volcker, 59, schlug Ronald Reagans Angebot aus, den Federal Reserve Board, die kurz »Fed« genannte US-Bundesbank, nach acht Jahren Amtszeit noch weitere vier Jahre zu führen.
Zigarrenraucher Volcker, schon während seiner letzten Amtsjahre »eine Legende in der Finanzwelt« ("Financial Times"), wird nach seinem Abgang am 5. August als erfolgreichster Notenbank-Chef aller Zeiten gelten.
Volcker, Mitglied der demokratischen Partei, hat die zweistellige Inflationsrate Amerikas auf nahe Null zurückgeführt. Er hat das Schulden-Debakel der Dritten Welt rechtzeitig erkannt und wesentlich daran mitgewirkt, das globale Geldsystem zu erhalten.
Im Kampf gegen die Inflation war Volcker besonders erfolgreich. Er hielt die Leitwährung Dollar knapp und bremste damit den von der Inflation genährten Wachstumswahn der westlichen Regierungen.
Der Zwei-Meter-Mann, eine Art Vaterfigur für viele Zentralbankchefs, steuerte mit Erfolg auf eine Weltwirtschaft zu, die von weit gesünderem Fundament aus wieder auf Wachstum schalten konnte. Bewundernd und gewiß auch übertreibend heißt es im Weltwährungsfonds zu Washington, Volcker habe die Weltinflation im Alleingang beendet.
Solche Taten sind heute nicht mehr zu vollbringen. Schon gar nicht in den Zeiten langsam steigender Inflationsraten und nur begrenzten Wachstums, die dem schuldengeplagten Amerika nun bevorstehen: Paul A. Volcker beendete die Ära Paul A. Volcker gerade rechtzeitig.
Ein verzweifelter Jimmy Carter hatte den Chef der New Yorker Landeszentralbank 1979 zum Opfergang ins inflationsgeängstigte Washington veranlaßt. Volcker verdient dort mit 89500 Dollar Jahreseinkommen auch jetzt noch deutlich weniger als vorher in seinem New Yorker Job. Er bekommt damit nur rund ein Viertel dessen, was etwa Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl kassiert.
Das vor allem im Vergleich zu den Gehältern in den Geschäftsbanken lächerlich niedrige Salär des Washingtoner Bundesbank-Chefs ist historisch begründet: Die Fed wurde 1913 vom Kongreß ins Leben gerufen. Und weil die Zentralbank eine Schöpfung der Parlamentarier war, sollte ihr Chef auch nicht mehr verdienen als ein Senator.
Ein Motiv für den Abgang könnte daher auch sein, daß Volcker anderswo noch mal richtig Geld verdienen will. Über eine Million Dollar jährlich wären für ihn locker drin. »Mit mehr Geld«, meint einer seiner Freunde, »wäre er geblieben.« Der bisherige Fed-Chef muß eine kranke Frau und einen kranken Sohn unterhalten, in den USA, mit ihrem privatwirtschaftlichen Medizinbetrieb, eine teure Angelegenheit.
Unter Volckers Notenbank-Kollegen in aller Welt trifft die Demission vor allem den Deutschen Pöhl. »Paul« und »Karl Otto« kennen sich seit 14 Jahren, sie haben in regelmäßigen Telephongesprächen vieles arrangiert. So haben sich Pöhl und Volcker in den letzten Wochen immer wieder in der Zinspolitik abgestimmt: Der Abstand zwischen den deutschen und den amerikanischen Zinsen wurde vergrößert, mehr Geld auf diese Weise in die USA gelockt und der Dollar vor einem weiteren Fall bewahrt.
Die auf solche Art gebaute Achse Washington-Frankfurt (Pöhl: »Ein sehr enges Vertrauensverhältnis") bewährte sich als Stabilisator im internationalen _(Vergangenen Dienstag mit Nachfolger ) _(Greenspan, Chef Reagan im weißen Haus ) _(bei der Bekanntgabe des ) _(Volcker-Verzichts auf eine weitere ) _(Amtszeit. )
Währungsgetriebe. »Mehr als in der Politik«, sagt der deutsche Notenbankchef »ist hier mit langen persönlichen Bindungen etwas zu erreichen.«
Die Bindung mag auch daher rühren, daß der deutsche und der amerikanische Notenbank-Chef einiges gemeinsam haben, die Unabhängigkeit von der Regierung, die das Gesetz der Bundesbank einräumt, ist dem Washingtoner Vorbild abgeguckt. Der deutsche wie der amerikanische Bundesbank-Chef sind zudem in ihrem Direktorium nur Erste unter Gleichen. Und so, wie der Sozialdemokrat Pöhl sich in einem mehrheitlich konservativ besetzten Führungsgremium durchsetzen muß, steht der liberale Volcker an der Spitze eines republikanisch ausgerichteten Notenbank-Boards.
Dafür hat vor allem der nach dem Iran-Desaster geschaßte Stabschef des Weißen Hauses, Donald Regan, gesorgt. Regan, mehr Stabsfeldwebel als Stabschef, konnte die Unabhängigkeit an der Fed nicht ausstehen, die Reagan-Administration unter Führung von Regan mauerte den Demokraten Volcker durch ihr geneigte Republikaner ein. Vier der sieben Fed-Gouverneure wurden binnen zwei Jahren ersetzt. Unter ihnen der in Köln geborene Deutsche Robert Heller, 47, ein Republikaner, der nach seinem Studentenaufenthalt in den USA Professor und Vizepräsident der Bank of America geworden war.
Als Nachfolger für Volcker kam von den Neuen keiner in Frage, sie sind allesamt zu unerfahren. Ronald Reagan und sein Finanzminister James Baker mußten sich außerhalb der Fed umschauen. Ihre Wahl fiel auf den New Yorker Geldberater Alan Greenspan, 61.
Greenspan, unter US-Präsident Gerald Ford Chef-Ökonom der Regierung wird als brillanter Fachmann und geduldiger Überzeuger gerühmt. Seine Stärke, sagt Junggeselle Greenspan über sich selbst, seien Zahlen und Zahlenreihen, weniger der artistische Kniff. Paul Volckers Intuition wird den Fed-Gouverneuren künftig fehlen.
Die Notenbank-Chefs in den großen Industriestaaten werden zukünftig die Erfahrung und Souveränität des übergroßen Volcker vermissen. Mit Greenspan, so das erste Urteil, werde die Arbeit erst mal schwieriger. Der Neue kennt sich weder in der Geldpolitik noch im internationalen Geschäft aus.
Greenspan paßt andererseits weit besser als Volcker zur Reagan-Riege. Der Republikaner gilt selbst in der eigenen Partei als Rechtsausleger. Mit Finanzminister James Baker hat er gemeinsam, daß er, anders als Volcker, zum Ausgleich der US-Handelsbilanz für einen möglichst schwachen Dollar eintritt.
Den Devisenhändlern war das offenbar bekannt: Kurz nachdem die Nachricht über Greenspans Ernennung über die Bildschirme gelaufen war, rutschte der Dollar tiefer.
Vergangenen Dienstag mit Nachfolger Greenspan, Chef Reagan im weißenHaus bei der Bekanntgabe des Volcker-Verzichts auf eine weitereAmtszeit.