Pharma-Industrie: Der Reibach mit der Pockenangst - DER SPIEGEL
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Pharma-Industrie Der Reibach mit der Pockenangst

Die Furcht vor Terroranschlägen mit Pockenviren beschert Pharmaherstellern ein unerwartetes Zusatzgeschäft. Sogar Impfstoffe, die 30 Jahre lang im Lager ruhten, sind heiß begehrt. Branchenbeobachter glauben, dass die Bundesregierung die Uralt-Restbestände gekauft hat, statt zu moderneren Mitteln zu greifen. Das Gesundheitsministerium schweigt.
Von Domenika Ahlrichs
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



Berlin - Beim Pharmaproduzenten Berna Biotech kommt nichts weg. Fast drei Jahrzehnte lang lagerte die Schweizer Firma Impfstoffe gegen Pockenviren. Gebraucht hat sie niemand mehr, seit 1976 gilt das tödliche Virus weltweit als ausgerottet. Dann kam der 11. September - und mit ihm die Angst vor terroristischen Anschlägen mit Biowaffen.

Plötzlich wollten alle Pocken-Impfstoffe haben. Berna Biotech öffnete seine Lager. Allein im Jahr 2001, sagt Firmensprechers Marcel Jacobs, verkaufte das Unternehmen Restbestände im Wert von rund 104 Millionen Euro. Im folgenden Jahr ging die Nachfrage etwas zurück, doch Berna Biotech machte immer noch rund 14 Millionen Euro Gewinn. Nun beschert der drohende Irak-Krieg den Schweizern eine Finanzspritze. Für knapp 48 Millionen Euro sollen die restlichen Pocken-Impfstoffe verkauft werden. Entsprechende Verträge mit den Regierungen mehrerer Länder bestehen.

"Für uns war das nur ein Nebengeschäft", sagte Jacobs. Eigentlich verdient Berna Biotech sein Geld mit Impfstoffen gegen Hepatitis. Und so werden sie auch nach dem Abverkauf der Restbestände nicht weiter von der gestiegenen Nachfrage nach Pocken-Impfstoff profitieren. Nach mehr als 20 Jahren wollen sie die Produktion nicht wieder aufnehmen. Der Forschungsrückstand sei zu groß, sagt Jacobs. Der Aktienkurs brach im Juli 2001 ein und stagniert seitdem auf niedrigem Niveau.

Neue Mittel mit weniger starken Nebenwirkungen

Wer Aktien der dänisch-deutschen Pharmafirma Bavarian Nordic hält, hat es da besser. Mitte Dezember 2002 stieg der Kurs sprunghaft um mehr als 40 Prozent und hielt sich dort. Grund dafür könnte ein Auftrag der Bundesregierung über elf Millionen Dosen des in Europa üblichen Pockenmittels Elstree sein. Die stellt der Juniorpartner des Unternehmens, das Impfstoffwerk Dessau-Tornau, derzeit her. Zudem hat die deutsche Regierung eine Million Einheiten des Schutzstoffes MVA (Modified Vaccinia Ankara) geordert, ein so genannter Vorimpfstoff, der die starken Nebenwirkungen des herkömmlichen Mittels mindern kann.

Bavarian Nordic hofft auf einen lukrativen Anschlussauftrag des Bundes: Bis Ende 2003 will Deutschland seine Notfallreserve an Pockenimpfstoff auf 100 Millionen Einheiten aufstocken, ein Geschäft im dreistelligen Euro-Bereich. Ein solcher Auftrag ruft die Konkurrenz auf den Plan. Auch das britische Biotech-Unternehmen Acambis und der US-Konzern Baxter - die Pockenmittel-Lieferanten der USA, die amerikanische Firma VaxGen und das französisch-deutsch-amerikanisch Unternehmen Aventis Pasteur MSD buhlen um den Großauftrag. Andreas Hartmann, Direktor von Bavarian Nordic, ist zuversichtlich: "Wir haben sehr gute Chancen." Immerhin liefere sein Unternehmen schon einen Teil der geplanten Menge.

Möglicherweise sieht er seine Chancen zu optimistisch. 24 Millionen Dosen sind bereits aus anderer Quelle an die Bundesregierung gegangen, weitere 30 Millionen bis Anfang April bestellt. Über die genaue Herkunft des Pockenmittels schweigt das Bundesgesundheitsministerium jedoch. Eine Sprecherin bestätigt: "Die waren vorhanden, und wir haben sie genommen. Wir stecken mitten in Verhandlungen über restliche Chargen."

"Wir hätten Deutschland mit neuer Ware beliefert"

Beobachter glauben nun, dass die Bundesregierung den Impfstoff aus den Uralt-Beständen von Berna Biotech bezieht. Unternehmenssprecher Jacobs will das nicht bestätigen. Für Gert Barysch, Vertriebsleiter im Impfstoffwerk Dessau-Tornau, ist die Sache klar. Die Bundesregierung habe sich "aus Uraltbeständen aus der Schweiz" eingedeckt, sagt er und moniert: "Hätten die sich früher entschieden, hätten wir eher mit der Produktion anfangen können und Deutschland mit neuer statt alter Ware beliefern."

Monatelang stritten Bund und Länder um den Kauf von Pockenmitteln. Der Bund argumentierte, eventuelle Notfall-Impfungen seien Aufgabe des Katastrophenschutzes, also Sache der Länder. Die ihrerseits verwiesen auf den Zivilschutz - und für den ist der Bund zuständig. In Kürze soll es eine Einigung geben. Für die bis April garantierte Aufstockung der Notfallreserven auf 65 Millionen Dosen kommt vorläufig die Bundesregierung auf.

Bavarian Nordic hofft auf eine baldige Entscheidung über die restlichen Impfstoff-Einheiten. "Deutschland würde mit absoluter Priorität behandelt", versichert Direktor Hartmann. Griechenland und Großbritannien haben bei ihm schon Pockenmittel bestellt, zehn weitere Länder stehen auf der Warteliste. Die würde er für den deutschen Auftrag "hinten an stellen." Doch auch ohne ihn rechnet der Vorstand im laufenden Jahr mit einer Umsatzsteigerung von 20 Millionen Euro (2002) auf 70 Millionen Euro.

Mit den Gewinnen will das Unternehmen das als Vorimpfstoff gehandelte Pockenmittel MVA weiterentwickeln. Im Gegensatz zum älteren Elstree, das den Körper stark belastet und in Ausnahmefällen zum Tod führt, hat das neuartige MVA fast keine Nebenwirkungen und wirkt zusätzlich gegen andere Krankheiten, etwa die lebensbedrohliche Tropenkrankheit Dengue-Fieber. Erste klinische Studien sind bereits abgeschlossen, die Zulassung in greifbarer Nähe. Zu spät jedoch, um auf der Welle der Terrorangst mitzuschwimmen.