Pierer-Abgang: Spät, zaudernd, unglaubwürdig - DER SPIEGEL
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Pierer-Abgang Spät, zaudernd, unglaubwürdig

Heinrich von Pierer blieb viel zu lange auf seinem Sessel als Aufsichtsratschef kleben. Das ist schlecht für Siemens. Schlimmer noch: Es ist schlecht für die Kultur der Konzernführung in Deutschland, kritisiert Andreas Nölting.
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Hamburg - Und dann ging alles ganz schnell. In der vergangenen Nacht erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer nun doch seinen Rücktritt von der Kontrollspitze des Siemens-Konzerns  . Er wolle damit einen Beitrag leisten, um Siemens allmählich wieder aus den Schlagzeilen und in ruhigeres Fahrwasser zu bringen, teilte von Pierer lapidar mit. Eine persönliche Verantwortung für die Schmiergeldaffäre trage er allerdings nicht.

Endlich, atmen viele Börsianer und Beobachter erleichtert auf; die Siemens-Aktie sprang sogleich um über 3,5 Prozent nach oben. Denn eines ist in der unsäglichen Siemens-Affäre der vergangenen Monate immer deutlicher geworden: Mit von Pierer an der Spitze hätte der Münchener Konzern keinen echten Neuanfang wagen können. Von Pierer war schließlich von 1992 bis Januar 2005 Vorstandschef und wechselte dann wie selbstverständlich an die Spitze des Aufsichtsrats. Wie solle ein Kontrolleur glaubhaft einen Skandal um schwarze Kassen und Schmiergelder aufklären, der in seiner Zeit als Chef kulminierte - das war die entscheidende Frage, die von Pierer nicht beantworten konnte.

Schade nur, dass es offenbar erheblichen Druck anderer Aufsichtsräte bedurfte, ehe von Pierer die Ausweglosigkeit seiner Lage erkannte und den überfälligen Schnitt vollzog. Der Münchener Topmanager ist ja nicht schließlich irgendwer. Von Pierer war über Jahre einer der Spitzenmanager der Republik, tief verdrahtet in der Bundespolitik, mit besten Kontakten zu Kanzlerin Angela Merkel, gar zeitweise als Bundespräsident im Gespräch und Chefrepräsentant der deutschen Wirtschaft im Ausland.

Bärendienst für die Corporate Governance

So hat sich von Pierer mit seinem späten Rücktritt keinen Gefallen getan. Denn was bleibt, ist das unschöne Bild eines Managers, der zu lange auf seinem Sessel kleben blieb. Schlimmer noch: Von Pierer hat der Corporate Governance in Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Er wird nun als Prototyp des unsäglichen Mechanismus in die Lehrbücher eingehen, dass abgedankte Vorstandschefs wie selbstverständlich an die Aufsichtsratsspitze wechseln.

Diesen Mechanismus machen viele Experten der Unternehmenskontrolle dafür verantwortlich, dass die Qualität der Aufsicht in deutschen Konzernen im internationalen Vergleich so schlecht abschneidet. Denn warum sollte ein Aufsichtsratsvorsitzender in seinem neuen Amt mit aller Vehemenz strategische Fehler bereinigen, die er in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender gemacht hat? Er würde sich damit nur selbst demontieren.

Ob der amtierende Siemens-Chef Klaus Kleinfeld nun gestärkt aus der Affäre hervorgeht, wird sich zeigen. Zwar wurde Kleinfeld bisher nie direkt mit den Skandalen in Verbindung gebracht - er hat viele Jahre in den USA verbracht - und er könnte künftig von der Glaubwürdigkeit des neuen Oberkontrolleurs und Vorsitzenden der Corporate-Governance-Kommission, Gerhard Cromme, profitieren.

Und doch - so ist aus dem Aufsichtsrat zu hören - gibt es bei den Kapitalvertretern Stimmen, die einen radikalen Neuanfang mit einem neuen Siemens-Chef einfordern.