KORRUPTION Persönliche Geste
Mit Verdruss liest Hans Jakob Zimmermann, 55, jeden Tag die Schlagzeilen über die Korruptionsaffäre rund um den Immobilienmakler Berthold Kaaf. Der Bonner Grundstückshändler und dessen Geschäftspartner Klaus Dieter Schweickert, früherer Chef der Bayerischen Beamten Versicherung (BBV), sitzen seit Wochen in Haft. Beide stehen im Mittelpunkt einer der größten Schmiergeldskandale der Republik (SPIEGEL 33/1999).
Zu denen, die von Kaafs Geschäftsgebaren profitierten, gehörte offenbar auch Manager Zimmermann, seit einem Jahr Geschäftsführer bei einer Tochter der Frankfurter Metallgesellschaft.
Zimmermann, bis Ende 1995 Vorstandsmitglied der Dortmunder Thyssen Schulte GmbH, hatte Kaaf bei einem Millionendeal kennen gelernt. Beim profitablen Verkauf eines Thyssen-Schulte-Grundstücks an der Grillparzerstraße in München waren sich die Herren näher gekommen. Ende September 1990 erwarb die Immobilienfirma Terreno, an der Kaaf und der Heidelberger Bauträger Roland Ernst beteiligt waren, das Areal von Thyssen für rund 72 Millionen Mark, um dort einen gigantischen Bürokomplex hochzuziehen.
Just drei Monate später hatte Zimmermann ein weiteres Erfolgserlebnis: Für 1,85 Millionen Mark kauften Kaaf und Ernst im Dezember 1990 privat Zimmermanns Euskirchener Villa. Die hatte der Thyssen-Mann zwei Jahre lang über Makler und Zeitungsannoncen feilgeboten - ohne Erfolg. Für die Innenausstattung, darunter Küchenzeilen in Eiche rustikal, spendierten die Baulöwen 250 000 Mark extra.
Bei dem Deal waren auch zwei hochrangige Thyssen-Mitarbeiter zu Diensten. Hausjurist Burkhardt Höper prüfte den privaten Kaufvertrag. Thyssen-Immobilienexperte Klaus Tiedemann erstellte in seiner Freizeit unentgeltlich ein Wertgutachten und taxierte die Zimmermann-Villa auf zwei Millionen Mark. Für die ausgebufften Immobilienprofis Kaaf und Ernst war der Erwerb ein Verlustgeschäft; beim Weiterverkauf 1994 sollen sie rund 300 000 Mark verloren haben.
Zimmermann beteuert, es gebe »keinerlei Zusammenhang« mit dem Objekt Grillparzerstraße. Außerdem habe er seinen Vorgesetzten, den damaligen Thyssen Handelsunion-Chef Dieter Vogel, persönlich über das Privatgeschäft mit Kaaf und Ernst informiert.
Vogel, heute Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, bestreitet das. Zimmermann habe ihn nur beiläufig über den Verkauf seines Privathauses unterrichtet und dabei keine Namen genannt. Jedenfalls erfuhr die Thyssen-Innenrevision nichts von der Euskirchener Transaktion, als Zimmermann 1995 unter Druck den Konzern verließ, weil er beim Bau seiner neuen Villa in Essen von einer Baufirma bevorzugt behandelt worden sein soll.
Das Gemauschel hatte in Kaafs Kreisen offenbar Methode: Auch Kaafs Geschäftspartner Schweickert war bei privaten Problemen gern gefällig, etwa dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl. Der hatte ihm im Juli 1992 den Bayerischen Verdienstorden verschafft. Im Februar 1993 erhielt Streibl für sein Haus an der Malsenstraße 72 im noblen Münchner Viertel Gern ein günstiges Baudarlehen der BBV: Ein Kenner des Vertrags berichtet von rund 900 000 Mark Kredit zu sechs Prozent effektivem Jahreszins - rund 1,8 Prozentpunkte unter dem damaligen Marktniveau, fest auf zehn Jahre. Rund 80 000 Mark Ersparnis hatte das Streibl schon gebracht, als er 1998, kurz vor seinem Tod, unplanmäßig zurückzahlte. Die übliche Strafgebühr musste er vertragsgemäß nicht berappen.
Auch Streibl-Freund Schweickert achtete im Geschäftsleben stets auf Occasionen. Bevor er 1990 für die BBV Aktien der Heidelberger Textilholding Pegasus kaufte, stellte der Assekuranz-Chef in Anbahnungsgesprächen lapidar fest, es müsse sich auch für ihn lohnen, wie sich der damalige Verkäufer erinnert.
So blieb es nicht bei einigen zehntausend Aktien für die BBV zum Stückpreis von 300 Mark; gleichzeitig gingen 1500 Aktien zum Vorzugspreis von 240 Mark an die Liechtensteiner Briefkastenfirma Bottag Anstalt, die Schweickert über einen Treuhänder installiert haben soll - Preisvorteil: 90 000 Mark. Auch die damaligen BBV-Vorstände Wolfgang Werner und Heinz Scheller freuten sich über 500 Billigaktien, der Prokurist und spätere Finanzvorstand Josef Dinauer immerhin noch über 200. Der Fakt sei »nicht zu leugnen«, konstatiert Dinauer und will den kulanten Kauf als »persönliche Geste« des Verkäufers verstanden haben.
Zu einer persönlichen Geste ähnlicher Art sah sich auch die frisch gegründete Leasing-Gesellschaft BBV Finanz GmbH 1990 veranlasst, an der die BBV 41 Prozent hielt. Als Firmensitz in repräsentativer Lage konvenierte just ein Haus aus Schweickerts Privatvermögen an der Rugendasstraße im Münchner Stadtteil Solln. Bis heute tappt die BBV im Dunkeln, wie hoch die Miete für das Objekt ihres inzwischen entlassenen Vorsitzenden war.
Was man von dem Vorgang zu halten hat, weiß Konzernsprecher Peter Nützel heute immerhin: »Das war saublöd.« JÜRGEN DAHLKAMP,
FELIX KURZ,WILFRIED VOIGT