Energie Potenter Partner
Mitte Juni versprach Bonns Wirtschaftsminister Hans Friderichs schnelle Staatshilfe für den Aufbau eines großen deutschen Mineralöl-Konzerns -- aus Angst vor der Energielücke. Ende September wollten Bonns Beamte bei der Transaktion nicht mehr mitspielen -- aus Angst vor den Kosten.
In einer Fusion des Düsseldorfer Energiekonzerns Veba mit dem Essener Mineralöl-Unternehmen Gelsenberg hatten FDP-Minister und Veba-Vorstandsvorsitzender Rudolf von Bennigsen-Foerder Westdeutschlands letzte Chance gesehen, im Wettlauf mit den multinationalen Öl-Giganten um Bohrlöcher und Liefergarantien der Erdölförderländer mitzuhalten.
Doch was nach Friderichs »für eine langfristige, kontinuierliche und ausreichende Versorgung des deutschen Marktes« geboten schien, wird immer unwahrscheinlicher. Denn wenige Wochen nach des Ministers Ankündigung formierte sich in Bonn der Widerstand gegen die Öl-Fusion im Revier. Der Zusammenschluß, so befürchten vornehmlich Beamte im Finanzministerium, würde den Bund als Veba-Hauptaktionär (40 Prozent) überfordern, da der Kauf der Gelsenberg-Aktien nur aus der Bonner Bundeskasse zu finanzieren sei.
Großaktionär des Essener Öl-Konzerns ist nämlich das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE), das erst vor vier Jahren das Gelsenberg-Aktienpaket (mittlerweile 48 Prozent) zum Preis von rund 550 Millionen Mark erwarb. Diesen Einstandspreis aber wollen die rheinischen Strom-Manager auf jeden Fall bei einer Fusion zurückerstattet haben, auch wenn der derzeitige Börsenwert des Pakets nur 490 Millionen Mark ausmacht.
Da die Veba weder willig noch bereit ist, diesen Preis zu zahlen, müßte der Bund das RWE-Paket übernehmen und nach der Fusion als Sacheinlage in den neuen Energie-Konzern einbringen. Selbst bei einem Umtausch von Gelsenberg- in Veba-Aktien müßte bei einer zusätzlichen Barabfindung der Bund einspringen.
Diese Aussichten schreckten die Beamten im Finanz- und Wirtschaftsministerium. Das von Friderichs kürzlich erarbeitete Energiekonzept vornehmlich zur Stützung der Ruhrkohle koste -- so ihre Rechnung -- ohnehin bereits jährlich 750 Millionen Mark.
Mit ihrem Widerstand unterstützten die Bonner Bürokraten um Ministerialdirektor Werner Lamby Gelsenberg-Chef Walter Cipa, der erbittert gegen eine Eingliederung in den Veba-Konzern kämpft. Der im Fusionsfall von einem Verlust seines Chefsessels bedrohte Öl-Manager aus Essen hatte schon zuvor mit einem Gegenplan gekontert: Sein Unternehmen sollte lediglich den Mineralölbereich in die Veba einbringen und dafür mit einem Aktienpaket des Düsseldorfer Konzerns entschädigt werden. Vorteil für Cipa: Er würde Firmenchef bleiben und zudem noch durch einen Sitz im Veba-Aufsichtsrat Kontrolleur beim ehemaligen Konkurrenten.
Cipas Gegenschlag gefällt denn auch Bennigsen wenig. Er hält die Modalitäten des Tauschangebots für »absoluten Unsinn«.
Ob Unsinn oder nicht -- mit ihrem Widerstand gegen die Fusion gefährden Cipa und die Bonner Finanzwächter die für Westdeutschlands Energieversorgung bedeutsamsten Verhandlungen eines deutschen Unternehmens mit einem Erdölförderland. Seit etwa einem Jahr konferiert nämlich der Veba-General mit der staatlichen Öl-Gesellschaft NIOC im Iran über einen Lieferkontrakt für Rohöl. Die Perser sind aber nur dann interessiert, wenn ihr deutscher Gesprächspartner potent genug ist, jährlich mindestens 25 Millionen Tonnen Rohöl abzunehmen. Die Veba allein könnte diese Bedingungen nicht erfüllen.
Der Iran will zudem, wie der Schah erst letzte Woche in Teheran wieder verkündete, »an allen Stufen der Veredlung und des Verkaufs« seines Rohöls in Europa teilhaben, um auch an der Weiterverarbeitung zu verdienen.
Deshalb planen Teherans Öl-Beamte seit kurzem den Bau einer deutsch-persischen Raffinerie am Persischen Golf, wo das für die Bundesrepublik bestimmte Öl zu Benzin, schwerem und leichtem Heizöl verarbeitet werden soll. Da insbesondere aber der Transport von Benzin in Tankern technisch aufwendig ist, müssen die im Iran raffinierten Treibstoffe zunächst durch chemische Zusätze gebunden und in Westdeutschland dann wieder zu Benzin, schwerem und leichtem Heizöl destilliert werden.
Ein Vorbild für derartige Gemeinschaftsarbeit lieferten letzte Woche die Belgier, die den Persern sogar den Zutritt zu den heimischen Raffinerie-Kapazitäten eröffneten. Der Vorteil dieses Kontraktes läge, so der Schah, auf beiden Seiten. Die Europäer erhielten die »Garantie einer Versorgung ohne die Gefahr einer Erpressung«.
Die Fusionsfreunde bei der Veba befürchten inzwischen, daß die Perser ihr Interesse an einem Gemeinschaftsprojekt mit den Deutschen verlieren könnten, wenn die Fusion zwischen Veba und Gelsenberg scheitern sollte. Denn mittlerweile haben Teherans Öl-Funktionäre auch Verhandlungen mit dem mächtigen italienischen Staatskonzern Eni und der ebenfalls im Staatsbesitz befindlichen französischen Mineralölgesellschaft Compagnie Francaise des Pétroles (CFP) um eine Vergabe ihrer Ölfelder aufgenommen.
Veba-Kleinaktionär Kurt Fiebich hält denn auch den Streit zwischen den Vorstandsetagen der beiden Mineralöl-Konzerne und den Widerstand der Bonner Ministerial-Bürokratie für gefährlich: »Von Tag zu Tag verschlechtert sich unsere Verhandlungsposition.«