Personalrochaden Dax-Chefs auf dem Schleudersitz
Hamburg - Was ist bloß los bei Deutschlands Topkonzernen? Nie zuvor wurden Spitzenmanager großer Unternehmen so schnell vor die Tür gesetzt wie derzeit. Der bisherige Chef der größten europäischen Telekommunikationsfirma beispielsweise, Kai-Uwe Ricke, wurde quasi am Wochenende bei der Deutschen Telekom rausgeworfen. Und Bernd Pischetsrieder, gut vier Jahre lang Lenker von Volkswagen , wurde sogar gefeuert, bevor er seinen gerade verlängerten Vertrag überhaupt antreten konnte. Auch VW-Markenchef Wolfgang Bernhard dürfte ihm bald folgen - allerdings will der wohl freiwillig gehen, weil er mit dem wahrscheinlichen Pischetsrieder-Nachfolger Martin Winterkorn nicht klarkommt.
Das hat es bei einem deutschen Dax -Unternehmen noch nie gegeben - und Jahrzehnte währende Laufbahnen wie sie einst beispielsweise der langjährige Chef der Münchener Rück erlebte, scheint es nicht mehr zu geben. Hans-Jürgen Schinzler war über 35 Jahre lang in der Rückversicherung beschäftigt. Aus und vorbei.
"Die großen Konzerne der Bundesrepublik haben einen tiefen Wandel hinter sich, sie orientieren sich mehr und mehr an ihren Kapitalgebern", sagt Professor Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanzzentrums und Forschungsprofessor am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW). "Und die nehmen immer weniger Rücksicht auf zähe Konzernentwicklungen", ergänzt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
Das kann man wohl sagen. Hinter verschlossenen Türen haben beispielsweise die Großaktionäre der Deutschen Telekom immer drängender neues Personal an der Telekom-Spitze gefordert. Die amerikanische Investorengruppe Blackstone war nach Angaben aus Konzernkreisen besonders unzufrieden. Sie hatte sich unlängst mit etwa 4,5 Prozent an dem Bonner Konzern beteiligt, doch das Engagement entwickelte sich alles andere als planmäßig: Blackstone musste bisher offenbar einen kräftigen und viele Millionen Euro schweren Wertverlust seines Telekom-Aktienpakets hinnehmen, weil der Kurs T-Aktie immer weiter absackte. Entsprechend schlecht dürften die Amerikaner auf Telekom-Ex-Chef Ricke zu sprechen gewesen sein.
Dass Dax-Vorstandschefs heute schneller ihren Posten verlieren als einfache Angestellte und Arbeiter, liegt allerdings auch an den notwendigerweise zerfasernden Netzwerken deutscher Firmen untereinander. Die Monopolkommission beispielsweise hat festgestellt, dass die Kapitalverflechtungen zwischen den führenden Industriekonzernen und Banken Deutschlands immer lockererer werden. Der Abgesang des rheinischen Kapitalimus also, bei dem jeder jedem unter die Arme griff nach dem Motte: "Man kennt sisch, man hilft sisch."
Das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hat einmal nachgezählt: Vor zehn Jahren habe es noch 143 Querverbindungen zwischen den bedeutendsten deutschen Konzernen und führenden Banken des Landes gegeben, mittlerweile seien es nicht mal mehr 60. Auf die Unterstützung ihrer Vorstandsfreunde aus anderen Unternehmen können sich die Dax-Topmanager deshalb immer weniger verlassen. Die lang überfällige Öffnung nach außen ist schuld an den veränderten Verhältnissen. Statt deutscher Freunde haben die Chefs jetzt immer mehr ausländischen Großanlegern im Rücken - und die setzen die Vorstände der Dax-Unternehmen gehörig unter Druck.
"Kapitalanleger machen ihren Einfluss in den Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, immer deutlicher geltend", sagt Finanzprofessor Gerke. Denn sie sind ihren eigenen Geldgebern gegenüber ebenfalls Rechenschaft schuldig." Und der Erfolg der Profianleger lässt sich anhand ihrer eigenen Rendite leicht nachrechnen. Gerke hat es miterlebt: Als Mitglied des Börsenrates der Frankfurter Wertpapierbörse musste er mit ansehen, wie Fonds sogar die Übernahmepläne des Dax-Unternehmens Deutsche Börse für die London Stock Exchange torpedierten - und das dafür vorgesehene Geld als Sonderausschüttung zugunsten der Aktionäre reklamierten, also zum Teil für sich selbst. Der ehemalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, musste schließlich seinen Sessel räumen. Immerhin kann er sich jetzt ganz seinem Hobby widmen, dem Jazz.
Die neue Rücksicht auf die Besitzer im Hintergrund der Firmen passt vielen nicht. Immer wieder wird Kritik laut, dadurch verlören viele Manager den Blick für langfristige Strategien und auf die eigentlichen Unternehmenswerte.
Wider das eigene Glaubensbekenntnis
Genau das aber ist es, was die Geldanlagebranche den Anlegern seit Jahren predigt - allein die langfristige Geldanlage sei in der Lage, das Rentenloch und andere Widrigkeiten zu stopfen. Zumindest bei den Investmentfonds gehört so ein Mantra zum guten Ton der Kommunikation. Ein Widerspruch in sich? Wohl kaum. Denn erst mit den kurzfristigen Renditesprüngen, die die Großinvestoren bei Personalrochaden erzielen können, locken sie weitere Anleger in ihre Produkte oder machen auf sich aufmerksam. Und erst dann verdienen sie das große Geld. Insofern dürfte der Trend zum schnellen Wechsel weitergehen - er muss weitergehen, damit die Branche Geld verdient. Besonders deutlich zu sehen ist das an den Private-Equity-Fonds, die von vornherein nur einen kurzen Zeithorizont anpeilen und entsprechend schnell ungeduldig werden, wenn ihre Beteiligungen die Renditeziele nicht erfüllen.
Deutsche Unternehmen und ihre Willfährigkeit gegenüber den Investoren liegen also voll im Trend. Auf Billigung stößt das Verhalten dennoch nicht überall. Fondsmanager Dave Dudding von Threadneedle macht bei Volkswagen ein "Problem mit der Corporate Governance" aus. Und immerhin war es das ehrwürdige "Wall Street Journal", das vergangene Woche vor lauter Verwirrung über die Ränkespiele bei Volkswagen berichtete - und die Fotos von Bernd Pischetsrieder und Wolfgang Bernhard verwechselte.