Porträt Immer aufwärts
Gesa Rau, 44, hat sich kontinuierlich nach oben gearbeitet, bis plötzlich das Aus kam. Sie lässt sich dennoch nicht erschüttern und bastelt an einem eigenen Geschäft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
|
Nach dem Abitur 1977 studiert Rau Betriebswirtschaftslehre in Hamburg. Ihren ersten Job nach dem Examen 1984 bekam sie als Filialleiterin bei Nordsee. Es folgten diverse kurze Anstellungen, ehe Rau im Rechnungswesen der Allianz einsteigt und dort vier Jahre lang bleibt.In den folgenden Jahren wechselt Rau zwischen Markenartiklern wie Konica, Apollinaris und Coloplast - und arbeitet sich langsam, aber stetig nach oben: erst Controllerin, dann Gruppenleiterin Controlling, und so weiter.Als Rau 1997 zu Time/system wechselt, darf sie sich "Finanzdirektorin" nennen; sie leitet die kaufmännische Abteilung, also das Finanz- und Rechnungswesen sowie die gesamte EDV, erhält nach zwei Jahren Prokura und ist der Geschäftsleitung direkt zugeordnet. Rang und Ansehen im Unternehmen machen sich auch auf dem Kontoauszug bemerkbar: Zuletzt verdient sie 250.000 Mark jährlich.Doch auch die Firma Time/system, die edle Manager-Terminplaner aus Leder produziert, kommt an der Krise nicht vorbei. Als Gesa Rau anfing, beschäftigte das Unternehmen 130 Mitarbeiter. Mittlerweile sind es nur noch 40.An dem Stellenabbau ist Rau selbst beteiligt. Als Leiterin der kaufmännischen Abteilung muss sie immer wieder Einsparpotenzial aufspüren und für die Geschäftsleitung Vorschläge zur Personalkürzung ausarbeiten. Als sie ein Szenario vorlegt, in dem weitere 20 Stellen gestrichen werden sollen, warnt sie zugleich ausdrücklich davor, das Unternehmen derart schrumpfen zu lassen. Die Geschäftsleitung aber findet "die Zahl 20 sehr erotisch", und ignoriert die Warnung."Wenn die Bedingungen so sind, dann wäre ich auch gerne unter den Gekündigten", sagt Rau damals. Seit dem 30. Juni diesen Jahres ist die 44-Jährige arbeitslos. Der Abschied bei Time/system ist nicht gerade angenehm. Um ihre Abfindung von 90.000 Mark muss Rau kräftig kämpfen; die Vorgesetzten bei Time/system verlangen im Gegenzug, dass sie ihre Zeit bis zum letzten Tag absitzt.Jetzt schätzt Gesa Rau ihre momentanen Chancen realistisch ein: "Auf dem Hamburger Arbeitsmarkt herrscht Totentanz. Da bewegt sich kaum etwas." Selbst dann nicht, wenn Rau nicht auf ihrer erreichten Position beharrt und bereit ist, wieder zu einem weitaus niedrigeren Gehalt zu arbeiten: "In der Hinsicht habe ich mich bereits rückwärts entwickelt."Das wenige Geld, das sie vom Hamburger Arbeitsamt bekommt, ist nicht der einzige Grund, warum Rau schnell wieder einen Job will. Derzeit lässt sie sich von der Personal-Agentur Adecco als "Interims-Managerin" für eine begrenzte Zeit vermitteln: "Wenn eine Firma ein paar Wochen jemand braucht, um den Jahresabschluss oder einen Sozialplan zu machen, dann ist das so ein Fall."Eigentlich aber will Gesa Rau sich und allen anderen zeigen, "wie man aus der Niederlage einen Sieg macht". Deshalb will sie sich selbständig machen: mit einem kleinen Betrieb, der Glasplatten in Öfen erhitzt und zu Duschkabinen, Spritzschutz, Lampen oder Firmenschildern verarbeitet - kunstvoll verziert, aber maschinell produziert: "Raus aus der Buchhaltung, rein in die Kreativität eben."Für den Einstieg in das so genannte Glasveredelungshandwerk, braucht Gesa Rau allerdings einen Meister. Sie steht deshalb bereits in Verhandlungen mit der Handwerkskammer.Klaus Werle
|