Pipeline-Geschacher Öl-Schlagader durchs Verliererland
Die Geschichte dieser Pipeline ist die Geschichte jedes Menschen, der in ihrer Nähe lebt, des Fischers Selçuk in der Türkei, des Rentners Islamidse in Georgien oder der Schülerin Konul in Aserbaidschan, 17 Jahre alt, schlank und schmal, mit einer Haut, die zur Röte neigt, bei großer Hitze, Scham oder Stolz. "Konul ist die Schönste", sagen die Jungs aus Sangachal, aber obwohl sie es schon so oft gehört hat, wird Konul Mamedowa noch immer rot und blickt zu Boden, damit der Pony nach vorn fallen und sich vor ihr Gesicht hängen kann wie eine zerschlissene Gardine. Wenn sie morgens durch die staubige Straße vom Haus ihrer Eltern zum Kindergarten hinüberläuft, wo sie arbeitet, warten die Jungs schon an der Ecke, aber sie warten vergeblich, denn Konul will irgendwann dahin, wo diese Jungs nie sein werden. Sie will hinaus aus Sangachal. Sie hat nur den Weg noch nicht gefunden.
Der Kindergarten, in dem sie arbeitet, ist ganz neu, es riecht darin nach Holz und frischer Farbe, und dass es ihn gibt, hat mit der Pipeline zu tun. Der Ölkonzern BP hat viel Geld gegeben für den Umbau. Sie haben jetzt in den Fluren neue Haken für die Anoraks, ein Heizbrenner glüht, und alle Kindergärtnerinnen, auch Konul Mamedowa, tragen Kittel, so grün wie das Grün auf den Emblemen von BP. "Der Kindergarten ist schön geworden", sagt Konul. Aber es ist eben nur der Kindergarten, der schön ist. Konul Mamedowa sucht ihre festen Schuhe und einen warmen Mantel. Der vom Regen matschig gewordene Sandboden seufzt bei jedem Schritt, als sie die Straße entlanggeht, hinein in diese kleine graue Stadt.
Links der Laden mit Glühbirnen, dahinter das Krankenhaus von Sangachal. Es hat drei Räume, darin Zinkwannen mit abgeplatztem Lack, Erlenmeyerkolben mit trüben Substanzen, Liegen mit rostigen Scharnieren. Einen Arzt gibt es nicht. Der Arzt kommt nur dienstags, mittwochs und freitags, allerdings nur dann, wenn Dienstag, Mittwoch oder Freitag auf einen geraden Tag im Kalender fallen. Konul geht weiter, zu ihrer alten Schule, in die Turnhalle. Das Volleyballnetz hängt schlaff über einem Feld, aus dem Holzspäne herausschauen. Kein Volleyballer, der ein Spiel unverletzt überstehen kann. Konul Mamedowa ist ein sanftes Mädchen, nicht fähig zu schreien, nicht einmal zu rufen. Sie kann aber sehr entschlossen auch dann klingen, wenn sie flüstert. Sie hatte Hoffnungen, dass sich Sangachal ändern würde, aber Sangachal ist Sangachal geblieben, bis auf den Kindergarten. Sie findet, dass ein sauber gestrichener und halbwegs beheizter Kindergarten nicht Grund genug sein kann, ewig zu bleiben.
Sie hat eine Idee. Im Fernsehen läuft regelmäßig "Yeni Ulduz", die aserbaidschanische Version der Casting-Shows aus dem Westen. Aserbaidschan sucht den Superstar. Da will sie auftreten. Die anderen aus Sangachal sagen: Konul singt wie Shakira. Sie will aber jetzt nichts vorsingen. Es riecht beißend, nebenan ist die Schultoilette, nur ein Loch im Boden mit einer Holzplatte als Sichtschutz davor. Konul Mamedowa wird jetzt ein bisschen rot.
Sangachal ist zwei Kilometer entfernt von den Ölfeldern in Baku, Aserbaidschans Hauptstadt, wo die Fördertürme stehen und man die Pipeline sehen kann, eine Röhre vom Durchmesser 1070 Millimeter. Wandstärke: bis 25,8 Millimeter. Lebensdauer: geschätzt 40 Jahre. Die Röhre senkt sich in den Boden, danach sieht man sie nicht mehr, bis sie sich 1700 Kilometer entfernt, im türkischen Hafen Ceyhan, wieder aus dem Boden schraubt. Die Geschichte der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC), eingeweiht im Mai 2005, teilt sich mit in Zahlen. Drei durchquerte Länder: Aserbaidschan, Georgien, Türkei. Zwölf Jahre Planung und Bau. Eine Million Barrel je Tag werden vom Kaspischen Meer an die türkische Küste gepumpt, wo die Pipeline endet und Tankschiffe warten. Sie transportieren das Öl weiter. Öl aus dem Osten für Amerika und den Westen.
Die Geschichte dieser Pipeline scheint irgendwo da draußen zu spielen, in einer weltabgewandten Gegend, wo die Bauern ihre Rüben noch mit Eselskarren abtransportieren. Aber sie hat mit den Menschen auch in Europa zu tun, die dieses Öl brauchen, damit alles brummen kann im Maschinenraum ihrer Konsumgesellschaft. Es ist sicheres Öl, das durch die Pipeline rauscht. Weder Mullahs noch Putin können den Hahn abdrehen. Die das Öl vom Kaspischen Meer wollen, müssen nur bereit sein, mit Ilham Alijew Geschäfte zu machen, dem aserbaidschanischen Präsidenten und autokratischen Sohn seines despotischen Amtsvorgängers Hejdar Alijew, nach dem sie in Aserbaidschan immer noch Schulen, Firmen, Parks nennen und dessen Bild auf meterhohen Bannern an den Häuserwänden hängt.
Transparency International (TI), die Nichtregierungsorganisation, die den internationalen Korruptionsdschungel zu lichten versucht, hat ermittelt, dass gerade in Erdölländern die Einnahmen oft in den Taschen von Mittelsmännern und lokalen Offiziellen verschwinden. 179 Länder listet TI auf, im Jahr 2007 liegt Aserbaidschan auf Platz 150. Aber wer das Öl will, darf gegenüber seinen Geschäftspartnern nicht zu kritisch sein. Die Pipeline ist ein Symbol. Sie verbindet das Kaspische Meer mit dem Mittelmeer. Sie trickst Russen und Iraner aus. Sie ist ein Zug im Schachspiel der Großmächte. "The Grand Chessboard" heißt das Buch eines Mannes, der die Vorarbeit geleistet hat für diese Pipeline: Zbigniew Brzezinski, amerikanischer Politikwissenschaftler mit polnischen Wurzeln, einer der Strategen der amerikanischen Außenpolitik.
"Wir wollen den Menschen sagen, dass diese Pipeline ihre Pipeline ist"
Er war schon in den Siebzigern Sicherheitsberater des Präsidenten Carter und vertiefte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion den Kontakt in den Kaukasus. Brzezinski war der Verbindungsmann zum Regime in Baku, das für seine Zusammenarbeit mit den Amerikanern entsprechend entlohnt wird. Millionen US-Dollar bekommt das Land aus Washington jährlich, die aserbaidschanische Armee wird beraten von amerikanischen Militärexperten. Aserbaidschanische Soldaten sind in Afghanistan und im Irak. Amerikanische Flugzeuge werden bei Flügen nach Afghanistan in Baku betankt. Eine Verbindung ist gewachsen, und jeder soll sie sehen. Bill Clinton setzte den ersten Spatenstich für den Bau der Pipeline. Als sie eingeweiht wurde, war der amerikanische Energieminister Samuel Bodman zu Gast und überbrachte eine Grußbotschaft von Präsident George W. Bush.
Die Schätzungen, wie viel Öl überhaupt zu gewinnen ist in der Region, haben sich im Lauf der Jahre verändert. Während britische Fachleute heute von einer Fördermenge unter 50 Milliarden Barrel Öl ausgehen, hatte das US-Energieministerium in der Planungsphase von einem Volumen von bis zu 240 Milliarden Barrel gesprochen, fast so viel wie die Vorräte von Saudi-Arabien. Ein Bluff, um Zweifelnde im eigenen Land von der Notwendigkeit der enormen Investitionen für den Pipelinebau zu überzeugen. "Die Amerikaner wollten Russland zuvorkommen und die Ausweitung des russischen Einflusses erschweren", sagt der Journalist Steve Levine vom "Wall Street Journal". "Ich weiß nicht, bis zu welchem Grad sie bewusst übertrieben haben."
Tamam Bajatlis Geschäftsadresse ist die Villa Petrolea in Baku, die Ölvilla. Sie ist Kommunikationsmanagerin des Ölmultis British Petroleum (BP) und weil die Regierungen sich kritischen Fragen zur Pipeline nicht stellen eine Art Verteidigungsministerin des gesamten Projekts. BP, der drittgrößte Ölkonzern der Welt, hält 30,1 Prozent an der Pipeline und ist der führende Partner im Konsortium, dem auch Aserbaidschans staatliche Ölgesellschaft Socar (25 Prozent) angehört, Unocal (USA, 8,9 Prozent) sowie Partner aus Norwegen, der Türkei, Frankreich, Italien und Japan. Der Vortrag, den sie über das soziale Engagement von BP hält, soll informieren und einschüchtern zugleich. Sie hat sich gewappnet mit Zahlen. Zehn Millionen US-Dollar gibt BP für Social Investments, nur im Jahr 2007, nur in Aserbaidschan. 20.000 Jobs sind geschaffen worden entlang der Pipeline. Sie haben Schulen mit Computern ausgestattet, sie haben den Menschen Maschinen hingestellt, mit denen sie Arbeitshandschuhe nähen können. "Wir wollen den Menschen sagen, dass diese Pipeline ihre Pipeline ist."
Tamam Bajatli ist nicht begeistert, wenn Journalisten auf eigenen Wegen die Pipeline entlang reisen; vielleicht finden sie dann Gegenden, wo man all das gerade nicht sieht, keine Handschuhfabriken, keine Krankenhäuser, oder sie entdecken ein Krankenhaus wie das in Sangachal. Dann muss sie Stellung nehmen, auch zu Problemen, für die BP nichts kann, sondern die, wie sie sagt, in den Verantwortungsbereich der Regierungen fallen. Die Regierungen müssen auch etwas tun. Sie sagt jetzt nicht, ob sie es ausreichend findet, was die Regierungen tun. Den Einwand, ob es nicht grundsätzlich hinterfragenswert sei, mit Regimes wie dem in Aserbaidschan zusammenzuarbeiten, die in den Korruptionslisten ganz oben stehen, oder wie in Georgien, die Demonstranten zusammenknüppeln, überhört sie mit kühler Routine. Dass BP Geld verdienen wolle, sei kein Verbrechen; sie sehe ihr Unternehmen nicht als den Schurken im Spiel. Es sei die Frage, ob es Schurken überhaupt gebe. Sie könne keine erkennen. Auf ihrer Visitenkarte ist das Logo von BP. Eine grün-gelbe Sonne, die einer dieser Blumen ähnelt, die es in den Siebzigern als Aufkleber auf Spülmittelflaschen gab.
Majis Gulalijew hat sein Büro in der Mirgasimow-Straße, auf seiner Visitenkarte ist auch eine grün-gelbe Sonne, das Symbol der Partei der Grünen in Aserbaidschan, deren bekanntestes Mitglied er ist. Mehr als die Sonne auf ihren Visitenkarten verbindet die beiden nicht. Für Tamam Bajatli ist die Pipeline ein Segen. Für Majis Gulalijew ist sie die Pest.
Der Oppositionspolitiker Gulalijew weiß, was sie reden bei BP und bei der Regierung. "Es klingt so, als würden sie sich für den Friedensnobelpreis bewerben." Er hält das für Propaganda. "Der Kindergarten: Da werden immer die Fernsehteams durchgeschleift, damit schöne Bilder herauskommen. Aber dass es den Kindergarten gibt, sagt doch gar nichts." Eine Milliarde US-Dollar Einnahmen im Jahr verspricht sich die Regierung in Aserbaidschan, gemessen daran ist es zynisch wenig, was BP für soziale Einrichtungen gibt. Aber, das sagt auch Gulalijew, von BP kommt wenigstens etwas, die haben ja einen Ruf zu verlieren. BP will ein menschenfreundlicher Konzern sein. Aber die Regierung? Gegen die Regierung kann man nichts tun, sagt der Mann, an dem alles grau ist, alles bis auf seine grüne Krawatte. "Fahren Sie übers Land, schauen Sie sich die Verzweifelten an. Man kann mit ihnen machen, was man will. Sie haben nicht die Kraft, sich zu widersetzen. Sie haben nicht die Bildung."
Die Welt ist nicht genug
Er hat davon gehört, dass für einen James-Bond-Film ein paar Actionszenen in Baku gedreht wurden, auf den Ölfeldern. Gulalijew hat ihn nicht gesehen, er mag die Amerikaner nicht und auch nicht ihre Filme. Aber er findet den Titel des Filmes passend, um die Skrupellosigkeit zu beschreiben, mit der sie paktieren mit den Mächtigen in Aserbaidschan. Der Film heißt "Die Welt ist nicht genug".
Wenn man in die Dörfer fährt, Richtung Georgien, sieht man nur da und dort einen Stecken mit einer Kennziffer aus dem Boden ragen; ein Hinweis darauf, dass hier die Pipeline verläuft. Polizeipferde traben entlang der Ackerfurche, es ist ein paradoxes Bild. Ein Jahrhundertprojekt, ein geopolitisches Symbol wird bewacht von einem Polizisten, der mit krummem Rücken auf seinem Pferd sitzt, von Zeit zu Zeit in die Umgebung spähend, gelegentlich rauchend. Es ist auch ein trügerisches Bild. Seit Jahren gibt es ein Projekt, einen Geheimplan, der sich "Caspian Guard" nennt. Schutztruppen, gebildet aus amerikanischen, aserbaidschanischen, georgischen und türkischen Soldaten, sollen die Pipeline bewachen, aber auch Drogenhändler aufspüren und womöglich Aktivisten von Terrorgruppen wie al-Qaida, die sich in georgischen Tälern versteckt haben könnten. Die Pipeline als Bestandteil einer neuen Sicherheitsallianz, als Grundlage eines versteckten Stützpunkts der Amerikaner in sensibler Region.
Dass die Pipeline durch politisch vermintes Gelände führt, vorbei an Berg-Karabach und durch kurdische Regionen, schien das Bedürfnis nach Bewachung noch zu erhöhen. Von einer 120.000 Mann starken Armee war vor Jahren die Rede, inzwischen spricht um das Verhältnis mit Russland nicht noch weiter zu belasten kaum einer offen über das "Caspian Guard"-Programm und die Frage, ob es je über den Status einer Idee hinausgekommen ist. Den Archiven ist vor allem eine Aussage zu entnehmen, ein ausdeutbares Zitat des aserbaidschanischen Außenministers Elmar Mammadjarow, der einst sagte: ""Caspian Guard" soll die Fähigkeit unseres Landes und anderer Staaten am Kaspischen Meer verbessern, Sicherheit zu gewährleisten. Uns geht es nicht darum, dass Drittstaaten hier präsent sind. Aber sie können natürlich helfen."
Mancher Anwohner sieht diese Pferde neuerdings in seinem Vorgarten, wenn er das Pech hat, dass sein Grundstück nur ein paar hundert Meter von der Pipeline entfernt liegt. Die Anwohner fragen nicht, ob die berittenen Wachleute Teil eines Masterplans sind. Ihre Sorgen sind andere. Man sieht Grundbesitzer, deren Grundstück jetzt viel kleiner ist, gekürzt um die Hälfte, weil die Pipeline Platz beansprucht. Man sieht Menschen im Dreck, mit fauligen Zähnen, die auf alle schimpfen, die ihnen das eingebrockt haben. Man sieht nur manchmal einen Mann wie Mehman Gasanow aus dem Dorf Hajali, der seinen Zorn in Worte zu bündeln imstande ist.
Alle Teppiche in seinem Haus sehen aus, als wären sie gerade mit dem Teppichreiniger bearbeitet worden, in allen Vasen stehen frische Blumen. Gasanow ist 41. Seine drei Kinder stehen schweigend bei ihm, seine Frau bringt Tee und Süßigkeiten, sogar Karamellbonbons aus Russland, die guten, sagt sie, mit dem Matrosen auf der Packung. Er hatte zwei Jobs: Hausmeister in der Schule, und auf seinem Grundstück baute er Getreide und Pflanzen an, auch spezielles, saftiges Gras, das man gut an Kühe verfüttern konnte. Er hatte eine Marktlücke entdeckt, Mehman Gasanow war der Mann für das Viehfutter in Hajali.
Die Landreform von 2001 hatte ihn zum Herrn über sein eigenes Reich gemacht.
Als die Pipeline kam, durfte er einen Teil seines Grundstücks nicht mehr bewirtschaften. Er wurde gebraucht für die Röhre. Es sollte Ausgleichszahlungen geben, die Regierung hatte versprochen, großzügig zu sein. Aber Mehman Gasanow fand heraus, dass vor allem diejenigen Geld bekamen, die gute Beziehungen zu den Lokalpolitikern hatten, die anderen bekamen nichts. Mehman Gasanow hat keine guten Beziehungen zu Lokalpolitikern. Wie er da aufrecht auf seinem Stuhl sitzt und der zornige Schnauzbart seinem Gesicht etwas Entschlossenes gibt, erinnert er an Lech Walesa, als der noch kein dicker Machtpolitiker war, sondern Revolutionär, Arbeiterführer auf der Werft in Danzig.
Mehman Gasanow hat sich mit anderen Menschen von Hajali zusammengetan.
Sie waren in Baku, am Sitz der Regierung. Ihre Protestbriefe wurden entgegengenommen, geredet hat mit ihnen keiner. So ging es weiter. Sie suchen nach jemandem, der ihre Geschichte hört, sie wollen das Gewicht ihres Lebens gewürdigt wissen. "Schreiben Sie unsere Geschichte, nennen Sie ruhig meinen Namen." Gasanow spricht wie einer, der nicht mehr viel zu verlieren hat. Mit 14 anderen Familien hat er an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geschrieben. Er wartet auf Antwort. Er weiß, dass Post auch verloren gehen kann. Er lebt in einem Dorf in Aserbaidschan, und es klingt, als spräche er von einer entfernt liegenden Welt, wenn er vom Europäischen Gerichtshof redet.
Es geht ihm gar nicht um Geld, es geht ihm um die Ungerechtigkeit
Er kämpft jetzt schon seit Jahren. Vor Kurzem ist sein Vater gestorben, "er hat den Stress nicht ausgehalten", sagt Mehman Gasanow. Sein Schnauzbart zuckt, er beißt sich auf die Lippe. Er sagt, er verliert 5000 US-Dollar im Jahr, weil sein Land nicht mehr zu gebrauchen ist. Was er gespart hat, wird bald verbraucht sein. Er bringt einen zum Auto, die Kinder sind in der Veranda geblieben, auch die Frau. Er steht jetzt ganz allein am Wagen, und es ist ein Moment, in dem er zulassen kann, dass man sieht, wie ihm die Kraft ausgeht. Mehman Gasanow winkt dem Wagen hinterher. Dann wischt er sich mit der Hand über die Augen.
Die Geschichte dieser Pipeline spielt auf so vielen Ebenen, das macht es schwierig, den Überblick zu behalten, sogar für einen wie Gasanow. Und erst recht für die Bauern, die nicht lesen können und nicht wissen, was ein Gerichtshof ist. Auf dem Land in Aserbaidschan und in Georgien wissen sie nichts davon, dass die USA sich mit der Pipeline eine gute Position verschaffen wollen im Wettlauf um Rohstoffe. Die Bauern kennen nicht Madeleine Albright, die ehemalige amerikanische Außenministerin. Sie haben nichts davon gehört, dass sie in einem Gebiet leben, das von Frau Albright in einer programmatischen Rede zur "geostrategischen Interessenzone der USA" erklärt worden ist. Die Russen haben eigene Interessen in dieser Zone, die sich ihrerseits im Verlauf einer Pipeline spiegeln. Deren Röhre, durch die das Öl von Baku zum Schwarzmeerhafen Noworossisk gepumpt wurde, durchquerte die tschetschenische Hauptstadt Grosny. Nachdem tschetschenische Rebellen mehrere Anschläge auf die Pipeline verübt hatten, wurde sie um Tschetschenien herum verlegt. Seit 2000 verläuft sie durch die autonome Teilrepublik Dagestan. Gleichsam als Absicherung pumpen die Russen seit 2001 Öl auch von Kasachstan nach Noworossisk, durch eine Röhre des Caspian-Pipeline-Konsortiums.
Tetritskaro heißt der Ort, eine halbe Stunde hinter Georgiens Hauptstadt Tiflis, in dem Fjodor Islamidse wohnt, 73 Jahre alt, aus der Ferne sieht er aus wie ein wattehaariger Alter in einem Pariser Bistro. Als die BTC-Pipeline kam, gut 100 Meter weg von seinem Haus, fraßen sich die Bagger in den Boden, vibrierten bei ihm die Wände. Er dachte, es hätte ein Erdbeben gegeben. Er wusste damals nicht, was dort eingegraben wurde, niemand hatte es ihm gesagt. Vielleicht hätte er die Risse in seinen Wänden längst ausbessern lassen, aber von seiner Rente, 45 Lari, umgerechnet 17 Euro, kann er sich das nicht leisten, weil er auch noch monatlich das Gas bezahlen muss, das es wegen der Gaspipeline, die auch hier entlang läuft, jetzt gibt. Gas, das er beziehen muss, für elf Lari im Monat. Er holt einen Ordner, in dem er die Quittungen aufbewahrt. Auf seinem Tisch liegt eine Schachtel, die Verpackung eines Handys. Siemens MC60. Die Schachtel hat er irgendwo gefunden. Sie hat ihm gefallen, weil sie so geheimnisvoll ist. Er kennt das Ding nicht, was auf der Packung abgebildet ist. Niemand im Dorf hat ein Handy, nicht einmal ein altes Telefon. Er bewahrt jetzt Steine darin auf. Daneben liegt ein Taschenkalender von einer Praxis: "Dein Doktor wünscht ein gutes neues Jahr".
Fjodor Islamidse sagt, es geht ihm gar nicht um Geld. Es geht ihm um die Ungerechtigkeit. "Manche kriegen Geld und andere nichts. Und keiner weiß, warum der was kriegt und der nicht." Er sagt, die Leute im Dorf verdächtigen sich gegenseitig, auf krummen Wegen zu Entschädigungen gekommen zu sein, sie zeigen mit Fingern auf die, die etwas bekommen haben. Auf der Straße vor seinem Haus haben sich schon andere Bewohner gesammelt, keifende Frauen, die fragen, warum die Reporter jetzt beim alten Islamidse sind und nicht bei ihnen. "Sehen Sie", sagt Fjodor Islamidse, "jeder, der neu in unser Dorf kommt, macht alle unruhig. Das hat es früher nicht gegeben."
So leben sie, die Menschen in den Dörfern. Mästen mit Brot ein Schwein für ein Festessen. Legen die Äpfel und Birnen in den kältesten Raum, damit sie frisch bleiben. Lauschen in die Richtung, in der die Pipeline liegt. Glauben, das Öl fließen zu hören. Fangen manchmal eine Plastiktüte von einem Supermarkt aus Tiflis: In der Nähe ist eine Müllhalde, und Islamidse sagt, wenn der Wind stark genug ist, treibt er die Tüten vorbei. Er hat schon schöne Tüten gefunden. In seine schönste, eine Krone ist darauf abgebildet, packt er jetzt seine makellosen Birnen, als Geschenk. Majis Gulalijew, der Aktivist aus Aserbaidschan, hatte gesagt: "Eigentlich müssten die Menschen viel entschlossener aufstehen gegen das, was ihnen passiert. Aber sie tun es nicht. Sie haben es nicht in sich. Es widerspricht ihrem Temperament."
Es gab Planungsspiele, die Pipeline auch durch russisches und iranisches Territorium laufen zu lassen. Russland und der Iran sollten ja Zaungäste bleiben jenseits des "neuen Ost-West-Energiekorridors", wie George Bush das Projekt in seinem Grußwort genannt hatte. Die Amerikaner setzten sich mit ihrer Idee der Streckenführung durch. Armenien, mit Russland verbündet, blieb ausgespart, der kürzeste Weg zwischen den Meeren blieb verschlossen, aus geopolitischen Gründen. Strategie war wichtiger als die Natur.
Umweltschützer, etwa vom WWF, fürchten um das Kaspische Meer. Ein Binnenmeer, ökologisch sensibel. Was passiert, wenn Öl ausläuft? In Georgien führt die Röhre durch mehrere Nationalparks, in der Türkei kreuzt sie das Naturschutzgebiet Posof, läuft entlang dem Ardahan-Forst mit seinen Vogelreservaten. Auf ihrem Weg muss sie die Nordanatolische Spalte überwinden, ein von Erdbeben bedrohtes Gebiet, sie liegt im Taurusgebirge auf 2800 Höhenmetern. Erdrutsche könnten sie gefährden. Eine Pipeline, die zu Bruch geht, ist eine Katastrophe für das Land. Als 2000 in Brasilien eine Pipeline barst, strömten vier Millionen Liter Rohöl in den Barigui-Fluss. Und gerade ist in Nigeria eine leckgeschlagene Pipeline explodiert. Die Menschen, die eine günstige Gelegenheit erkannt hatten, an der Bruchstelle Öl abzuzapfen, verbrannten.
Gestorben wegen der Tanker, die vorbeikommen um das Öl zu holen
In dem Dorf Krtsanisi haben sie von all dem gehört. Vor dem Haus von David Kadsiani sammeln sich alle, reden von Kopfweh, zeigen auf die Pipeline. Kadsiani, ein Rentner, erzählt, in Amerika sei es doch auch gerade passiert. 80.000 Tote nach der Explosion einer Pipeline. Woher er das weiß? Er hat es gehört, neulich war einer da, ein Franzose, "der hatte einen Franzosenhut auf dem Kopf", und der hat es bestätigt. 80.000 Tote in Amerika, die Frauen stehen dabei und bieten mehr, 100.000 Tote. Die Geschichte der Pipeline verdichtet sich zu einem riesigen Kolportageroman, an dessen Ende für diese Menschen nichts steht als die Angst vor dem, was kommt. Am Ende ist nichts mehr wahr und nichts mehr wichtig.
Wenn das Öl die Pipeline durchquert hat, am Mittelmeer in Ceyhan, Türkei, stehen Tanker bereit, es aufzunehmen. Sie fahren an den kleineren Häfen vorbei, an Buchten wie Yumurtalik. Es gibt dort eine verfallene Hafenmauer, davor schaukeln Fischerbote Bauch an Bauch, denen ihre Besitzer mit weißem Lack Namen aufgepinselt haben, die manchmal ihre eigenen Namen sind.
Hasan Arda. Furkan Deniz. Ilker Kaptan. Yumurtalik, sagen die Fischer, ist gestorben, wegen der Tanker, die jetzt vorbeikommen, um das Öl zu holen. Wegen der Ölreste, die sie verlieren. Umweltschützer unterstützen die Theorie, dass auch wegen der Tanker die Fische aus der Bucht verschwinden. Die Fischer müssen weiter hinausfahren für ihren Fang, sie haben neue, teure, stabilere Netze angeschafft. Je weiter sie hinausfahren, desto mehr Treibstoff brauchen sie, desto mehr müssen sie fangen, um auf ihre Kosten zu kommen.
"Aber wir fangen nichts", sagt Selçuk Cendiz, der Fischer. Die Sonne hat Bräune in seine Haut tätowiert, ein Wollpullover legt sich eng um seinen modellierten Oberkörper. Auch ein Netz, das leer eingeholt wird, stählt Muskeln. Der Fischer sieht aus wie alle anderen hier, eine kleine Armee stillgelegter Menschenkraftwerke.
Die Geschichte dieser Pipeline ist die Geschichte jedes Menschen, der in ihrer Nähe lebt; die Geschichte der Schülerin Konul in Aserbaidschan, des Rentners Islamidse in Georgien, des Fischers Selçuk in Yumurtalik. Manchmal finden sich Bilder, die man am Anfang der Reise gesehen hat, am Ende wieder. Die Fischernetze, die an den Booten hängen, sehen so schlaff aus wie das Volleyballnetz in Konuls verrotteter Turnhalle von Sangachal.
Die Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte, für viele ist es eine Erfolgsgeschichte. Aserbaidschan ist ein verlässlicher Partner des Westens. Georgien will in die EU und sieht seine Chancen nicht verringert wegen der Pipeline. Die Türkei will mit Ceyhan einen Umschlagplatz für Energie etablieren, ein Rotterdam des Mittelmeers.
Am nächsten Tag fahren am Hafen von Yumurtalik ein paar Fischer mit ihren Booten hinaus. Irgendwann kommen sie wieder und steigen aus ihren Booten. Alle rauchen, jeder braucht zwei Päckchen am Tag, denn der Seewind raucht ja mit. Drei Boote waren aufgebrochen, drei sind zurückgekehrt. Die Fischer tragen einen Plastikeimer an Land, in dem sich, der verblassten Aufschrift nach, einmal eine Familienwochenration Joghurt befunden hat. Jetzt transportieren sie darin, was ihnen ins Netz gegangen ist. Sie stellen den Eimer vor dem Eingang der Fischerkneipe ab, die anderen Fischer kommen, und ein knappes Dutzend Schnauzbartgesichter blickt schließlich auf das, was der Tag hergegeben hat.
Die Geschichte teilt sich mit in Zahlen. Im Eimer sind sieben Fische.