Policenfonds Spekulation auf frühen Tod
Frankfurt am Main - Seit 2002 werden in Deutschland immer mehr Fondsprodukte auf den Markt gebracht, die aus gebrauchten, noch laufenden Versicherungsverträgen von Mitbürgern in Geldnot gebündelt wurden. In Großbritannien und den USA brummt die Zweitmarkt-Verwertung bereits seit Jahren. "Die Geschäftsidee wird sich noch weiterentwickeln, ist aber nicht für jeden Investor geeignet", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW).
Vereinfacht funktioniert dieses Prinzip im deutschen Investmentbereich nach folgendem Strickmuster: Fondsgesellschaften kaufen bestehende Kapitallebensversicherungs- oder private Rentenpolicen über den Zweitmarkt auf, fassen sie in meist geschlossenen Fondskonstruktionen zusammen und verkaufen Anteile an Anleger weiter.
Die Renditeprognosen vor Steuern pendeln zwischen vier und sechs Prozent im Jahr, wie der Bundesverband Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen (BVZL) erläutert. Das ist zum Teil mehr als die momentane Gewinnerwartung vieler selbst besparter Lebensversicherungen. Ein börsenabhängiges Kursrisiko gibt es nicht.
Was bei geschlossenen Fonds zusätzlich winkt, sind Steuervorteile. "Das ist verlockend für Investoren mit hohem persönlichen Steuersatz", betont Daniela Rieper vom BVLZ. "Dafür gibt es aber keinen Bestandsschutz, das haben vorher all die schon schmerzlich erfahren, die in Schiffs- oder Medienfonds investierten und deren Steuervorteile dann kurzerhand gestrichen wurden", gibt Anlagerschützer Kurz zu bedenken.
Zweitverwerter kaufen Policen auf und zahlen weiter ein
An Policen-Nachschub mangelt es der Branche jedenfalls nicht: Wie Verbraucherschützer beklagen, wird fast jede zweite Lebensversicherung mittlerweile vorzeitig aufgekündigt. Wer sich nicht mit den mageren Rückkaufswerten seines Versicherers zufrieden gibt und eine attraktive Police in der Hand hat, kann diese auch bei einem Zweitverwerter zu Geld machen. Dort gibt es spürbar mehr.
Allein die im BVZL organisierten Aufkäufer erwarben 2006 Verträge im Wert von über 1,1 Milliarden Euro, über 100 Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie der Verband betont. Sind die Verkäufer ausbezahlt, werden die abgelegten Verträge grundsätzlich weitergeführt, die fälligen Prämien bis zum Laufzeitende weiterbezahlt. Stirbt der Versicherte oder läuft sein Vertrag ab, kann die vereinbarte Versicherungssumme kassiert werden.
Wer sich für einen deutschen Police-Fonds interessiert, sollte dies höchstens als Beimischung fürs Depot sehen, mahnt Andrea Hoffmann, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen. Beteiligungen sind bereits ab 5.000 Euro möglich. Seit geraumer Zeit sind auch offene Fonds am Markt, aus denen Anleger jederzeit raus können. Die Laufzeit geschlossener Fonds, in die vor allem institutionelle Anleger wie Pensionskassen investieren, beträgt häufig 10 Jahre und mehr. Wer einmal drin steckt, kommt nicht wieder raus.
Auswahlkriterien sind unter anderem niedrige Verwaltungsgebühren, ein möglichst hoher Garantiezins sowie geringe Police-Restlaufzeiten. Denn: Je länger ein Second-Hand-Vertrag weiterbezahlt werden muss, desto weniger wirft er ab. "Ich kann nur raten, solche Details vorher genau anzuschauen", betont Kurz.
Spekulation auf einen frühen Tod
Der Handel mit gebrauchten Policen ist in Deutschland noch relativ jung. In Großbritannien können Privatleute ihre Versicherungsverträge dagegen schon seit 150 Jahren an Zweitmarktverwerter verkaufen. In den USA etablierte sich die Geschäftsidee in den späten 80er Jahren. Damals wurde vor allem Schwerkranken und Aids-Patienten die Police abgekauft. Kritiker bemängelten das Geschäftsfeld als makaber und anrüchig. Das Segment der so genannten "Viaticals" spiele heute nur noch eine untergeordnete Rolle, so der BLZV.
Bedeutsamer sind inzwischen die "Senior Settlements". Das sind Policen von über 65-jährigen Amerikanern, die ihre Verträge zum Kauf anbieten. Der Unterschied zum deutschen Markt: Aufkäufer wie Anleger wissen genau, welche Summe bei Fälligkeit zur Auszahlung kommt. Dafür ist der Zahlungstermin offen. Spekuliert wird also auf einen frühen Tod der Versicherten. Damit steigt der Gewinn der Fonds-Besitzer und -verwalter. Nicht zuletzt aus diesen Gründen locken US-Policenfonds mit Gewinnerwartungen von bis zu 12 Prozent und mehr. "Bei US-Fonds wäre ich als Privatanleger skeptisch", sagt Kurz.
Von Berrit Gräber, ap