Poker um Opel: Finanzinvestor RHJ macht Magna die Favoritenrolle streitig - DER SPIEGEL
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Poker um Opel Finanzinvestor RHJ macht Magna die Favoritenrolle streitig

Bewegung im Poker um Opel: Der Finanzinvestor RHJ entpuppt sich als ernstzunehmender Konkurrent für den Autozulieferer Magna. Bis zum Wochenende wollen die Belgier einen fertigen Vertrag mit General Motors aushandeln - gegen massiven Widerstand aus der Politik.
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Frankfurt am Main/Berlin - Es gilt, noch einmal eine gemeinsame Linie festzuzurren. Am Mittwoch schalten sich die Ministerpräsidenten der vier Bundesländer, in denen es Opel-Standorte gibt, per Telefon kurz. Zwischen Dieter Althaus (Thüringen), Kurt Beck (Rheinland-Pfalz), Roland Koch (Hessen) und Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen) geht es um die jüngsten Entwicklungen in den Opel-Verhandlungen. Vor allem um das plötzlich massiv vorgetragene Interesse des belgischen Finanzinvestors RHJ, den deutschen Autobauer zu übernehmen.

Opel-Produktion in Rüsselsheim: Neue Runde im Poker eröffnet

Opel-Produktion in Rüsselsheim: Neue Runde im Poker eröffnet

Foto: Michael Probst/ AP

Die Ministerpräsidenten halten noch einmal fest: Alle Standorte in den vier Bundesländern müssten erhalten bleiben, es dürfe zu keinen betriebsbedingten Kündigungen kommen und wenn erforderlich, nur zu sozialverträglichem Abbau von Arbeitsplätzen. Und: Nach wie vor werde der kanadisch-österreichische Investor Magna favorisiert. "Das ist alles unstrittig", heißt es auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE im Umfeld der Landesregierungen.

Besonders deutlich brachte es am Mittwoch auch Thomas Steg, Vizesprecher der Bundesregierung, auf den Punkt: Die für die Opel-Rettung zugesagten Staatshilfen würden nur im Falle einer Übernahme durch Magna gezahlt. Sollte ein anderer Bieter zum Zuge kommen, müssten die Zusagen noch einmal geprüft werden.

Doch ist wirklich alles klar? Ist das Rennen tatsächlich schon gelaufen? Vieles spricht dagegen. Im Poker um Opel, der schon so gut wie beendet schien, ist eine neue Runde eröffnet. Aus dem Umfeld des belgischen Investors RHJ heißt es gegenüber SPIEGEL ONLINE, man könne bis Freitag einen unterschriftsreifen Vertrag vorlegen.

Ein paar Stunden nach der Telefonkonferenz der Ministerpräsidenten treffen im Bundeswirtschaftsministerium die Vertreter von RHJ ein, um den federführenden Staatssekretär, Jochen Homann, für ihre Pläne zu gewinnen. Nach dem Termin erklärte Homann, die Brückenfinanzierung für Opel sei keineswegs an Magna gebunden, weder vertraglich noch rechtlich. Damit widersprach der Wirtschaftsstaatssekretär öffentlich dem Regierungssprecher - und eröffnete Raum für neue Spekulationen.

Das Wirtschaftsministerium koordiniert die Gespräche mit allen betroffenen Ländern - auch den europäischen Nachbarn -, die sich an möglichen Staatsgarantien für Opel beteiligen wollen. Vor rund sechs Wochen war der wankende Autobauer zu 65 Prozent auf eine staatlich kontrollierte Treuhandgesellschaft übertragen worden. Ziel ist es, das Unternehmen weitgehend aus dem Noch-Mutterkonzern General Motors (GM)   herauszulösen.

Das RHJ-Angebot scheint attraktiver als das von Magna

Zuletzt schien ein Einstieg des Autozulieferers Magna   so gut wie ausgemacht. In wochenlangen Verhandlungen war der Bieter-Konkurrent Fiat   aus dem Rennen geworfen worden. Bund und Länder hatten Opel einen Kredit von 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Weitere drei Milliarden an Staatsgarantien sollen zur Verfügung stehen. Magna will gemeinsam mit der staatlich kontrollierten russischen Sberbank   bei Opel einsteigen und strebt 20 Prozent an dem Autobauer an. Die Sberbank soll 35 Prozent bekommen. Zehn Prozent soll die Belegschaft übernehmen, 35 Prozent soll GM behalten.

Doch jetzt tritt plötzlich RHJ, ein Ableger des US-Finanzinvestors Ripplewood, auf den Plan - zum zweiten Mal. Ein erstes, bereits verworfenes Angebot wurde nachgebessert: RHJ will jetzt zu 51 Prozent bei Opel einsteigen und will dafür Staatsgarantien über 3,8 Milliarden Euro. Das ist eine Milliarde Euro weniger als früher veranschlagt - und eine dreiviertel Milliarde weniger, als Magna fordert.

Auch sonst wirkt das RHJ-Angebot im Vergleich zur Magna-Offerte attraktiv, zumindest auf den ersten Blick. Die Belgier wollen eventuell verwendete öffentliche Gelder früher zurückzahlen als Magna - bis spätestens 2014. Zudem will Magna 10.000 Stellen streichen, RHJ etwas weniger.

RHJ als Platzhalter für GM?

Doch das Misstrauen gegen den Finanzinvestor ist groß. Der Verdacht: GM werde RHJ als "Steigbügelhalter" benutzen, wie es Opel-Betriebsratschef Klaus Franz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE formuliert. Wenn der Autobauer mit Hilfe üppiger Staatsgarantien erst einmal notdürftig saniert sei, werde GM Opel zurückkaufen - oder das, was dann noch von dem Traditionsunternehmen übrig sein werde. "Das Ziel ist, auf mittelfristige Sicht Fabriken zuzumachen und die Technologie und das neue Werk in Rüsselsheim für GM zu retten", sagt der Arbeiterführer.

Franz hat am Montag mit RHJ-Verhandlungsführer Gerd Häusler über dessen Opel-Pläne gesprochen. Der Kommentar des Betriebsratschefs: "Da sind mehr Fragen aufgekommen als beantwortet wurden." Er könne "kein Finanzierungskonzept erkennen, auch keinen Businessplan".

Die neue Offerte sei wohl vor allem Schönrechnerei. Die Belgier hätten in ihre Berechnungen einfach höhere Verkaufszahlen eingeplant - und geringere Investitionen. Bei der Diskussion um neue Produkte habe Häusler keine konkreten Vorschläge gemacht. "Ein Investor, der mit 51 Prozent eine Firma betreiben will, muss schon mehr auf der Pfanne haben", sagt Franz. Wie viele Finanzinvestoren sei RHJ vor allem auf kurzfristige Gewinne aus.

"Magna dagegen hat sehr konservativ gerechnet." Ein konkretes Konzept liege dem Betriebsrat bereits vor, "das prüfen wir jetzt in allen Details." Es sei aber "absolut zukunftsweisend", sagt Franz schon jetzt.

Auch der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer vermutet, RHJ solle als Strohmann für GM dienen, um den Amerikanern alle Möglichkeiten offen zu halten. Deshalb gebe ein industrieller Bieter wie Magna mehr Zukunftssicherheit.

Im Umfeld von RHJ werden die Vorwürfe zurückgewiesen. RJH sei ein börsennotiertes Unternehmen und denke deshalb langfristig - anders als etwa ein auf kurzfristige Gewinne gepolter Hedgefonds. Ziel sei es, Opel als eigenständige europäische Marke aufzubauen.

Länderposition noch unklar

Die Präferenz der Ministerpräsidenten für Magna hängt offenbar auch damit zusammen, dass sich bereits die EU mit den staatlichen Beihilfen beschäftigt hat. Die Bundesländer gehen deshalb davon aus, dass diese Gelder bei einem Kauf durch Magna genehmigt werden. Falls GM jedoch RHJ den Zuschlag zum Erwerb von Opel erteilen würde, müsste das EU-Verfahren möglicherweise noch einmal neu gestartet werden.

Zunächst schien das neue Angebot deshalb keine ernsthafte Gefahr für Magna zu werden. Anfang der Woche hatte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck sich indirekt gegen RHJ gewandt. "Das ist nur Störfeuer", zitierte ihn die Agentur Reuters. Auch SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier geht weiter davon aus, dass die Gespräche zwischen Magna und GM bald zum Erfolg führen. "Ich habe keine Anhaltspunkte, dass die Verhandlungen zwischen Magna und GM scheitern", sagte er dem Magazin "auto motor und sport".

Auch der chinesische Autobauer BAIC hat immer wieder Interesse an Opel bekundet. Doch viel mehr als ein willkommenes Argument im Verhandlungspoker war dies für die staatlichen Stellen nicht.

Mit RHJ ist es etwas anderes. Denn bisher haben sich die Ministerpräsidenten mit dem Konzept der Belgier noch nicht intensiv auseinandergesetzt - in firmennahen Kreisen ist man deshalb guter Hoffnung, die Politiker noch auf die eigene Seite ziehen zu können. Das Gespräch werde gesucht.

Der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) rät schon zur Offenheit im Umgang mit den Opel-Interessenten. Sicherlich habe anfangs eine Rolle gespielt, dass es neben Magna keine anderen guten Angebote gab, sagte Posch. Ausdrücklich seien weitere Interessenten aber nicht ausgeschlossen worden - und das sollten sie auch heute nicht. "Daran kann ich prinzipiell nichts Schlimmes finden." Im übrigen gebe es auch zu Magna noch Fragen, sagte Posch.

Wer am Ende den Zuschlag erhält, entscheidet der fünfköpfige Ausschuss der Treuhandgesellschaft. Darin sitzen je ein Vertreter für den Bund und für die Länder sowie zwei GM-Vertreter und - als eine Art Schiedsrichter - der Präsident der amerikanischen Handelskammer in Deutschland, Fred Irwin. In den ersten sechs Monaten muss der Ausschuss einvernehmlich entscheiden.

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