Pierers Abgang bei Siemens "Note sehr gut mit Stern"
München - Siemens hat im Quartal damit ein Gewinnplus von 38 Prozent hingelegt. "Ich gehe mit gutem Gefühl", sagte von Pierer auf der Hauptversammlung dazu. Seinem Nachfolger trug der 64-jährige auf, den Erfolgsweg fortzusetzen.
Die rund 11.500 Aktionäre auf der Hauptversammlung spendeten Pierer denn auch langen Applaus. "Note sehr gut mit Stern" stellte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz aus. "Siemens ist heute in vielen Bereichen ein Vorbild. Das ist Ihr Verdienst." Dass der scheidende Siemens-Chef auch einige Baustellen hinterlässt, bezeichnete die kritische Aktionärsschützerin als normal.
Seit seinem Amtsantritt im Oktober 1992 konnte Pierer den Umsatz Elektromultis fast verdoppeln, den Gewinn vervierfachen und den Aktienkurs kontinuierlich nach oben schrauben. Im ersten Quartal des Geschäftsjahr 2005, das am 1. Oktober begonnen hatte, legten die meisten der 13 Siemens-Sparten weiter zu: Das operative Ergebnis stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fünf Prozent auf 21,5 Milliarden Euro. Die größten Gewinne warfen die Automatisierungssparte ab und - trotz Einbrüchen - die Bereiche Medizintechnik und Kraftwerk. Der Umsatz gab aber leicht nach auf 18,2 Milliarden Euro.
Panne vermieste Handy-Geschäft zu Weihnachten
Kleinfeld muss aber vor allem im Handy-Geschäft anpacken, das noch tiefer in die Verluste rutschte. Eine Softwarepanne vermieste Siemens das Weihnachtsgeschäft. Die Sanierung dürfe aber "nicht mit der Brechstange" erfolgen, mahnte Pierer und deutete an, dass das Geschäft mit Mobiltelefonen vorerst nicht aufgegeben wird. Werte wie gute Mitarbeiter und eine starke Marke müssten erhalten bleiben. Sorgen bereitete zuletzt auch der IT-Dienstleister SBS, der als einziger Bereich rote Zahlen schrieb. Die Bahntechnik-Sparte konnte die Probleme mit Combino-Straßenbahnen weitgehend lösen.
Pierer bedauerte ein wenig, den Konzern nicht "besenrein" übergeben zu können. In seinen Jahren als Vorstandschef hatte der promovierte Jurist und Volkswirt die einst träge Traditionsfirma konsequent umgebaut. Er restrukturierte und bündelte das aus hunderten Einzelteilen bestehende Unternehmen, dessen Produktpalette von Turbinen über Elektronik fürs Auto bis hin zu Glühbirnen reicht. Pierer schickte die krisenanfälligen Töchter Infineon und Epcos an die Börse und trimmte die 13 verbliebenen Sparten auf Rendite. Außerdem sparte er kräftig, etwa durch Verlagerungen in Niedriglohnländer und Verbesserungen der Produktivität.
Heute zählt Siemens zu den größten Elektrokonzernen der Welt und ist in vielen Feldern Technologieführer. "Das Unternehmen ist globaler geworden, wettbewerbsfähiger und profitabler" lobte Aktionärsschützerin Bergdolt, die in einer vergangenen Schwächephase einmal Pierers Rücktritt gefordert hatte.
Wegen der überragenden Erfolge des scheidenden Vorstandschef waren die meisten Aktionäre auch mit seinem Plan einverstanden, direkt an die Spitze des Aufsichtsrats zu wechseln. Dort will er zurückhaltend Kontrolle über seinen Ziehsohn Kleinfeld ausüben und Rat geben. "Ich habe auf keinen Fall vor, den Ersatzvorstand zu spielen."
"Für meine Gegner brechen schlechte Zeiten an"
Außerdem freue er sich, künftig mehr Freizeit zu haben, verriet Pierer. Er wolle sich häufiger in seiner Heimatstadt Erlangen aufhalten, wo er lange als CSU-Stadtrat tätig war und in der Seniorenmannschaft Tennis spielt. "Für meine Gegner fangen jetzt schlechte Zeiten an", drohte Pierer unlängst in einem Interview.
Seine sonntägliche Tennisrunde ließ Pierer am vergangenen Wochenende extra ausfallen, weil er mit der Gewerkschaft über flexiblere Arbeitszeiten verhandelte. Er habe das erste Mal in seinem Leben einen Tarifvertrag unterschrieben. "Das war nach 35 Jahren im Konzern nochmal ein neues Gefühl." Pierer freute sich über einen weiteren Schritt zur Flexibilisierung. "Jeder Arbeitsplatz in Deutschland ist uns wichtig. Wir kämpfen darum."
Bei allen Beschäftigten war Pierer trotz seiner langen Amtszeit nicht bekannt, wie er an seinem letzten Arbeitstag als Vorstandschef erzählte. Auf seine Mail an die Mitarbeiter zum Jahresende habe er aus China die Antwort erhalten: "Danke für die netten Weihnachtsgrüße. Aber wer sind Sie?" Pierer schrieb knapp zurück: "Ich bin Ihr Vorstandsvorsitzender."
Irene Preisinger, AP