Portrait Chris Gent Unauffällig wie der Mann von der Sparkasse
Der Mann ist so unscheinbar wie sein Arbeitsplatz. Chris Gents Büro liegt in einem Hinterhofgebäude im Kleinstädtchen Newbury knapp hundert Kilometer von London entfernt. Es gibt keine Parkplätze, keinen Pförtner und keine Überwachungskameras. Allein das Schild "Vodafone Airtouch" verrät, dass hier der weltweit führende Mobilfunkkonzern residiert. Der 52-jährige ist der Chef. Mehr noch: Gent ist Mr. Vodafone, einer der mächtigsten Manager der Welt.
1997 übernahm Gent die Führung des Mobilfunkers, seither lief alles wie am Schnürchen. Das Magazin Forbes kürte den Chef der globalen Geldmaschine 1999 zum "Manager des Jahres". Die amerikanische Finanzpresse überschüttet ihn mit Superlativen. Er sei "ein Mann mit Ideen, mit Visionen und Mumm". Ihm allein sei es zu verdanken, dass Vodafone den Weg vom mittelständischen Telefon-Dienstleister zum Global Player geschafft habe.
Ein Mann aus der Provinz
Ihm persönlich sieht man das nicht an. Hornbrille, Nadelstreifenanzug und auffällig breite Hosenträger lassen ihn in gewisser Weise schräg wirken, wie einen Sparkassenangestellten, der einer Kleiderordnung genügen muss, aber nicht so recht weiß, was von ihm verlangt wird - ein Mann aus der Provinz eben.
Provinziell wirkt auch der Stil, mit dem Gent sein Haus führt. Fast im Fünf-Minuten-Takt stürmt irgendjemand unangemeldet in sein Büro: Selbst George, der langjährige Hausmeister von Vodafone, der auch für die Postverteilung zuständig ist, steckt auf seinen Touren durchs Haus hin und wieder den Kopf durch den Türrahmen: Hey Chris, alles in Ordnung mit der Firma?", will er wissen. "Ja, George, alles in Ordnung", antwortet dann der Vodafone-Chef.
Lächerlich - ein Weltkonzern ohne Glaspalast und eigenem Aufzug für die Unternehmensspitze? Mit Mitarbeitern, die sich in der Firma wie zu Hause fühlen, die, wie Gent sagt, sich auch beim Golfen, beim Friseur oder zu Weihnachtseinkäufen für die Ehefrauen beim einzigen Juwelier in der Stadt treffen? Doch, es geht. Gent hat schon längst bewiesen, wie weit man mit britischem Understatement kommen kann. Der Mann hat Zähne, niemand weiß das besser als die Deutschen.
Per Übernahmeangebot zum Medienstar
In deren Bewusstsein drang Gent vor kaum zwei Jahren mit einem Paukenschlag. Mit seinem feindlichen Übernahmeangebot für den urdeutschen Traditionskonzern Mannesmann leitete er die bis dahin teuerste Übernahmeschlacht der Wirtschaftsgeschichte ein.
Und er erwies sich als gewiefter Taktiker, gegen den Mannesmann-Chef Klaus Esser nicht die geringste Chance hatte. Schon Monate bevor der Kampf entbrannte, hatte Gent damit begonnen, ein feines Netzwerk von Allianzen zu schmieden. Wochenlang verbrachte er den Großteil des Tages bei wichtigen Investoren: Tagsüber redete er mit ernster Miene über Zahlen und Ziele, abends traf sich der sonst so steif wirkende Brite mit den gleichen Leuten zum Bier.
"Irgendwann kannte in der Londoner City jeder seine Motive und seine Strategie und alle kauften sie ihm irgendwann ab." Die meisten Analysten und Banker hatten die Geschichte nicht nur ein- oder zweimal, sondern gleich drei- oder viermal zu hören bekommen. "Und als dann die Attacke kam, war niemand mehr sonderlich überrascht, einige dachten: Na endlich, jetzt nervt der uns nicht länger."
Dafür setzte Gent seine Strategie mit aller Konsequenz in die Tat um. Er verscherbelte alles, was im Hause Mannesmann nicht mit Telekommunikation zu tun hatte. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Sommer & Co hat Gent dabei den Unterschied zwischen Spielgeld und harter Währung früh erkannt. Den Verkauf der Mannesmann-Töchter ließ er sich jeweils bar bezahlen, Unternehmenskäufe finanzierte er dagegen mit eigenen Aktien.
Glück des Tüchtigen
Beim Verkauf des britischen Mobilfunkers Orange an die France Télécom und der italienischen Infostrada an Enel Spa begleitete ihn sogar das Glück des Tüchtigen. Er erlöste damit so viel Geld, dass er bei den teuren Bietgefechten um die UMTS-Lizenzen locker mithalten konnte. Ein Jahr nach der Mannesmann-Übernahme besitzt Vodafone die meisten Lizenzen in Europa und ist mit etwa 30 Milliarden Mark deutlich niedriger verschuldet, als etwa die Deutsche Telekom mit 120 Milliarden Mark.
Trotzdem fallen die hohen Schulden ins Gewicht. Nicht zuletzt die hohen Abschreibungen für die Mannesmann-Festnetztochter Arcor drücken auf die Vodafone-Bilanz im ersten Halbjahr. 13,5 Milliarden Miese sind schon ein Wort. Doch Gent lässt sich nicht beirren. Diese Zahl habe nicht viel zu sagen: "Die fundamentale Stärke des Unternehmens ist gewaltig." Vor Sonderposten habe das Unternehmen immerhin einen um 65 Prozent höheren Gewinn erzielt. Stolz verweist Gent in diesem Zusammenhang auf seinen Kundenstamm: Der beträgt inzwischen 95,6 Millionen.