ARBEITSZEIT Prediger in der Wüste
Im Tagungsraum des Allgemeinen Bildungsvereins 1863 in Stuttgart hockt eine bedrückte Schar. 44 Betriebsräte aus einem Dutzend Stuttgarter Metallunternehmen lauschen den Erläuterungen des Gewerkschafters Jürgen Stamm zur 38,5-Stunden-Woche. Es sind Leute von der Basis, von Bosch und Siemens, von Kodak oder Telefonbau und Normalzeit.
Bis Ende März nächsten Jahres müssen sie mit ihren Chefs und Personalleitern Betriebsvereinbarungen aushandeln. Darin soll minutiös festgelegt werden, wie ihre Betriebe die Arbeitswoche von 40 auf 38,5 Stunden verkürzen. »Wenn wir dabei nicht ganz scharf aufpassen«, warnt IG-Metaller Stamm, »ziehen uns die Arbeitgeber das Fell über die Ohren.«
Die Zuhörer nicken beklommen, sie ahnen, daß da was auf sie zukommt: Es ist etwas völlig Neues.
Anders als bei früheren Arbeitszeitverkürzungen geht es diesmal nicht einfach darum, auf die neue Stundenzahl umzuschalten. Zum ersten Mal haben die Tarifparteien in der Metallindustrie eine durchschnittliche betriebliche Arbeitszeit vereinbart, eben 38,5 Stunden.
Einzelne Arbeitnehmer, Gruppen oder ganze Abteilungen können von April 1985 an, wenn die Regelung in Kraft tritt, unterschiedlich lang arbeiten - 37 oder 38 Stunden, aber auch 40 Stunden. Nur für den gesamten Betrieb müssen im Schnitt 38,5 Stunden herauskommen.
Auf diesen Kompromiß haben sich die Tarifparteien im Frühsommer nach sieben Wochen erbittertem Arbeitskampf geeinigt. Doch was zunächst wie eine großartige Zauberformel zur Beendigung eines überlangen Arbeitskampfs aussah, erweist sich nun, in der praktischen Umsetzung, als Anlaß für viele neue Streitigkeiten.
»Der Konflikt ist einfach vom Verhandlungsraum in die Betriebe verlagert worden«, meint Wolfgang Baier, Betriebsratsvorsitzender beim Kamera-Hersteller Kodak, »nun müssen wir die ganze Geschichte ausbaden.«
Weil vieles nach dem Tarifabschluß Ende Juni offengeblieben war, wird nun der Worte-Krieg zwischen den Verbänden fortgesetzt. Gesamtmetall-Geschäftsführer Dieter Kirchner wirft der Metaller-Gewerkschaft vor, sie wolle in den Betrieben jedwede Flexibilisierung vermeiden und für alle einheitlich die 38,5-Stunden-Woche durchdrücken. Das sei »unfair und vertragswidrig«.
Die IG Metall kontert, viele Unternehmer seien gar nicht an flexiblen Arbeitszeiten interessiert; da brauche die Gewerkschaft nicht erst zu bremsen.
Die Gewerkschafter versuchten, das neue Terrain rechtzeitig abzustecken. Pädagogen und Tarifexperten aus der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt haben einen 94 Seiten starken Leitfaden ausgearbeitet. Anhand des Schulungsmaterials müssen in diesen Wochen Funktionäre wie Jürgen Stamm den Metallern erklären, was sich die Unterhändler bei der Abfassung des filigranen Paragraphengeflechts gedacht haben.
Ähnlich haben sich die Arbeitgeber gerüstet. Über 1000 Manager wurden allein im Regionalverband Baden-Württemberg von Sachverständigen instruiert.
Die Fortsetzung des Arbeitskampfs mit anderen Mitteln ist nicht nur auf die Metallindustrie beschränkt. Die Drucker haben einen ähnlichen Tarifvertrag unterschrieben, in der Holz- und Kunststoffindustrie treten vergleichbare Bestimmungen im April nächsten Jahres in Kraft. Auch im Handel fordern die Gewerkschaften eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit.
Wie schnell das auch immer gehen mag, sicher ist: In den nächsten Jahren nimmt die bundesdeutsche Industriegesellschaft endgültig Abschied von der 40-Stunden-Woche, von jener Arbeitseinheit, die sich so einfach in fünf Werktage zu acht Stunden einteilen läßt.
Dieser Wandel könnte, wenn der Metaller-Abschluß zum Modellfall wird, erstmals mehr bringen als einige Minuten Arbeit weniger am Tag; er könnte zu einer völligen Neuorganisierung der Arbeitswelt führen, bei der die Schaffenszeit besser an die Erfordernisse der Betriebe, aber auch an die Wünsche der Arbeitnehmer angepaßt wird.
Doch dieses Ziel zu verwirklichen, ist offenbar weitaus schwerer, als es sich viele Arbeitsexperten vorgestellt haben; auch schwerer, als es die Unterhändler der Metallindustrie bei ihrer Vereinbarung abschätzten.
Es scheint ganz einleuchtend, in einer Automobilfabrik die monotone Bandarbeit auf 37 Stunden zu begrenzen und in den Konstruktionsbüros 40 Stunden arbeiten zu lassen. Nur: Wie sollen Betriebsräte oder Personalchefs Arbeitnehmern, die beispielsweise in der Arbeitsvorbereitung 38,5 Wochenstunden ableisten, klarmachen, daß sie genausoviel in der Woche verdienen wie Bandarbeiter mit 37 Stunden?
Den »größten Knatsch« sieht Kodak-Betriebsrat Wolfgang Eisele voraus, wenn den Werktätigen klar wird, daß unterschiedliche Arbeitszeiten gleich bezahlt werden. Die IG Metall hat im Tarifvertrag einen Lohnausgleich durchgesetzt, und das bedeutet: Trotz geringerer Stundenzahl soll keiner weniger verdienen als vorher. Fürs gleiche Geld kann mithin ein 37-Stunden-Arbeiter täglich 18 Minuten früher Feierabend machen als ein 38,5-Stunden-Arbeiter. »Da kommt im Betrieb Freude auf«, spottet Funktionär Stamm.
Wo immer Stamm vor Betriebsräten auftritt, hält er die Empfehlung parat, für einheitlich 38,5 Stunden zu sorgen. Das sei die einfachste Methode, sich viel Ärger mit der Belegschaft zu ersparen. Und wie Stamm raten auch die anderen Funktionäre der IG Metall, die Einheitsarbeitszeit _(Beim Arbeitszeit-Seminar in Stuttgart. )
anzusteuern. Die Betriebsräte sollten die »individuelle Arbeitszeit von 38,5 Wochenstunden für jeden« Beschäftigten anstreben, empfiehlt der Stuttgarter IG-Metall-Bezirksleiter Ernst Eisenmann ganz offen.
Gesamtmetall-Geschäftsführer Kirchner findet diese Strategie »eine Schweinerei«, schließlich sei der Metaller-Abschluß ein Geschäft auf Gegenseitigkeit gewesen: »Wir haben die Arbeitszeitverkürzung akzeptiert und die Gewerkschaft die Flexibilisierung.«
Aber Kirchner muß einräumen, daß bei seiner Klientel nur geringe Neigung zu unterschiedlichen Arbeitszeiten besteht. Wenn er vor Unternehmern über Flexibilisierung rede, fühle er sich »wie ein Prediger in der Wüste«; er stoße bei den Managern auf »erschreckende Unwissenheit«.
Die Chancen für die IG-Metaller, daß sich ihre Betriebsräte mit der Forderung nach einheitlich 38,5 Stunden für jeden durchsetzen, stehen daher gar nicht so schlecht.
Vor allem mittelständische Unternehmen fürchten die vielen Komplikationen, die mit unterschiedlichen Arbeitszeiten verbunden sein können.
Einmal im Monat muß, so will es der Tarifabschluß, die Firmenleitung dem Betriebsrat nachweisen, daß die durchschnittliche Arbeitszeit aller Beschäftigten 38,5 Stunden beträgt. Die Mischung muß also stimmen: Der gewogene Durchschnitt all derer, die beispielsweise 37, 38,5, 39 und 40 Stunden arbeiten, muß für die Gesamtbelegschaft eine Arbeitszeit von 38,5 Stunden ergeben.
Es wird ein personalpolitisches und arbeitstechnisches Kunststück darstellen, diesen Mittelwert regelmäßig zu erreichen - auch wenn IG-Metall-Sprecher Jörg Barczynski beteuert: »Auf die Sekunde wollen wir nicht gucken.«
Verfehlt der Arbeitgeber den Schnitt, muß er seine Leute neu einteilen. »Wenn ihr euch an der Stelle immer querlegt«, trägt Stamm seinen Stuttgarter Betriebsräten vor, »könntet ihr jede Flexibilisierung torpedieren.«
Um Ärger zu vermeiden, haben manche Unternehmen schon die einfachste Lösung beschlossen: 18 Minuten pro Tag weniger arbeiten. Sehr zum Ärger der in Köln ansässigen Funktionäre von Gesamtmetall verkündeten beispielsweise die Kölner Ford-Werke die 18-Minuten-Regelung.
Manche Firmen, denen es nicht so gut geht, kommen trotz des Tarifabschlusses ganz ohne Arbeitszeitverkürzung davon. Bei der HDW-Werft in Kiel verständigen sich Firmenleitung und Betriebsrat darauf, die Frühstückspause, die der Betrieb bislang freiwillig gewährte, vertraglich zu vereinbaren. Kürzere Arbeitszeiten gibt es bei HDW nicht.
Eine schon etwas originellere Lösung fanden Betriebsräte und Firmenleitung bei Graetz in Bochum, dem modernsten Fernseher-Werk der Welt. Dort wird zukünftig im ersten Halbjahr täglich 18 Minuten weniger gearbeitet.
Nach den Sommerferien schaltet die Firma auf 40 Wochenstunden. Nach Weihnachten, wenn das Geschäft wieder flau ist, erhalten die Mitarbeiter dann drei zusätzliche freie Tage.
Ludger Hinse von der Bochumer IG Metall ist mit der Regelung zufrieden, obwohl sie nicht dem Tarifvertrag entspricht. Denn die Graetz-Belegschaft muß monatelang über 38,5 Wochenstunden arbeiten. Immerhin bräuchten nun aber 50 bis 70 Graetz-Mitarbeiter, deren Job durch Industrieroboter gefährdet war, nicht mehr entlassen zu werden.
Die Stuttgarter IG Metall rät ihren Betriebsräten, zunächst beim Acht-Stunden-Tag zu bleiben. In der Woche, so rechnet Funktionär Stamm vor, fallen dann 90 Minuten Mehrarbeit an. Dafür könne jeder freitags anderthalb Stunden früher ins Wochenende fahren. »Davon haben die Leute wenigstens was«, meint Stamm, »das spüren sie.«
Genausogut könnten die Metaller ihren Freizeitanspruch zwei Wochen lang ansparen. Dann hätten sie alle 14 Tage Freitag nachmittags ganz frei. Sinnvoll sei auch, so lange zu warten, bis ein ganzer Tag zusammenkomme. Da könne jeder am 27. Tag zu Hause bleiben, im Jahr macht das neun zusätzliche freie Tage.
Bei solchen Vorschlägen wird der Metaller wach. Denn mit ganzen freien Tagen kann er Werktage zwischen Feiertagen und Wochenenden überbrücken. Am 1. Mai oder am Himmelfahrtstag kämen nette Kurzurlaube zusammen.
Solche Brückentage sind nach Ansicht von Rolf Mahn, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei MAN in Augsburg, »das Attraktivste«. Nur, sie entsprechen ganz und gar nicht den Vorstellungen der Tarifstrategen in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale.
IG-Metall-Chef Hans Mayr hat das Ziel der 35-Stunden-Woche nicht aus den Augen verloren, er steuert weiterhin den Sieben-Stunden-Tag an.
Für ein solches Kampfziel wird sich die Basis nur schwer gewinnen lassen, wenn sie auf so liebgewonnene Annehmlichkeiten wie Brückentage verzichten muß. »Da kriegen wir keinen Mann auf die Straße«, warnt Mahn.
Die Gewerkschaftsfunktionäre, die immer schon die nächste Tarifrunde im Auge haben, achten denn auch genau darauf, daß die Betriebsräte vor Ort nicht allzuviel verbauen.
Die Arbeitgeber taktieren nicht anders. Auch sie haben den Blick stramm auf die nächste Arbeitszeitrunde gerichtet, die schon Ende 1986 ansteht.
In einem Rundschreiben appellierte kürzlich Gesamtmetall-Präsident Wolfram Thiele an alle Firmen-Chefs, »keine Mühen und Anstrengungen zu scheuen«, um Betriebsräte und Mitarbeiter von den Vorteilen flexibler Arbeitszeiten zu überzeugen. Die IG Metall habe bei der nächsten Tarifrunde »alle Trümpfe in der Hand«, wenn sie nachweisen könne, daß die Unternehmer mehrheitlich die Arbeitszeit auf 38,5 Stunden für alle verkürzt hätten.
In diesem Fall, so warnt Thiele in feinstem Amtsdeutsch, »würde ein Widerstand gegen die dann äußerst bedrohliche Gefahr einer generellen Verkürzung der Arbeitszeit in Richtung auf die 35-Stunden-Woche sehr schwierig«.
Beim Arbeitszeit-Seminar in Stuttgart.