Piëch vor Gericht Locker, lässig, gut gelaunt
Braunschweig - An seinem Wohnort Salzburg braucht Ferdinand Piëch keinen Personenschützer. Auf diese Feststellung legt der Aufsichtsratsvorsitzende von Volkswagen heute vor dem Braunschweiger Landgericht Wert.
Wenige Minuten zuvor hatten er und sein Anwalt Matthias Prinz sich mit Hilfe eines Personenschützers durch eine Horde Kamerateams und Fotografen gekämpft, um überhaupt in das Gebäude zu kommen. Dort sagte der starke Mann des Wolfsburger Autokonzerns als Zeuge im VW-Prozess um Lustreisen aus. Beteiligte und Zuschauer erlebten einen entspannten, gut gelaunten Piëch, der jede Mitwisserschaft vehement von sich wies.
Lässig sitzt Piëch auf dem Zeugenstuhl im Gerichtssaal 141. Dort hatten noch einen Tag zuvor drei nervöse frühere Sekretärinnen des angeklagten Ex-Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer ausführlich über schlüpfrige Details des "Systems VW" berichtet. Piëch wirkt nicht nervös. Auf die Fragen des Gerichts antwortet er ruhig.
Er berichtet von der Situation des damals schwer angeschlagenen Konzerns, als er am "2. Jänner 1993" Konzernchef wurde. Allein in Niedersachsen habe es einen "Personalüberhang" von 30.000 Mitarbeitern gegeben. Von den umstrittenen Lustreisen vorerst kein Wort.
"Keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten"
Zunächst schildert Piëch die von ihm vorangetriebene Sanierung des Konzerns. Der 70-Jährige berichtet von der "Idee der Vier-Tage-Woche" des damaligen Personalvorstands Peter Hartz und lobt dessen Arbeit in den höchsten Tönen.
Erst danach kommt er auf das "Konto 1860" zu sprechen, über das Gebauer die Lustreisen abgerechnet haben soll. Er habe "keinen Anlass" gehabt, sich je mit dem Konto zu beschäftigen, sagt Piëch. Bei VW gebe es 6000 bis 7000 Konten, außerdem habe es "keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten" gegeben. "Ich kann ihnen mit Sicherheit sagen, dass ein Konzernvorstand sich um Kostenstellen dieser Größenordnung nicht kümmert."
Auf die Frage des Gerichts, ob er von der brasilianischen Freundin des damaligen VW-Betriebsratschefs Klaus Volkert gewusst habe, sagt Piëch: "Es gab Gerüchte. Ich gehe privaten Gerüchten nicht nach." Dass Volkerts Geliebte ihren Lebensunterhalt auf Kosten von VW bestritt, habe er nicht gewusst.
"Hätte ich davon gewusst, hätte ich es vehement bekämpft." In einem solchen Fall hätte er die Revision eingeschaltet, die "Polizei" bei VW, wie Piëch es nennt. Sämtliche Unregelmäßigkeiten "verwerfe ich sehr", fügt er hinzu.
Die Anwälte der beiden Angeklagten, Wolfgang Kubicki und Johann Schwenn, nehmen Piëch immer stärker in die Mangel. Was wusste er wirklich? Sie hoffen, dem Patriarchen ein Detail zu entlocken, das ihre Mandanten entlasten würde. Doch je länger sie Piëch befragen, desto lockerer wird er.
Treffen mit Volkert nur einmal pro Jahr
Um die Besoldung der Betriebsräte habe er sich zu keiner Zeit gekümmert, sagt der Zeuge selbstbewusst. Es könne durchaus sein, dass ihn Betriebsratschef Klaus Volkert wegen einer Erhöhung seiner Bezüge angesprochen habe. In so einem Fall hätte er ihn aber an Hartz verwiesen. Er wisse nur eins: Hartz habe ihn, Piëch, darauf angesprochen, ob er etwas gegen eine Anhebung der Bezüge Volkerts habe. "Ich hatte nichts dagegen", sagt Piëch vor Gericht.
Details seien ihm aber nicht bekannt gewesen. Zur Zusammenarbeit mit dem damaligen Betriebsratschef sagt Piëch, er habe etwa "ein Mal im Jahr" ein ungefähr einstündiges Gespräch mit Volkert geführt. "Sein Büro ist zwei Kilometer von meinem entfernt gewesen."
Was Piëch getan hätte, wenn er von den Unregelmäßigkeiten gewusst hätte, will Anwalt Kubicki wissen. Er hätte den Beschuldigten "ein gutes Zeugnis gegeben und sie zum Mitbewerber geschickt", antwortet Piëch, das linke Bein lässig auf den Aktenkoffer unter dem Zeugentisch gelegt.
Der Prozess wird heute Nachmittag mit der Zeugenbefragung des damaligen VW-Finanzvorstandes Jens Neumann fortgesetzt. Der nächste Prozesstag ist für den 15. Januar geplant. Piëch kann sich vorerst beruhigt zurücklehnen.
Daniel Staffen-Quandt, ddp