Porsche vs. VW: Machtkampf der Alphatiere - DER SPIEGEL
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Porsche vs. VW Machtkampf der Alphatiere

Der Poker um Porsche steht kurz vor der Entscheidung. Die Eigentümerfamilien sollen sich auf einen VW-Einstieg geeinigt haben - was ein grandioser Sieg für Auto-Patriarch Piëch wäre. SPIEGEL ONLINE zeigt mögliche Gewinner und Verlierer im Kampf um Macht und Autos.
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Hamburg - Katar kommt, Katar kommt nicht. Wiedeking geht, Wiedeking geht nicht. Die Eignerfamilien haben sich geeinigt - oder auch nicht: Wer die Meldungen aus Stuttgart und Wolfsburg verfolgt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Beinahe im Stundentakt werden scheinbare Nachrichten verbreitet, dementiert, abgeschwächt oder relativiert. Mit gezielt lancierten Informationen nutzen die beiden Hersteller Porsche   und Volkswagen   die Medien, um ihre Position im Kampf um die Zukunft der deutschen Autoindustrie zu festigen.

Der Streit ist in den vergangenen Tagen endgültig eskaliert. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen aus Stuttgart deutet sich an, dass der Sieger Volkswagen und damit Ferdinand Piëch heißen könnte. Nach übereinstimmenden Medienberichten sollen sich die Porsche-Eigner, die Familien Porsche und Piëch, grundsätzlich auf ein Modell für den integrierten Konzern geeinigt haben. Demnach würde Volkswagen rund 49 Prozent des Sportwagenbauers übernehmen und Porsche zur zehnten Marke im VW-Konzern machen.

Damit ginge nicht nur ein lang gehegter Traum von VW-Aufsichtsratschef und Auto-Ikone Piëch in Erfüllung - es wäre auch eine bittere Niederlage für seinen Cousin Wolfgang Porsche und dessen Unternehmenschef Wendelin Wiedeking.

In dem Ringen um die Zukunft des finanziell angeschlagenen Sportwagenherstellers geht es nicht nur um die Frage, wie sich das Unternehmen seiner Milliardenschulden entledigen kann, die durch den Versuch entstanden sind, den deutlich größeren VW-Konzern zu übernehmen.

Es geht auch um die strategische Grundausrichtung beider Konzerne, es geht um die Zukunft der deutschen Automobilindustrie - und es geht nicht zuletzt um Macht, Einfluss und Eitelkeiten.

SPIEGEL ONLINE zeigt, wer im Streit um Porsche die Strippen zieht - und wer Gewinner, wer Verlierer sein könnte.

Ferdinand Piëch - Firmenpatriarch

Sollten sich die Porsche-Eigentümer tatsächlich auf einen integrierten Konzern verständigen, bei dem VW 49 Prozent an Porsche übernehmen würde, wäre das ein Triumph für Ferdinand Piëch. Der VW-Aufsichtsratschef stünde damit vor der Vollendung seines Lebenstraums: einen Autokonzern zu schmieden, der alles kann. Der Drei-Liter-Autos ebenso erfolgreich baut wie 44-Tonner - und in dem Piëch und seine Vertrauten die entscheidenden Positionen besetzen.

Und damit wäre der Patriarch zurück - der Mann, der als legendärer Automanager gilt, der Volkswagen saniert und den Umsatz in nur neun Jahren um 126 Prozent gesteigert hat. Der zum Automobilmanager des 20. Jahrhunderts gekürt wurde und der sich seit Jahren einen harten Kampf um Macht, Einfluss und Prestige mit seinem Cousin und Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche liefert.

Dabei sah es lange so aus, als ob Piëchs große Zeit vorbei sei: Im September 2005 war bekanntgeworden, dass Porsche bei VW einsteigen, den 15-mal größeren Giganten gar ganz übernehmen wollte - ein Affront für Piëch. Der sperrt sich mit Händen und Füßen gegen die Pläne Wiedekings, den er selbst nur als "einen Angestellten unter vielen" begreift. Durch Alleingänge aller Art verspielt Piëch den Rückhalt vieler Familienmitglieder, die ihn daraufhin in der Porsche-Holding entmachten.

Erst durch die Finanzkrise, die Porsche in existenzbedrohende finanzielle Schwierigkeiten bringt, kommt Piëchs Einfluss zurück - mit der Übernahme von Porsche wäre seine Machtstellung ein für alle Mal besiegelt.

Wolfgang Porsche - Mann der leisen Töne

Was ein Triumph für Ferdinand Piëch wäre, wäre eine bittere Niederlage für seinen Gegenspieler und Cousin Wolfgang Porsche. Denn tatsächlich ist der Streit, welcher Konzern welchen übernimmt, nichts anderes als ein Machtkampf der beiden Vettern. Die können sich seit Jahren nicht auf eine Strategie für beide Firmen einigen - und scheinen wild entschlossen, diese Frage bis zum bitteren Ende und auf Kosten beider Unternehmen auszufechten.

Das erstaunt insofern, als der Porsche-Aufsichtsratschef als Mann der leisen Töne gilt. Zwar gehört Wolfgang Porsche schon seit 1978 dem Kontrollgremium des Sportwagenherstellers an, das aber blieb eher unbemerkt. Wegen seiner ruhigen, auf Ausgleich bedachten Art haben ihn nicht nur sein Cousin Piëch, sondern auch andere in der Autobranche schlicht unterschätzt.

Wolfgang Porsche, den das manager magazin einst einen "charmanten Possenreißer" nannte, hat überhaupt keine Lust, sich demnächst von VW oder von Katar die Entscheidungen des Stuttgarter Konzerns diktieren zu lassen. Deshalb hat er die Pläne seiner Vorstände Wiedeking und Härter immer rückhaltlos unterstützt - nicht zuletzt, weil die beiden ihm über Jahre Milliarden-Gewinne beschert haben. Stürzt Wiedeking, wäre dies auch für Wolfgang Porsche eine herbe persönliche Niederlage.

Martin Winterkorn - Piëchs Kronprinz

Sollte es tatsächlich zu einer Übernahme von Porsche durch Volkswagen kommen, wäre das auch die große Stunde von VW-Chef Martin Winterkorn. Der Manager, den Firmen-Patriarch Piëch gern als "besten Vorstand in der Autoindustrie" bezeichnet, gilt zwar als knorrig, ist mit seinem Faible für technische Perfektion aber ein Mann ganz nach dem Geschmack des Aufsichtsratschefs. Was sich auch daran zeigt, dass die beiden seit mehr als 20 Jahren eng zusammenarbeiten.

Der erfahrene Automanager Winterkorn ist ein Mann mit Visionen. So plant er trotz der dramatischen Absatzkrise und dem schwelenden Streit um Porsche, das Volkswagenreich langfristig weiterzuentwickeln. Gemeinsam mit Piëch hat er sich einen neuen Partner für sein Multimarkenreich ausgeguckt: Ihn interessiert Suzuki, der japanische Hersteller von Autos und Motorrädern. Der würde mit seinen kostengünstigen, aber qualitativ hochwertigen Kleinwagen gut ins Portfolio der Wolfsburger passen.

Solche und andere Deals lassen sich aber nur verwirklichen, wenn die Macht bei Piëch und damit bei VW bleibt. Denn Winterkorn gilt als enger Vertrauter des Patriarchen und würde einen Abgang des Alten wohl kaum als VW-Chef überstehen - und überstehen wollen. Umgekehrt ist klar: Setzt sich Volkswagen bei Porsche durch, wird Winterkorns Reich noch größer, seine Machtstellung unter den deutschen Automanagern wäre unangefochten.

Wendelin Wiedeking - Bisher vom Erfolg verwöhnt

Sollte Volkswagen Porsche schlucken und künftig als eine Marke unter vielen in das VW-Reich integrieren, wäre dies das Ende für Wendelin Wiedeking. Der erfolgsverwöhnte Porsche-Lenker, der unter dem Beifall der Branche jahrelang Milliardengewinne eingefahren hat, wäre dann mit einem der kühnsten Pläne gescheitert, die es in der deutschen Autoindustrie je gegeben hat: dass ein kleiner, feiner Sportwagenhersteller einen der weltgrößten Autokonzerne übernimmt und das ausgerechnet mit Finanzspekulationen finanziert.

Dabei waren die Pläne des Mannes, der sich gern als gewieften Schachspieler sieht, gar nicht so falsch: Unter Experten gilt als unbestritten, dass die enge Verbindung zu Volkswagen richtig war, um langfristig die immer strengeren Emissionsauflagen erfüllen zu können. Dass seine gewagten Übernahmepläne dem VW-Patriarchen Piëch nicht passen, hätte der Mann mit dem ausgeprägten Ego allerdings wissen können - er hat die Zähigkeit und den Machtwillen des Alten aber wohl unterschätzt.

Sollte Porsche also in einem integrierten VW-Konzern unterkommen, ist die Zeit des Stuttgarter Chefs wohl vorbei. Schon jetzt werden Gerüchte über einen vorzeitigen Abtritt des bestbezahlten deutschen Managers laut. Glaubt man den Berichten, ist die Frage wohl nicht mehr, ob Wiedeking geht - sondern nur noch, wann.

Bernd Osterloh - Piëchs Sprachrohr

Der Herr denkt - der Betriebsratschef spricht es aus: Bernd Osterloh ist nicht nur einer der einflussreichsten Arbeitnehmervertreter der Republik. Er steht auch in der Auseinandersetzung um Porsche treu zu seinem Hausherrn Piëch - schon allein deshalb, weil die Stuttgarter ihn im Falle einer VW-Übernahme als Chef des VW-Gesamtbetriebsrates entmachten würden.

Offensiv hat sich Osterloh deshalb in das Ringen um den Sportwagenhersteller eingeschaltet, den Widerstand der VW-Belegschaft organisiert und artikuliert. Hemmungslos durfte er dabei gegen die "Neureichen" und "Dilettanten" aus Stuttgart schimpfen, Wiedeking die "Arroganz eines Alleinherrschers" und "gefährliche Allmachtsphantasien" unterstellen. Aufsichtsratschef Piëch hörte es - und schwieg zufrieden.

Aus Wolfsburger Sicht sieht die Lage gegenwärtig bestens aus: Sollte es tatsächlich zu einer Eingliederung von Porsche in den VW-Konzern kommen, würde das auch die Machtbasis von Osterloh stärken - nicht nur, weil er plötzlich Herr über rund 12.000 weitere Mitarbeiter wäre. Das Trio aus Piëch, Winterkorn und Osterloh hätte seinen gemeinsamen Plan erfüllt und wäre mächtiger denn je.

Uwe Hück - Kampferprobter Profi-Thaiboxer

Der Mann mit dem bulligen Schädel ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten im Kampf um Porsche: Der 47-jährige Uwe Hück ist ehemaliger Profi-Thaiboxer und gilt als einer der Verbündeten von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Auch wenn er diesen gern mal öffentlich kritisiert, hat er Wiedekings großspurige Verhandlungsstrategie stets unterstützt - und steht ihm auch an Selbstbewusstsein in nichts nach.

Seinen Machtanspruch stellte er unter Beweis, als er sich mit VW-Betriebsratschef Osterloh um die Vorherrschaft eines neuen Gesamtbetriebsrates stritt und trotz der deutlich kleineren Beschäftigtenzahlen auf Einfluss pochte.

Jetzt aber scheint sich der Wind gedreht zu haben - und Hück kämpft genauso verbissen wie Wolfgang Porsche und Wendelin Wiedeking um Porsches Unabhängigkeit. Denn er weiß: In einem neuen Großkonzern mit einem Gesamtbetriebsrat hätte er wahrscheinlich keinen Platz mehr. Dafür hat er sich - wie sein Pendant auf VW-Seite - zu deutlich positioniert und kräftig ausgeteilt.

Holger Härter - Rechenkönig aus Stuttgart

Was bei dem einen Bewunderung hervorruft, sorgt bei dem anderen für Verachtung: "Der braucht das ganze Blech nicht, um Geld zu verdienen", sagte Porsche-Chef Wiedeking einst über seinen Finanzvorstand Holger Härter, der mit gewieften Finanztransaktionen jahrelang für sprudelnde Milliardengewinne bei dem Sportwagenhersteller aus Stuttgart gesorgt hat. Damit zog er sich aber den Unwillen von VW-Patriarch Piëch zu, der lieber mit guten Autos Geld verdienen will.

Obwohl Härters erfolgreiche Derivategeschäfte selbst Bankenprofis Respekt abnötigten, hat sich der als exzellenter Stratege geltende Manager beim wichtigsten Deal verschätzt: Bei dem Versuch, den deutlich größeren VW-Konzern zu übernehmen, machte ihm die Finanzkrise einen Strich durch die Rechnung - und aus dem strahlend-erfolgreichen Finanzchef wurde plötzlich ein Bittsteller, der hektisch nach Milliarden suchen muss.

Deshalb scheint klar: Auch für Härter wäre in einem neuen Volkswagen-Konzern wahrscheinlich kein Platz mehr. Zu sehr gilt er als enger Wiedeking-Vertrauter, zu rücksichtslos und arrogant ging er in den guten Zeiten mit den Wolfsburgern, aber auch den Bankern um.

Christian Wulff - Polit-Manager mit Ambitionen

So bedächtig er daherkommt, so mächtig mischt er sich ein: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff wurde von Porsche-Chef Wiedeking bereits 2004 in einem Vieraugengespräch über dessen Absichten informiert, bei Volkswagen einzusteigen. Zwar begrüßte Wulff das Engagement, machte dem Manager aber gleichzeitig klar, dass Niedersachsen auf sein Mitspracherecht nicht verzichten werde - und genau das hat Wiedeking unterschätzt.

In der Hoffnung, die Sperrminorität des Landes über die EU aushebeln zu können, hat er sich Wulff zum Gegenspieler gemacht - der aber zog alle Register: Erst sorgte er für ein neues VW-Gesetz, das dem Land weiter Einfluss sicherte, dann mischte er im Hintergrund bei den VW-Verhandlungen mit. Immer wieder warfen die Stuttgarter Wulff vor, die Gespräche über den Einstieg des Golfemirats Katar bei Porsche zu torpedieren, weil der Niedersachse Berichte über das Milliardenangebot der Scheichs als Unsinn abgekanzelt hatte. Vorwürfe, die der Gescholtene stets mit Unschuldsmiene abstritt. Klar ist nur: Sollte sich Volkswagen durchsetzen, ist das auch der Sieg des smarten Polit-Managers.

Günther Oettinger - Hilfloser Porsche-Fan

Wer immer sich in den vergangenen Wochen und Monaten zu Porsche und VW äußerte - Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger war es meistens nicht. Auffallend teilnahmslos wirkte der bekennende Porsche-Fan angesichts der Aufgabe, eines der schillerndsten Unternehmen in seinem Land zu unterstützen. Und das, obwohl der Schwabe mit Porsche einen der einträglichsten Steuerzahler verlieren könnte - ausgerechnet an das Land des ungeliebten Parteifreundes Wulff.

In dem Ringen um die künftige Machtverteilung wird klar: In puncto Wirtschaftspolitik zieht Oettinger klar den Kürzeren - fast hilflos klang es, als er "Mehr Respekt für Porsche" anmahnte. Sollte sich VW letztlich durchsetzen, dürfte Oettingers Einfluss weiter schwinden - denn dann regieren auch in Stuttgart die Männer aus Wolfsburg.