Preise kaputt - DER SPIEGEL
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MÄRKTE Preise kaputt

Westdeutschlands Strumpfindustrie ist durch Überproduktion und Preiskämpfe in Schwierigkeiten geraten.
• aus DER SPIEGEL 40/1971
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hannelore Blank, Betriebsratsvorsitzende in der Dachauer Strumpffabrik »Sulida«, hatte schon seit längerem »gewisse Vorahnungen« daß es mit ihrer Firma nicht zum besten steht. Ende August gab es keinen Zweifel mehr: Als die 282 Arbeiter und Angestellten ihre Löhne abholen wollten, war die Firmenkasse leer. Den Inhabern. drei Münchner Textilhändlern, blieb nichts weiter übrig als der Gang zum Konkursrichter.

Zur gleichen Zeit wie die 1949 gegründete Dachauer Firma geriet auch die seit einem Jahr in Berlin etablierte »Charmaine«-Strumpffabrik in Schwierigkeiten. »Es geht jetzt um Sterben oder nicht«, konstatierte Geschäftsführer Alfred Wäsche.

Am Montag vergangener Woche schockierten die Branchenriesen Hans Thierfelder (Arwa) und Hudson (Mehrheitsgesellschafter ist der amerikanische Konzern Chadbourn Inc.) die Zunft mit der Nachricht. sie würden künftig »umfassend kooperieren«.

Pleiten und Fusionen signalisieren, daß sich die Lage der »hart umkämpften Strumpfindustrie« (Textil-Nachrichten-Magazin »le dernier cri") weiter zugespitzt hat: Die Wachstumsrate ist auf drei Prozent geschrumpft (1970: 15 Prozent), die Gewinnmargen sind auf ein existenzgefährdendes Minimum abgesunken.

Nach Untersuchungen von Marktexperten können die Strumpf-Bosse auch für die kommenden Jahre nicht mit besseren Bilanzen rechnen. Denn eine Steigerung des überaus hohen Pro-Kopf-Verbrauchs von 27 Paar Strümpfen und Strumpfhosen jährlich sei vorläufig nicht zu erzielen. Unternehmen, die ihre Umsätze erhöhen wollen, müssen daher versuchen, ihren Konkurrenten Marktanteile abzujagen.

Klein- und Mittelbetriebe stoßen dabei vor allem auf den energischen Widerstand des Branchen-Giganten Schulte & Dieckhoff (Jahresumsatz: 448 Millionen Mark), der seinen Marktanteil von rund 26 Prozent im Jahre 1969 auf über 35 Prozent im vergangenen Jahr erhöhen konnte.

An der heutigen Misere der Strumpfindustrie ist der Münsterländer Konzernherr Fritz Karl Schulte nicht unschuldig. Als er im Oktober 1960 seinen Einstand in der Branche als Markenartikler gab, machte er sogleich als Preisbrecher von sich reden. Seine »nur die«-Strumpfe« die ausschließlich über Lebensmittelgeschäfte verkauft wurden, bot er der Kundschaft für 1,95 Mark an. Strümpfe gleicher Qualität kosteten bei der Konkurrenz dagegen etwa eine Mark mehr.

Den damaligen Marktführern Margaritoff & Schaffer (Opal), Thierfelder (Arwa) und Vatter & Palme (Bellinda) blieb nichts weiter übrig, als die Billig. offerte zu unterbieten. Prompt verkauften sie einen Teil ihres Sortiments für 1,45 DM pro Paar.

Zu einem neuen Preiskrieg kam es, als die Feinstrumpfhosen in Mode kamen. Um den Boom nicht zu verpassen, investierten nämlich die meisten deutschen Strumpfwirkereien übereifrig in neue Maschinen. Ergebnis der Investitions-Euphorie: Viele Hersteller produzierten mehr, als sie absetzen konnten. Ihre Überproduktion mußten sie dann zu Schleuderpreisen auf den Markt werfen.

Deutschlands Strumpfbosse haben sich inzwischen daran gewöhnt, mit Bruchteilen von Pfennigen zu rechnen. So läßt Belinda-Chef Vatter seine in Deutschland gewebten Strumpfhosenteile mit Lastwagen in sein französisches Zweigwerk Montpellier bringen und dort zusammennähen, weil die Löhne dort etwas niedriger sind.

Branchenzwerge wie die Dachauer »Sulida« haben derzeit kaum noch Überlebenschancen. Auch die Produktionsumstellung der 1949 in den Baracken des ehemaligen Konzentrationslagers gegründeten Firma von Strick- auf Feinstrümpfe konnte die seit langem angespannte Ertragslage nicht mehr verbessern. Denn große Markenartikel. Hersteller gingen in letzter Zeit immer mehr dazu über, sogenannte Zweitmarken auf den Markt zu werfen, mit denen sie die Preise ihrer eigenen Markenstrümpfe unterbieten können.

Deshalb war für Branchenexperten schon von vornherein die Berliner Charmaine-Fabrik zum Mißerfolg verurteilt. Die als Abschreibungsfirma gegründete »Charmaine Textilverarbeitungs GmbH & Co.« sammelte 1969 bei rund 270 Kommanditisten 16 Millionen Mark ein und baute in Berlin-Heiligensee für 44 Millionen Mark eine Fabrikanlage auf.

Wegen der Absatzschwierigkeiten auf dem westdeutschen Markt kam die Produktion aber nicht recht in Schwung. Das von den Managern angepeilte Umsatzziel von 64 Millionen Mark jährlich erwies sich als viel zu optimistisch. Im Juni dieses Jahres zum Beispiel konnte das Unternehmen für nicht einmal 300 000 Mark Ware verkaufen.

Selbst Strumpfkönig Schulte beginnt sich um seine Existenz zu sorgen. In der vergangenen Woche ermahnte der ehemalige Preisbrecher seine Kollegen »zur Produktions- und Preisdisziplin«, da sonst ein »Chaos« unvermeidlich sei.

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