UNTERNEHMEN Post modern
Manchmal ist Klaus Zumwinkel, 55, richtig neidisch. Da hätte der Manager mit Dienstsitz Bonn lieber ein Büro in Atlanta - als Chef von Coca-Cola. »Die haben ein Image, das ist einfach sagenhaft«, schwärmt Zumwinkel. Der Getränkeriese müsse schon zehn Jahre lang seine Limonade vergiften, um diesen Ruf zu ramponieren.
Bei der Deutschen Post ist es umgekehrt. Seit der McKinsey-Manager Zumwinkel vor fast zehn Jahren angetreten ist, den Staatskonzern für den Wettbewerb zu trimmen, hat er vieles bewegt - doch das Image von der betulichen Schneckenpost hält sich beharrlich in den Köpfen.
Alle Kampagnen haben wenig genützt, und auch nicht die schönsten Statistiken: daß 95 Prozent aller Briefe am nächsten Tag ankommen; daß 96 Prozent aller Kunden weniger als fünf Minuten warten müssen - wer nimmt das schon wahr? Zumwinkel kennt das Gerede genau: »Das braucht Jahre, bis man das wegbekommt.«
Oder es ist ein Ereignis vonnöten wie im nächsten Jahr, ein Paukenschlag, der alle Skeptiker endlich eines Besseren belehren soll. Im Herbst 2000 will Zumwinkel den einstigen Sanierungsfall Post an die Börse bringen. Einen zweistelligen Milliardenbetrag erhofft er sich davon - und »einen gewaltigen Schub für unser Image«.
Wie das gehen kann, hat sein Kollege Ron Sommer mit der Telekom vorgemacht, mit glitzernden Anzeigen und kessen Sprüchen von Schauspieler Manfred Krug. Seither sind Aktien in Deutschland sexy. Die Börse ist zur großen Geldmaschine der Unternehmen geworden: Deshalb plant Zumwinkel den zweitgrößten Börsengang in der Geschichte der Bundesrepublik.
Vielleicht, so sinnierte der Postchef jüngst vor Vertrauten, sei die Börsenstory der Post sogar noch besser als die der Telekom. »Wir werden uns«, so Zumwinkel, »als Nummer eins auf dem weltweiten Transport- und Logistikmarkt verkaufen.«
Schon jetzt hat die Post nur noch wenig gemein mit jener unrentablen Behörde, in der vieles nicht klappte und in der das Geld versickerte. Noch 1990 verbuchte die Post zwei Milliarden Mark Verlust, im vergangenen Jahr wies der Staatskonzern dagegen 1,2 Milliarden Mark Gewinn aus. Binnen acht Jahren sank die Zahl der Mitarbeiter bei höherem Output um rund 130 000. Wären die noch da, würde die Firma zehn Milliarden Mark Minus machen.
Längst verteilt die Post nicht mehr nur Briefe und Pakete. Der gelbe Riese ist in einigen Bereichen zu einem echten High-Tech-Unternehmen geworden. Wo früher muffige Postler in angegrauten Hauptpostämtern Briefe sortierten, stehen heute automatische Sortier- und Frachtanlagen.
Per Internet kann der Weg wichtiger Sendungen quer durch Deutschland verfolgt werden. Riesige EDV-Zentren und Computeranlagen berechnen für Großkunden wie Tchibo, Siemens, die Telekom oder Quelle die optimale Lagerhaltung und den schnellsten Weg zum Kunden.
Durch den radikalen Umbau haben sich auch die Berufsbilder dramatisch gewandelt. Nicht einmal die Hälfte der rund 260 000 Mitarbeiter sind noch klassische Schalterbeamte und Briefträger. In den Postdirektionen tummeln sich zunehmend Software-Ingenieure, Web-Seiten-Designer, Finanzmanager oder Marketingspezialisten.
Selbst die einst so mächtige Deutsche Postgewerkschaft mit ihrem knorrigen Vorsitzenden Kurt van Haaren hat ihren Alleinvertretungsanspruch aufgeben müssen. In rund 550 Filialen des Bürospezialisten McPaper beispielsweise, von der Post Anfang vorigen Jahres gekauft, werden demnächst normale Verkäufer an extra eingerichteten Theken Postdienste anbieten - und das zu deutlich niedrigeren Gehältern.
Nach und nach verabschiedet sich die Post damit von einer jahrhundertealten Tradition: Denn seit die Brandenburgische Post 1649 erstmals auch die Briefe und Pakete einfacher Bürger annahm, war die Zustellung solcher Sendungen Sache des Staates. Auch Telegramm und Telefon standen später unter der Obhut der Regierungen.
Begonnen hatte die Geschichte der Post allerding 1490, als Kaiser Maximilian den Adligen Franz von Taxis mit dem Aufbau eines Kurierdienstes beauftragte. Taxis sollte die Nachrichtenübermittlung zwischen den kaiserlichen Residenzen sicherstellen.
Später wuchsen die Aufgaben der Post rasant, die Postillione wurden zu Förderern des Fortschritts: So gründeten die Regierungen 1874 den Weltpostverein, Preußen stellte erste Briefkästen auf, und in den Tiefen der Meere wurden Kabel zur Nachrichtenübermittlung verlegt.
Bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhunderts hatten diese nationalen Monopole fast überall Bestand - dabei waren sie längst zu schwerfälligen Apparaten verkommen. Und so begannen immer mehr Länder, die Staatsbetriebe aufzubrechen. 1989 entschied sich auch Deutschland für eine Reform: Als Aktiengesellschaft sollte die Post im Wettbewerb bestehen können.
Doch die Revolution allein im eigenen Land genügte dem ehrgeizigen Manager Zumwinkel nicht. Denn wenn am 31. Dezember 2002 das Briefmonopol endgültig fällt, predigt Zumwinkel seinen Mitarbeitern, könne es trotz aller Erfolge für das Staatsunternehmen eng werden. Dann werden nicht nur Fahrradkuriere gegen den Ex-Monopolisten antreten, sondern potente Konkurrenten wie der amerikanische United Parcel Service (UPS). Und so holte er sich Ende 1997 beim Aufsichtsrat grünes Licht für den gewagten Plan, die Post zu einem globalen Transportkonzern auszubauen. Seitdem rafft Deutschlands oberster Postbote in einer einzigartigen Einkaufstour fast alle Logistik- und Zustellunternehmen zusammen, deren er habhaft werden kann: »Die Globalisierung«, sagt er, »ist unser Treiber.«
Fast im Monatsrhythmus schlug Zumwinkel zu. Der Schweizer Großspediteur Danzas oder der italienische Paketzusteller MIT gingen genauso in sein Netz wie das polnische Frachtunternehmen Servisco, die niederländische Nedlloyd oder Anteile an der weltweit operierenden Luftfrachtgesellschaft DHL.
Mehr als zehn Milliarden Mark, über ein Drittel seines gesamten Jahresumsatzes, hat Zumwinkel inzwischen in neue Tochterfirmen investiert. Selbst zwei Finanzinstitute fielen seiner Kauflust zum Opfer. Ende vergangenen Jahres erwarb der oberste Postillion vom Bund die Mehrheit an der Postbank, vor wenigen Wochen kaufte er die ebenfalls staatseigene DSL Bank.
Die Banken sollen das Transportgeschäft befördern; schließlich suchen Händler oder Hersteller oftmals nach Möglichkeiten, große Lieferungen per Kredit zu finanzieren. Zudem soll die Postbank zu einer der schlagkräftigsten Internetbanken Europas aufsteigen. Schon jetzt wickeln Hunderttausende Postbankkunden Geldgeschäfte am PC ab. In wenigen Monaten soll die in Deutschland größte Plattform für den elektronischen Aktienhandel hinzukommen.
Ein Ende der Expansionsgelüste ist nicht in Sicht. Im kleinen Kreis hat der Postchef bereits angekündigt, daß er den 25prozentigen Anteil an der Luftfrachtgesellschaft DHL aufstocken will. Außerdem ist ein größerer Einstieg in den US-Markt geplant, falls die Testphase mit den beiden bisherigen Erwerbungen Global Mail und Yellow Stone erfolgreich verlaufen sollte.
Zumwinkels Kaufrausch hat bei der Post und deren Konkurrenten zu heftigen Diskussionen geführt. Steckt bloß Größenwahn dahinter oder eine geniale Strategie? Kann der staatliche Koloß die Zukäufe überhaupt verkraften?
Der eingeschlagene Kurs birgt für das Postunternehmen hohe Risiken. Seit Jahren klagt die Transport- und Logistikbranche in ganz Europa über fallende Margen. Viele Unternehmen, die der Postchef dem gelben Riesen einverleibt hat, schreiben wie Danzas mit 5,9 Milliarden Mark zwar gewaltige Umsätze. Die Gewinne dagegen fallen bescheiden aus, oder es gibt sogar Verluste.
Außerdem muß die bunte Truppe unterschiedlicher Firmen und Nationalitäten geordnet und unter ein einheitliches Dach gebracht werden. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe, meinen die Kritiker.
Zumwinkel selbst läßt solche Argumente nicht gelten. Durch den Verbund böten sich Marktchancen, die andere Unternehmen erst gar nicht hätten. So sei es der Post inzwischen möglich, Großkunden in ganz Europa zu bedienen, ohne die Leistungen fremder Transportunternehmen in Anspruch nehmen zu müssen.
Auch vor der Integration der zahlreichen Töchter ist dem Postchef, der in Bonn mit dem Post-Tower eine neue Zentrale errichten läßt, nicht bange. Zusammen mit Unternehmensberatern hat er ein detailliertes Konzept namens »Premium« erarbeiten lassen. Danach sollen alle Firmen bereits Ende des Jahres vernetzt sein und Pakete und Päckchen von Polen bis Spanien unter dem gemeinsamen Logo »Euroexpress« ausgeliefert werden. Schon bald werden auch alle Paketautos der neuen Partner im einheitlichen Gelb durch Europa rollen.
Dank eines ausgetüftelten Computersystems kann sich Zumwinkel jederzeit einen genauen Überblick über den Planungsstand verschaffen. Wurde ein vorher definiertes Ziel wie beispielsweise die Neulackierung der Lastkraftwagen eines spanischen Betriebs nicht pünktlich umgesetzt, leuchtet auf Zumwinkels Computermonitor eine kleine rote Ampel auf. Bisher, so der Manager, stehe bei der Post jedoch »fast alles im grünen Bereich«.
Das könnte sich schnell ändern. Denn die hemmungslose Einkaufstour hat europäische und internationale Wettbewerber wie UPS in helle Aufregung versetzt. Seit Monaten schon haken sie bei der EU-Kommission nach und intervenierten sogar über die amerikanische Regierung. Geht es bei der Expansion der Post wirklich mit rechten Dingen zu? Oder handelt es sich um eine »unzulässige Quersubventionierung«, wie der Hamburger Anwalt Ralf Wojtek vermutet, der Postkonkurrenten bei ihren Klagen in Brüssel vertritt?
Der umtriebige Wettbewerbskommissar Karel Van Miert zumindest hat inzwischen seine Zweifel. Und so will er in dieser Woche ein Beihilfeverfahren einleiten. Der Verdacht: Das Geld für die Zukäufe und den defizitären Paketdienst der Post stamme aus den üppigen Gewinnen, die die Post durch ihr Briefmonopol kassiert.
Damit könnte sich die Bundesregierung, die die hohen Portopreise genehmigt hat, einer unzulässigen Beihilfe schuldig gemacht haben. Und das in einer Größenordnung von zehn Milliarden Mark, die sie dann von der Post zurückfordern müßte.
Konzernchef Zumwinkel hält die Vorwürfe der Wettbewerber für »absurd«. Die Deutsche Post AG, schimpft der Manager, sei »in puncto Wettbewerb der Musterschüler Europas«. Zudem habe man detailliert nachgewiesen, daß die Gelder aus anderen Quellen stammen, beispielsweise dem Verkauf von posteigenen Immobilien.
Zumwinkel will die Sache zügig vom Tisch haben. Nichts wäre schlimmer als ein Aktienprospekt, der verschämt auf ein solches Milliardenrisiko hinweist.
Ohnehin muß Zumwinkel seine Anleger schon sanft darauf vorbereiten, daß die üppigen Gewinne aus dem Briefgeschäft nicht von Dauer sind. Wenn Ende des Jahres 2002 das Briefmonopol fällt, erwartet der Postchef einen überaus heißen Wettbewerb: »Das kann alles noch viel härter werden als bei der Telekom.«
So prophezeit eine Studie der Koblenzer Wirtschaftsberatungsgesellschaft CTcon schon jetzt dramatische Einbrüche für die Zeiten der Liberalisierung: Knapp zwei Milliarden Mark Umsatz gehen dann verloren, heißt es in dem Papier, das im Auftrag der Deutschen Post AG erstellt wurde. Auch das Ergebnis dürfte bis 1,24 Milliarden Mark niedriger ausfallen.
Wegen all dieser Unwägbarkeiten will die Post so lange wie möglich von ihrem Monopol profitieren. So läßt das Unternehmen bei der Regulierungsbehörde vorfühlen, ob der Portopreis von 1,10 Mark bis 2002 verlängert werden kann. Die bisherige Genehmigung läuft im August nächsten Jahres aus - just vor dem Börsengang.
Der Postchef lockt die Behörde mit dem Versprechen, »daß wir das Porto dann bis Ende 2002 konstant halten«. Doch manchem Regulierer reicht dies nicht: Angesichts der Rationalisierungserfolge der Post halten sie Portosenkungen für geboten.
Im Jahr 2003, auf dem dann vollständig liberalisierten Markt, wird es ohnehin dazu kommen. Dann prophezeien die meisten Experten einen gnadenlosen Preiskampf.
Auch E-Mail und Fax werden dem gelben Riesen weiter zu schaffen machen. Wie diese postmoderne Zukunft aussehen könnte, erlebt Zumwinkel schon jetzt daheim. Sein Sohn Alexander kommuniziert via Computer statt per Brief. Und auch Tochter Nina schickt aus Großbritannien lieber elektronische Mails an die Mutter.
Familienvater Zumwinkel nimmt es gelassen: »Zu Hause habe ich halt nicht ganz soviel zu sagen.« FRANK DOHMEN,
ULRICH SCHÄFER