SCHWEIZ Pool mit Gold
Dem Reisenden, der nach Genf kommt, fallen sie sofort auf: ganze Scharen von Arabern, die an den Ufer-Promenaden des Lac Leman flanieren.
Es sind keine abgerissenen, ärmlichen Gestalten aus den Maghreb-Staaten, die hier die Schmutzarbeit für andere machen - die finden sich gleich nebenan, in Frankreichs Industriestädten. Ins feine Genf strömen die Reichen Arabiens.
Sie tragen ihren Wohlstand unverhohlen zur Schau. Ihre wallenden Gewänder sind aus edlem Tuch, teurer Schmuck gibt ihnen orientalischen Glanz.
In den eleganten Hotels entlang dem Quai du Mont-Blanc mit berühmten Namen wie Beau-Rivage, de la Paix, Angleterre oder Hilton tummeln sich die Kinder wohlhabender Araber. Da trägt mancher Fünfjährige eine goldene Armbanduhr und Brillantringe, die Tausende von Schweizer Franken kosten.
Vornehme Genfer Restaurants und Läden bieten ihre Dienste nun auch in arabischen Schriftzeichen an. »Unser Geschäft«, bekennt Elio Calandra vom exklusiven Juweliergeschäft Les Ambassadeurs, »verdanken wir den Arabern.«
Für Ölscheichs und Arabiens vermögende Geschäftsleute hat Genf eine ganz besondere Anziehungskraft. Bislang zog es Tausende von Arabern vor allem nach London - doch die gelten in ihren Heimatländern häufig bestenfalls als Angehörige der Mittelschicht. In Genf dagegen residieren die ganz Reichen.
Die Stadt Calvins mit ihrer geleckten Sauberkeit genießt bei den Mächtigen aus den Golfstaaten den Ruf, weltoffen und sicher zu sein wie kaum eine andere Metropole Europas. Genf und der nahe gelegene Kanton Waadt bieten der arabischen Hautevolee die feinsten und besten Privatschulen und Privatkliniken. Und zum Spielkasino im französischen Divonne ist es nur eine kurze Autofahrt.
»Genf wurde zum Mekka Europas für die oberen Zehntausend in den arabischen Ländern«, meint Herbert Schott, aus Köln stammender Manager des Hotels Intercontinental in Genf. »Mein Hotel«, spottet Schott, »ist arabisches Territorium.« In der Hauptreisezeit im Sommer kommt mehr als die Hälfte seiner Gäste aus den Scheichtümern am Golf und aus Saudi-Arabien. Ihr Anteil am Umsatz liegt noch weit darüber.
Das gleiche gilt für das an der See-Promenade neuerbaute Prachthotel Noga Hilton - obwohl es von einem halben Dutzend arabischer Staaten boykottiert wird. Denen mißfällt indes nur der Besitzer, ein jüdischer Finanzmann, Nissim Gaon, der kräftig in der israelischen Politik mitmischt.
Saudi-Arabiens Ölminister Scheich Ahmed Saki el-Jamani sowie andere führende Männer der Golfstaaten haben sich Sommerpaläste in Genf gekauft. Der Kanton hatte die Bevölkerung bereits aufgerufen, einer »Volksinitiative« zuzustimmen, die den »Ausverkauf der Heimat« an Ausländer unterbinden sollte. Das Referendum fand keine Mehrheit, aber der Unmut über die Immobilien-Käufer aus Nahost nimmt zu.
In der Gemeinde Collonge-Bellerive nahe Genf überpinselten Protestler das Ortsschild in großen Lettern mit dem Namen der saudischen Hauptstadt: »Riyad«. König Fahd besitzt in der Gemeinde eine wahrhaft königliche Residenz mit 27 Zimmern, einen Swimmingpool mit Blattgold-Mosaiken, Hubschrauberlandeplatz und, natürlich, eine unterirdische Garage für 50 Autos.
Während der Bauarbeiten für das Ferienhaus hatten sich Anwohner über Lärm beschwert, der auch abends und an Wochenenden nicht abebbte. Sie strengten eine Klage gegen den Monarchen an.
Das saudische Königshaus war erbost. Der Schweizer Botschafter in Dschidda wurde gewarnt: Exporte der Schweiz im Wert von jährlich 1,5 Milliarden Franken stünden auf dem Spiel, falls nicht der Ärger um den Bau beendet würde.
Im Sommer kam dann ein außergerichtlicher Vergleich zustande. Den Klägern wurde eine »sehr zufriedenstellende Summe« (so einer ihrer Anwälte) als Ausgleich für die Belästigungen während der Bauarbeiten gezahlt.
Zufall oder nicht: Kaum war der Vergleich unterschrieben, gaben die Saudis dem Schweizer Anlagenbauer Brown, Boveri & Cie (BBC) einen Auftrag über vier Gasturbinen im Wert von 120 Millionen Schweizer Franken.
So willkommen die begüterten Gäste in Genf auch sind - mit Unbehagen beobachten Schweizer Bankiers und Finanziers, daß die Araber ihr Geld nicht nur ausgeben. Sie möchten es auf schweizerischem Territorium auch vermehren.
Genf wurde zum Mittelpunkt vieler arabischer Finanzgeschäfte. England, lange Zeit wichtigster Umschlagplatz für arabisches Kapital, wurde »von der Schweiz in den Schatten gestellt«, meint Issam Azmeh, Manager der Arab Bank (Switzerland) Ltd. in Genf.
Eines der wichtigsten islamischen Geldinstitute, die Dar al-Maal al Islami DMI, gründete schon vor drei Jahren ihr Hauptquartier am Lac Leman. Inzwischen gibt es rund ein Dutzend arabische Banken und mindestens 50 Finanzgesellschaften in Genf.
Genaue Zahlen? »Unmöglich«, so ein Sprecher der Arabisch-Schweizerischen Industrie- und Handelskammer. »Jeden Tag lassen sich neue Finanzinstitute aus arabischen Ländern hier nieder.«