Polnischer Eifer - DER SPIEGEL
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BAUMARKT Polnischer Eifer

Die Stadt Lüneburg beauftragte für den Rohbau ihres geplanten Kosmotel-Kurzentrums ein staatliches polnisches Bauunternehmen.
• aus DER SPIEGEL 36/1971
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In der Pariser Zentrale der Europroject SA beugten sich Ingenieure und Manager über einen Stapel Bauofferten für das Lüneburger Kosmotel-Kurzentrum. Die Preisvorstellungen deutscher Unternehmer erschienen den Planungsbossen »so maßlos«, daß sie ihren Auftraggebern den Einsatz polnischer Baubrigaden vorschlugen.

Die Empfehlung fiel den Managern nicht schwer, weil sich unter den Angeboten für das 65-Millionen-Projekt auch ein Brief der Warschauer Staatsfirma Budimex befand. Die Polen erklärtem sich darin bereit, Mauerwerk und Betonarbeiten zu einem »nach kapitalistischen Grundsätzen kalkulierten Preis von 15 Millionen Mark auszuführen. Deutsche Firmen hatten für die gleiche Arbeit 21 bis 28 Millionen Mark verlangt.

Generalbevollmächtigter Adolf Friedrich Schütte. Bau-Koordinator der Stadt Lüneburg und der Kosmotel-Unternehmensgruppe, war von der Billig-Offerte so angetan, daß er dem Pariser Subunternehmen beim Rohbau-Auftrag sofort freie Hand ließ. Der Manager einer Kooperationsgruppe von 40 mittelständischen Firmen, die sich um die »Industrie- und Gewerbeverwaltung Hannover« (IGEVA) scharen, hatte von Geschäftsfreunden nämlich erfahren. daß vergleichbare Angebote nicht einmal in anderen Ostblockstaaten zu erhalten sind. Schütte: »Einige dieser Firmen hatten auch keine Kapazitäten mehr frei.«

Als die deutsche Bauindustrie von den Ostkontakten der Europroject erfuhr, setzten mehrere Firmen ihre Angebote sofort herab. Statt mit 28 Millionen Mark Rohbaukosten glaubten einige Unternehmen jetzt plötzlich mit 19 Millionen Mark auskommen zu können. Da die Polen gegenüber der deutschen Konkurrenz aber immer noch einen Vorsprung von vier bis fünf Millionen Mark behielten. waren sie bei der Ausschreibung nicht mehr zu schlagen.

Im Warschauer Budimex-Hauptquartier. das in der polnischen Bauwirtschaft zugleich die Funktion einer Zentrale für Auslandsaufträge einnimmt, stellten Spezialisten inzwischen einen rund 300 Mann starken Bautrupp zusammen. Für die Arbeiten an zwei Schwimmbädern. Kurmittel-Hallen und dem achtgeschossigen Hoteltrakt der Kosmotel-Gesellschaft, die den Polen als Visitenkarte für weitere Kommunalaufträge in der Bundesrepublik dienen soll, rüsteten die Staatsfunktionäre das Kommando mit einem perfekten Maschinenpark vom einfachen Betonmischer bis zum komplizierten Hochkran aus.

Damit die Mauerleute in kapitalistischen Gastarbeiterunterkünften nicht vorzeitig abschlaffen, wurde die Warschauer Einsatzleitung angewiesen, auf den Lüneburger Sülzwiesen eine Wohnstadt aus 70 Kleinhäusern zu errichten. Ein Werksarzt soll in der Siedlung ständig über die Gesundheit der Spezialisten wachen.

In der Heidestadt selbst wußten die Bürger solchen Eifer weniger zu schätzen. Der von der SPD/FDP-Mehrheit genehmigte Gastarbeiter-Einsatz verbitterte vor allem die heimische Bauwirtschaft. So meldete die Handwerkskammer Lüneburg-Stade »ernsthafte Bedenken« gegen eine Beschäftigung der Polen an. Die Kammerbosse argwöhnten, bei der »Preisdifferenz zwischen deutschen und polnischen Bewerbern sei zu vermuten, daß die Polen neben Subventionen ihres eigenen Landes Hilfen aus der Zonenrandförderung in Anspruch nehmen«.

Auch die Lüneburger Industrie- und Handelskammer befürchtete, daß Rudimex mit »keinem kalkulierten Preis« arbeite und sich am Lüneburger Kurzentrum möglicherweise »nur unter dem Gesichtspunkt der Devisenbeschaffung« beteilige. Warnend ließen die Funktionäre verkünden: »Die Einschaltung eines osteuropäischen Staatsunternehmens, das nicht dem deutschen marktwirtschaftlichen Wettbewerbszwang unterliegt. könnte ein Beispiel setzen, das schnell Nachahmer findet.«

In einer von der CDU-Fraktion verlangten Sondersitzung des Lüneburger Stadtrates meldete Ratsherrin Hilde Seydelmann gar Zweifel an der fachlichen Qualifikation der Polen an. Erbost tönte die Kommunalpolitikerin: »Wo sind die Garantien, daß diese polnische Firma leistungsfähig und zuverlässig ist?«

Den in Rage geratenen CDU-Stadtvätern war freilich entgangen, »daß ein heimisches Unternehmen ein Projekt von der Größenordnung des Lüneburger Kurzentrums gar nicht bauen kann« (Oberbürgermeister Alfred Trebchen). Nach Feststellung des Stadtoberhauptes hätten die viel zu kleinen Lüneburger Baufirmen »höchstens als Subunternehmen auftreten können«.

Als ebenso unhaltbar erwies sich der Vorwurf, die Polen wollten Zonenrandförderungsgelder kassieren. Trebchen: »Die Investitionshilfen sind für die Bauherren reserviert.

Zusätzliche Kostenvorteile werden sich die Polen auch nicht durch niedrige Löhne verschaffen können. Mit der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden haben die Budimex-Manager nämlich ein Abkommen getroffen, nach dem ihre Baubrigaden deutsche Tariflöhne ei-halten.

Um sich vor weiteren Verunsicherungen zu schützen, schickten die Lüneburger Stadtoberen Anfang dieses Monats ihren Baurat Fritz Wellmann nach Warschau. Der kommunale Gutachter sollte sich an Ort und Stelle von den Bauleistungen der Polen überzeugen. Nachdem Wellmann tagelang die Mauern von Schwimmbädern. Hotels und Hochhäusern abgeklopft hatte, rapportierte er: »Stahlbeton und Mauerarbeiten absolut befriedigend.«

Den Lüneburger Bauherren erschienen solche Sicherheiten aber immer noch unzulänglich. In den Budimex-Vertrag, der eine Fertigstellung des Rohbaus bis zum 30. April 1972 vorsieht, mußte deshalb zuletzt noch eine Klausel aufgenommen werden, nach der die Polen bei Terminüberschreitungen für jeden Tag 60 000 Mark Strafe zahlen müssen.

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